Personalmangel

Abgesagte Geburten in Neukölln: Hebammen warnen

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In Berlin fehlt es an Hebammen. Darauf hat als Erstes das Vivantes Klinikum Neukölln reagiert.

In Berlin fehlt es an Hebammen. Darauf hat als Erstes das Vivantes Klinikum Neukölln reagiert.

Foto: Annette Riedl / dpa

Nach Termin-Absage für Geburten in Neukölln: Entbindungshelfer weisen auf Personalnot in allen Kliniken hin.

Berlin. Nach der Entscheidung des Vivantes Klinikums Neukölln, bis 2022 vorrangig Risikoschwangerschaften zu betreuen, warnt die Vorsitzende des Berliner Hebammen-Verbands vor einer Verschärfung der Situation. „Auch in anderen Berliner Kliniken herrscht Hebammen-Mangel“, sagte Ann-Jule Wowretzko. Alle Berliner Standorte seien mehr als ausgelastet. Eine Eins-zu-eins-Betreuung sei auch dort kaum möglich. Das heißt, das Problem verlagere sich nur auf andere, ebenfalls überlastete Standorte.

„Das bringt die Hebammen dort in eine schwierige Situation“, sagt Wowretzko. Laut des Statistischen Berichts zu Krankenhäusern in Berlin von 2019 kamen auf 514 Hebammen 40.400 Geburten. Das sind 78 Geburten pro Hebamme in einem Jahr. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass von diesen 514 Hebammen 407 einer Teilzeitbeschäftigung nachgingen, sodass nicht klar gesagt werden kann, wie viele Stunden sie tatsächlich zur Verfügung gestanden haben.

Das Vivantes Klinikum Neukölln hatte, wie berichtet, entschieden, bis zum neuen Jahr weniger reguläre Schwangere aufzunehmen. Was für Betroffene schwierig ist, weil sie sich für ein spezielles Haus entschieden haben, sieht Wolfgang Henrich relativ gelassen. Mit Blick auf die insgesamt gut 20 Geburtshäuser in Berlin fielen die am Klinikum in Neukölln abgewiesenen Frauen „nicht sehr ins Gewicht“, sagte der Direktor der Klinik für Geburtsmedizin der Charité. Er rechnet vor: „Angenommen im Krankenhaus Neukölln müssen 1000 Schwangere in andere Kliniken verlegt werden, kommt rein rechnerisch auf die anderen Kliniken eine Geburt mehr pro Woche zu.“

Nach eigenen Angaben musste Vivantes in der letzten Zeit gut zehn Prozent der bereits angemeldeten Geburten, also 30 Schwangere im Monat, an andere Kliniken verweisen. Henrich hält es indes für „zumutbar“, eine Geburt an eine andere Klinik zu verlegen. Auch sei die Entscheidung des Vivantes Klinikum Neukölln an anderen Berliner Geburtshäusern weniger zu spüren als gedacht. So sei an der Charité Berlin nur eine „geringfügig“ höhere Nachfrage festzustellen, sagte Wolfgang Henrich.

Eine erhöhte Nachfrage meldete am Dienstag auch das St. Joseph Krankenhaus in Tempelhof. „Einerseits versorgen wir mehr Akutfälle, die uns insbesondere über die Zentrale Notaufnahme erreichen, und andererseits melden sich mehr Frauen regulär zur Geburt an“, teilte die Pressestelle auf Nachfrage mit. Ob es sich bei diesen Fällen um Frauen handelt, die eigentlich im Neuköllner Vivantes-Krankenhaus versorgt werden wollten, lasse sich jedoch nicht ermitteln. Vivantes will betroffene Schwangere an andere Geburtenkliniken des landeseigenen Konzerns in der Nähe vermitteln. „Wenn die Frauen einverstanden sind, werden Informationen zur Geburts-Voranmeldung intern weitergeleitet, und die andere Geburtsklinik meldet sich bei den Schwangeren“, so Vivantes.

Charité-Chef begrüßt Entscheidung Neuköllns

Die Entscheidung des Neuköllner Vivantes-Standortes, derart auf den Personalmangel zu reagieren, hält Wolfgang Henrich sogar für „weise und klug“, da so einer personellen Überforderung im Vorfeld entgegengewirkt werde. „Die Sicherheit in der Versorgung der Frauen geht vor, statt der Wunsch, in einer bestimmten Klinik zu gebären.“

Beruhigen möchte auch Marcel Weigand von der UDP Patientenberatung Deutschland. „Es ist natürlich erst mal verunsichernd, wenn eine Klinik Geburtstermine absagt; aber keine Schwangere braucht zu befürchten, ihr Kind zu Hause zur Welt bringen zu müssen.“ Berlin sei mit seinen knapp 20 Geburtsstationen in einer „recht komfortablen Situation“, so Weigand. „Und im Notfall wird niemand nach Hause geschickt. Es empfiehlt sich jedoch, sich rechtzeitig eine Klinik zur Geburt auszusuchen und dort anzumelden, damit die Patientinnen gut auf die Kliniken verteilt werden, das geht meist telefonisch oder online.“

Das ändert aber nichts an der schwierigen Lage der Hebammen. Die angespannte Personallage bedeutet in der Praxis, dass eine Entbindungshelferin häufig mehrere Frauen gleichzeitig während der Wehen, der Geburt und danach betreut. Das fordere viel von einer Hebamme ab, sagt Ann-Jule Wowretzko. „Es fehlt dann oft sogar die Zeit, mal einen Schluck Wasser zu trinken.“ Dabei seien Phasen mit besonders hoher Belastung zwar normal. „Wenn es sich aber nicht mehr um Phasen handelt – und an diesem Punkt sind wir gerade –, dann muss das System verändert werden.“

Die Beschäftigten von Vivantes und der Charité streiken deshalb seit etwa drei Wochen für einen besseren Personalschlüssel. Das Problem könne man nur durch deutlich höhere Investitionen in die Branche lösen. „Wir bilden zwar Hebammen aus, aber die Kolleginnen verlassen den Beruf schnell wieder“, so Wowretzko. Grund sei die hohe Arbeitsbelastung. „Wir wollen ja eine optimale Betreuung anbieten.“ Statt in der Geburtshilfe würden viele Hebammen freiberuflich in der Vor- und Nachsorge Schwangerer arbeiten oder Kurse geben. Andere verließen den Beruf aber gänzlich.