Nachnutzung TXL

Offizieller Baustart auf dem früheren Flughafen Tegel

| Lesedauer: 5 Minuten
Isabell Jürgens
Abschied Tegel: "Tegel hat eine Seele, die hat der BER noch nicht."

Abschied Tegel: "Tegel hat eine Seele, die hat der BER noch nicht."

Mit dem Abflug der letzten Air France Maschine schließt der Flughafen Berlin Tegel. Die Mitarbeiter und Besucher verabschieden den Flughafen auf ihre Weise: Erinnerungsfotos, Krokodilstränen und Abschiedstanz.

Beschreibung anzeigen

Mit neunjähriger Verzögerung startet jetzt für den Flughafen Tegel das größte Nachnutzungsvorhaben Berlins.

Berlin. Es ist zwar nur ein symbolischer Akt – doch für die weitere Entwicklung Berlins von enormer Bedeutung: Am Mittwoch hat der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), das 500 Hektar große Areal des ehemaligen Flughafens Tegel an die Tegel Projekt GmbH übergeben. Der Umbau des riesigen Geländes für das mit Abstand größte Nachnutzungsvorhaben der Stadt kann damit endlich beginnen.

Doch wie so oft bei Berliner Vorzeige-Projekten beginnt auch hier wieder alles mit einer erheblichen Zeitverzögerung. Eigentlich sollte die „Berlin TXL–The Urban Tech Republic“ längst mit Leben gefüllt sein. Bereits Anfang 2012 wurde die Tegel Projekt GmbH gegründet, um das Gelände zu entwickeln – im gleichen Jahr, in dem der Großflughafen BER in Schönefeld seinen Betrieb aufnehmen und der City Airport in Tegel geschlossen werden sollte. Doch es kam bekanntlich anders, der letzte Flieger von TXL hob im November 2020 ab und erst im Mai konnte der Airport außer Betrieb gestellt werden.

  • Lesen Sie auch den Kommentar: Eine weitere Planungspleite kann Berlin sich nicht leisten

Platz für die Modellstadt der Zukunft

„Es ist ein Glücksfall, dass wir TXL haben und hier die Modellstadt von Morgen errichten können“, sagte Michael Müller bei der feierlichen Schlüsselübergabe vor dem Hauptgebäude. Der symbolische Schlüssel, den die Flughafenarchitekten von Gerkan, Marg und Partner (gmp), eigens für die Eröffnungszeremonie in der charakteristischen, sechseckigen Form des Terminalgebäudes angefertigt hatten, ist zwar verschollen. Doch der rund acht Kilo schwere Nachbau nach den Originalplänen „erschließt nicht nur einen, sondern den Zugang zu insgesamt 60 Gebäuden mit insgesamt 60.000 Schlüsseln“, rief Müller die gewaltigen Dimensionen der Flughafenanlage in Erinnerung.

Klimaneutrale, autoarme Heimat für 10.000 Bewohner

Auf dem ehemaligen Flughafengelände soll nun über einen Zeitraum von rund 20 Jahren mit dem Schumacher Quartier ein klimaneutrales, autoarmes Stück Berlin mit 5000 Wohnungen für mehr als 10.000 Menschen entstehen sowie ein auf urbane Technologien spezialisierter Forschungs- und Industriepark mit Hochschulcampus, mit 1000 Unternehmen 20.000 Beschäftigten und einer Hochschule mit 25000 Studierenden. Darüber hinaus ist auch ein 150 Hektar großer Landschaftspark geplant, der von der landeseigenen Grün Berlin GmbH entwickelt, bewirtschaftet und verantwortet wird.

„Wenn wir die Zukunft lebenswert gestalten wollen, müssen wir damit in den Städten beginnen“, sagte Philipp Bouteiller, Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH. Berlin TXL sei darauf ausgerichtet, ein Schaufenster zu sein, eine Experimentierwerkstatt für die mensch- und naturbejahende Stadt der Zukunft. „Unser Team kann es nicht erwarten, endlich damit zu starten“, sagte Bouteiller. Zwar habe die Übernahme des Areals bereits am 3. September 2012 stattfinden sollen. Und statt 2017 werde nun eben erst 2027 mit dem Einzug der Beuth-Hochschule in das Terminalgebäude der erste spannende Baustein des Mega-Projektes fertig.

Doch die neunjährige Verspätung habe auch ihr Gutes, schließlich seien die ersten Bebauungspläne bereits beschlossen – ein Vorgang, der sonst in Berlin ohnehin im Durchschnitt 9,1 Jahre dauere, wie Gudrun Sack, Geschäftsführerin der Tegel Projekt GmbH ergänzte. Zudem seien höchst aktuelle Themen die wie das Schwammstadtprinzip oder die Idee der ressourcenschonenden, smarten Quartiersentwicklung umfassend eingeflossen. „Wir haben das Knowhow und die technologischen Lösungen, die Planungen sind ausgereift, gespickt mit über 140 Einzelinnovationen“, sagte die Geschäftsführerin.

30.000 Kilogramm Munitionsschrott geborgen

Gleich nach der offiziellen Entwidmung von TXL als Flughafen haben im Mai 2021 die Vorbereitungen für das Nachnutzungsprojekt begonnen. An erster Stelle stand dabei die Kampfmittelräumung im Bereich der künftigen zentralen Baustellenzufahrt am Kurt-Schumacher-Damm, östlich der Start- und Landebahnen. Diese rund 22.000 Quadratmeter große Fläche sei zu 80 Prozent beräumt, informierte Tegel Projekt, für 17.600 Quadratmeter wurde die Kampfmittelfreigabe erteilt. 28.000 Kubikmeter Boden mussten dafür auf der südlichen Landebahn zwischengelagert werden. „Die Arbeiten verlaufen plangemäß und werden bis September beendet“, so der André Dahn, Teilprojektleiter Kampfmittel und Altlasten bei der Tegel Projekt.

350 Stück sprengfähige Munition mit einem Gewicht von knapp 900 Kilogramm sowie fast 30.000 Kilogramm Munitionsschrott habe das 16-köpfige Sondierungsteam bislang gefunden. Bei den gesicherten Kampfmitteln handele es sich vor allem um Granaten, Brandbomben und Nahkampfmittel.

Noch im August beginnt die Räumung des ersten Bauabschnitts im Schumacher Quartier und ab Herbst die der Südzufahrt, von der General-Ganeval-Brücke aus kommend. Diese Arbeiten werden voraussichtlich Ende 2022 abgeschlossen.

275 Millionen Euro für den Grundstücksanteil des Bundes

Die Arbeiten an der „Urban Tech Republic“ haben begonnen, obwohl Berlin noch immer nicht im Besitz des gesamten Areals ist. Noch gehören zwei Drittel des Areals dem Bund. Doch die Verhandlungen sind laut Michael Müller weit fortgeschritten, im Raum stünden 275 Millionen Euro, die Berlin an den Bund zahlen müsse. Diesen Preis hatte ein Gutachten ermittelt. Die Kampfmittelberäumung werde dagegen extra berechnet, so der Regierende Bürgermeister – und hälftig geteilt.

Mehr zum Flughafen Tegel lesen Sie hier: