Pilotprojekt in Berlin

Nach 18 Monaten: So lief die erste Clubnacht in Berlin

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Menschen stehen beim Start des Pilotprojekts vor dem Club Metropol am Nollendorfplatz.

Menschen stehen beim Start des Pilotprojekts vor dem Club Metropol am Nollendorfplatz.

Foto: Paul Zinken / dpa

Am Freitagabend öffneten sechs Berliner Clubs ihre Türen. Gäste mussten vorher einen PCR-Test machen - sieben Tests waren positiv.

Berlin. Bork Melms sagt, er habe Gänsehaut bekommen, als er die DJs für dieses Wochenende angerufen habe. „Die sind fast ausgeflippt.“ Viele hätten seit Monaten auf keiner Party aufgelegt. Auch für ihn ist es die erste Veranstaltung in einem Club, die er seit 18 Monaten organisiert. An diesem Freitagabend, es ist kurz vor 22 Uhr, steht Melms vor dem „Metropol“-Club im Berliner Szenebezirk Schöneberg. Er wirkt aufgeregt. Rein dürfe er noch nicht, so Melms. Er warte noch auf das negative Ergebnis des PCR-Tests. So wie auch ein junger Mann, der vorbeiläuft. „Habt ihr schon eure Zertifikate?“, fragt er und aktualisiert den Bildschirm auf seinem Smartphone.

Vor dem Club herrscht Vorfreude. Am Eingang nehmen Partygänger erleichtert die Masken ab. Ein Mann umarmt seinen Begleiter, ein anderer tänzelt in den Club. Da sind zum einen die 300 PCR-getesteten Partygänger, die ihrer ersten Nacht in einem Tanzclub seit Beginn der Corona-Pandemie entgegenfiebern. Und da sind zum anderen die Politik und Clubbetreiber, die gespannt auf dieses Wochenende schauen. Mit dem dreitägigen Pilotprojekt „Reboot Clubculture“ sollen der international gefeierten Berliner Clubszene während der Pandemie neue Perspektiven aufgezeigt werden.

Clubs in Berlin: Tickets für das Partywochenende waren schnell vergriffen

Mit dem Pilotprojekt soll nun herausgefunden werden, wie und ob in einer Pandemie auch drinnen sicher getanzt werden kann - draußen tanzen ist unter Einhaltung der Hygieneregeln seit Ende Juni wieder erlaubt. Das Wochenende wird von Wissenschaftlern der Charité begleitet. An dem Projekt beteiligen sich neben dem „Metropol“ fünf weitere Clubs, darunter der Festsaal Kreuzberg, das SO36, der Salon zur Wilden Renate, das Crack Bellmer und der KitKatClub in Kreuzberg. Sie bieten in den beiden Nächten zwischen Freitag und Sonntag Veranstaltungen mit rund 40 Künstlern aus der Szene an. Die 25 Euro teuren Tickets waren in wenigen Minuten vergriffen.

Für die insgesamt 2000 Clubgänger gelten folgende Regeln: Alle müssen einige Stunden vor Eintritt in drei eigens eingerichteten Testzentren einen PCR-Test machen. Einlass gibt es nur mit negativem Ergebnis. Dabei soll nicht unterschieden werden, ob Menschen schon geimpft sind. Maske und Abstände braucht es im Club aber nicht.

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Kultursenator Klaus Lederer kündigt an, Projekt „auszurollen“

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) zeigt sich am Abend ebenfalls vor dem Club in Schöneberg. Er blickt optimistisch auf das Pilotprojekt. „Wenn das Modellprojekt gut geht, werden wir es sofort ausrollen“, sagte er der Berliner Morgenpost am späten Freitagabend. Lederer zufolge hätten die Clubs in den vergangenen Monaten versucht, vieles zu ermöglichen. Er verweist dabei auf die Öffnung der Außenbereiche oder Ausstellungen, die stattgefunden haben. „Jetzt müssen wir uns aber so langsam wieder an die Normalität rantasten“, sagte er.

Die Clubkultur gehöre zu dieser Stadt und der Abend sei ein Zeichen, dass sie wieder zurückkomme. Am „Kitkat“, wo sich eines der drei eigens für das Projekt eingerichteten PCR-Testzentren befindet, bildete sich bereits am Nachmittag eine lange Warteschlange. Insgesamt gab es sieben positive Tests beim Start des Pilotprojekts in sechs Berliner Clubs. „Die betroffenen Personen sind kontaktiert und in Quarantäne geschickt worden“, sagte Lutz Leichsenring von der Clubcommission am Samstagmittag. Leichsenring zeigte sich zufrieden mit dem Start: „Alle Sicherheitsmechanismen haben gegriffen.“ Insgesamt seien am Freitag rund 2200 PCR-Tests durchgeführt worden. Neben den 2000 Gästen wurden auch Künstler und Personal getestet, sagte Leichsenring.

Feiern mit PCR-Test kostet das Land Berlin 40.000 Euro

Die Kosten für die insgesamt 4000 PCR-Tests, jedem werden zwei Proben entnommen, übernimmt das Land Berlin. Laut Lederer fallen rund 40.000 Euro dafür an. Soll das Pilotprojekt tatsächlich „ausgerollt“ werden, ist bislang noch unklar, wer die Kosten trägt. Sollten die Feiernden das übernehmen, würde allerdings auch der Ticketpreis deutlich steigen.

Lederer sagte aber auch, dass das Modellprojekt ein möglicher Weg sei, um im Herbst feiern zu können. Denn es gebe nur zwei Möglichkeiten. „Feiern unter Betreuung oder nicht feiern. Daher werde das wohl erst einmal die einzige Möglichkeit sein oder die Läden bleiben zu.“

PCR-Tests - „Wir hoffen, dass es nicht die Zukunft ist“

Werden PCR-Tests also neben dem richtigen Outfit bald Voraussetzung zum Clubben sein? „Wir hoffen, dass es nicht die Zukunft ist“, sagte Pamela Schobeß, Vorsitzende der Berliner Clubcommission mit Blick auf das aufwendige Verfahren. „Aber es wäre eine Möglichkeit für den Herbst.“ Die Berliner Clubs hatten vor anderthalb Jahren schließen müssen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Mit #UnitedWeStream übertrugen sie Musik von leeren Tanzflächen in viele Wohnzimmer.

Clubs zählten zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 zu den Orten, auf die größere Corona-Ausbrüche zurückgeführt werden konnten - die sogenannten Superspreading-Ereignisse. Eines davon ereignete sich Ende Februar 2020 unweit des „Metropols“, in der „Trompete“. Beim damaligen Club-Leben konnten einige Faktoren zusammenkommen, die wohl als ideale Bedingungen für ein Virus gelten dürften, das sich auch über feinste, längere Zeit in der Luft schwebende Tröpfchen verbreitet. Da wären zum Beispiel: Eine große Zahl von Feiernden, die sich über Stunden hinweg durchmischt. Dazu Tanzen dicht an dicht, bei manchmal stickiger Luft. Wegen der Musik muss man laut sprechen oder sich anschreien, teils wird laut mitgesungen - das setzt mehr Aerosole frei als stille Tätigkeiten.

Impfzentrum Arena: Ab Montag wird mit Musik geimpft

Im Laufe der Woche plant die Berliner Senatsgesundheitsverwaltung eine weitere Aktion, die „Berliner Impfnächte“. Dort soll das Impfen mit Musik bis Mitternacht möglich sein. Die erste „Lange Nacht des Impfens“ ist für Montag, 9. August, im Impfzentrum in der Arena in Treptow geplant. Weitere Termine gibt es dort am Mittwoch, 11. August, und Freitag, 13. August. „Es soll ein Angebot für Menschen sein, die sich von der bisherigen Impfkampagne noch nicht abgeholt fühlen“, sagte Markus Nisch von der DRK KV Müggelspree und Leiter des Impfzentrums in der Arena. Gespielt werde an den Abenden vor allem elektronische Musik.

Wie die BZ berichtete, sollen sich Mitarbeiter vom Impfzentrum Arena am vergangenen Wochenende bei einer Open-Air-Feier im Techno-Club Kater Blau mit dem Coronavirus infiziert haben. Ob es einen Bezug zu der Feier gibt, kann eine Pressesprecherin des DRK Berlin nicht bestätigen. Sie verweist auf das Privatleben der Mitarbeitenden. Allerdings sagte sie der Berliner Morgenpost, dass nach derzeitigem Stand drei Mitarbeiter aus dem Impfzentrum Arena positiv getestet worden sind. Auch über den Impfstatus einzelner Mitarbeiter könne keine Aussage getroffen werden. Allerdings liege die Impfbereitschaft der Mitarbeiter bei über 98 Prozent, so die Sprecherin.

DRK-Sprecherin: Die meisten Impfungen würden länger zurückliegen

Die meisten Impfungen würden allerdings länger zurückliegen. Die Mitarbeitenden gehörten zur ersten Priorisierungsgruppe und wurden daher in der Mehrzahl bereits vor einigen Monaten geimpft. Weiteren Angaben zufolge sollen alle betroffenen Mitarbeiter, die engeren Kontakt zu den drei Infizierten hatten, am Donnerstag aus dem Dienst genommen und einem PCR-Test unterzogen worden sein. 125 dieser PCR-Tests seien negativ. Ebenso alle Schnelltest-Ergebnisse vom Sonnabend.

Auswirkungen auf die „Berliner Impfnächte“ in der kommenden Woche soll das nicht haben. Der Betreiber des Corona-Impfzentrums-Arena stellt laut der Sprecherin zudem sicher, dass zu den „Langen Nächten des Impfens“ ausschließlich Mitarbeiter eingesetzt werden, für die ein aktuelles negatives Testergebnis durch einen PCR-Test vorliege.

( dpa )