Sonderabschreibung

Rekordverlust am Flughafen BER

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Joachim Fahrun
Die Fluggastzahlen in Berlin liegen nur bei zehn bis 20 Prozent des Vorjahres (Archivbild).

Die Fluggastzahlen in Berlin liegen nur bei zehn bis 20 Prozent des Vorjahres (Archivbild).

Foto: Patrick Pleul / dpa

Die Flughafengesellschaft macht 2020 eine Milliarde Euro minus. Der Finanzbedarf für den BER liegt aber bei 1,2 Milliarden Euro.

Berlin. Die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) hat im Jahr 2020 einen Rekordverlust verbucht. Weil es für die derzeit kaum genutzten Terminalgebäude eine Sonderabschreibung über 767 Millionen Euro geben musste, weist der Jahresabschluss ein Minus von 1,058 Milliarden Euro aus. Das bedeutet, die Gebäude stehen nun mit einem erheblich niedrigerem Wert in den Büchern. Das Eigenkapital der Flughafengesellschaft ist damit fast komplett aufgezehrt.

Einfluss auf den Finanzbedarf gegenüber den drei Gesellschaftern Berlin, Brandenburg und Bund habe das aber nicht, sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup am Donnerstag nach der Aufsichtrassitzung. „Wir Hatten das antizipiert“, so der Manager: „Wir haben um 1,2 Milliarden Euro Entschuldungshilfe gebeten. Das reicht.“ Er habe zudem schon früher darauf hingewiesen, dass der Flughafen mehr Eigenkapital brauche.

Für 2021 ist der Bestand des BER durch Corona-Hilfen gesichert

Die Pleite droht der Gesellschaft trotz dieser tiefroten Zahlen zunächst nicht. Für das Jahr 2021 sei der Flughafen trotz der anhaltenden Pandemie durch die zugesagten Corona-Liquiditätshilfen ausfinanziert. Für 2022 hätten die Eigentümer weiteres Geld fest zugesagt. Wie viel genau benötigt wird, hänge von der weiteren Entwicklung der Pandemie ab.

Aufsichtsratschef Rainer Bretschneider sagte, bei der Sitzung habe das Kontrollgremium deutlich gemacht, dass die Flughafengesellschaft „weiter auf Hilfen der Gesellschafter angewiesen“ sei: „Ohne Hilfe besteht eine bestandsgefährdende Situation. Das wissen wir und unsere Gesellschafter“, so Bretschneider. Man sei aber sicher, bis 2025 wieder das Vorkrisen-Niveau von 2019 zu erreichen. „Mit der Teilentschuldung und den Liquiditätshilfen könne man dann „auf eigenen Beinen stehen“.

Passagierzahlen am BER sind wegen Corona eingebrochen

Flughafenchef Lütke Daldrup und die kaufmännische Geschäftsführerin Aletta von Massenbach hatten schon lange auf die schwierige finanzielle Lage der FBB hingewiesen. Die mit der Eröffnung des BER erwarteten Einnahmen sind wegen der Corona-Krise und dem daraus folgenden Zusammenbruch des Luftverkehrs ausgeblieben. Auch am BER sind die Passagierzahlen eingebrochen, liegen bei rund zehn Prozent des Vorkrisenniveaus an den alten Flughäfen Tegel und Schönefeld.

Die laufenden Verluste des Jahres 2020 bezifferte Flughafenchef Lütke Daldrup auf 96 Millionen Euro, der Rekordverlust sei durch die ohnehin schon hohen regulären Abschreibungen plus die Sonderabschreibung für die Terminalgebäude zustande gekommen. Höhere Kosten als normal habe die Eröffnung des BER mit dem vorgeschalteten Testphasen mit vielen Komparsen sowie der Umzug von Tegel zum BER verursacht.

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Insgesamt habe die FBB aber auch 85 Millionen Euro an Kosten eingespart. Insgesamt habe man aber 239 Millionen Euro weniger eingenommen als 2019, obwohl die Airlines am neuen BER mehr für Starts und Landungen zahlen müssen als in Tegel und im neuen Flughafen auch mehr Geld für Mieten von Shops und Restaurants eingehen. Insgesamt geht Lütke Daldrup mit geringeren Einnahmen von 1,6 Milliarden Euro gegenüber den früheren Planungen, ehe 2026 das alte Niveau wieder erreicht werden könne.

Jetzt verhandelt der BER in Brüssel über Genehmigung der Staatshilfen

Mit dem Jahresabschluss und dem bei der letzten Aufsichtsratssitzung vorgestellten Businessplan kann der Flughafen beziehungsweise die Bundesregierung nun in Brüssel darüber verhandeln, ob die Staatshilfen den Beihilferegeln der Europäischen Union entsprechen. Einen so genannten Private Investor Test hätten Gutachter positiv bewertet. Das heißt, auch ein privater Unternehmer würde Geld nachschießen, um seine bisher geleisteten Investitionen zu retten. Diese Abwägung ist ein wichtiges Element, um eine Staatshilfe zu bewerten. Lütke Daldrup verwies darauf, dass die Corona-Krise alle Flughäfen stark treffe.

Insgesamt habe das vergangene Jahr zwei Gesichter gezeigt, so Lütke Daldrup. Positiv sei die lang erwartete Eröffnung des BER gewesen. Traurig hingegen seien die Kurzarbeit für viele Mitarbeiter, der Verkehrseinbruch durch Corona und die finanziellen Schwierigkeiten.

Flughafenchef erwartet mehr Reisen im zweiten Halbjahr 2021

Insgesamt seien 2020 nur 6,9 Millionen Passagiere gezählt worden, nach mehr als 33 Millionen im Jahr davor. Die ersten beiden Monate Januar und Februar seien vor der Pandemie noch normal gelaufen. Aber danach seien nur noch 4,5 Millionen Passagiere von oder nach Berlin geflogen.

Für die Zukunft zeigte sich der Flughafenchef einigermaßen optimistisch. „Wir sind gerüstet, dass mit zunehmender Impfung wieder mehr in Deutschland und Europa gereist werden kann“, sagte Lütke Daldrup. Er erwarte im zweiten Halbjahr deutlich mehr Fluggäste. „Dann sehen wir endlich wieder Licht am Ende des Tunnels“ Noch will der Flughafen den neuen Terminal 2 nicht eröffnen. Das werde aus Kostengründen erst geschehen, wenn auch die Nachfrage absehbar sei.

Zur Nachfolge von Engelbert Lütke Daldrup, der im September aufhört, konnte Aufsichtsratschef Bretschneider nur wenig sagen. Die Gespräche liefen gut, sagte er. Zum Vorschlag von zwei berliner CDU-Abgeordneten, den Betrieb des Flughafens und die Immobilienentwicklung des Umfeldes zu privatisieren, sagte Bretschneider, er sehe es als „Kompliment für unsere Werthaltigkeit“ wenn davon ausgegangen werde, dass ein Privater schon 2022 350 Millionen Euro für die zwei Konzessionen bezahlen wolle. „Wenn man das von einem privaten Investor bekommt, sagte ich Chapeau“, so Bretschneider.