Gastbeitrag

Gemeinsam aufs Strompedal!

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Michael Geißler
Eine Ladestation für E-Autos (Archivbild).

Eine Ladestation für E-Autos (Archivbild).

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Michael Geißler, Geschäftsführer der Berliner Energieagentur GmbH, fordert den Ausbau der Ladeinfrastruktur.

Die Gelegenheit ist günstig. Die Anschaffung von Elektroautos und eigener Ladestationen ist so erschwinglich wie nie. Doch die Politik muss auch die Mieterinnen und Mieter im Blick behalten. Zur Schaffung von Ladeinfrastruktur braucht es eine Allianz aus Politik und Wirtschaft, ein „Berliner Modell“ und gezielte Anreize auch für Vermieterinnen und Vermieter.

Die Gelegenheit, sich ein neues Elektroauto anzuschaffen, war noch nie so günstig wie heute. Umweltbonus und Innovationsprämie versprechen bis zu 9000 Euro Erstattung beim Kauf eines bis zu 40.000 Euro teuren Fahrzeugs mit rein elektrischem Antrieb. Die Industrie reagiert mit Angeboten: Immer mehr E-Mobile kommen auf den Markt, mit immer größerer Reichweite.

Und auch der Kauf einer neuen Ladestation oder Wallbox wird mit 900 Euro gefördert. Das ist üppig, denn mit dieser Summe sollte ein wesentlicher Teil der Aufwendungen abgedeckt sein. Die Förderung ist an die Bedingung geknüpft, dass der Strom fürs Aufladen ausschließlich aus erneuerbaren Energien stammen darf. Gerade der kombinierte Aufbau von Ladestation und eigener Photovoltaik (PV)-Anlage auf dem Hausdach ist daher sinnvoll, denn auch Solarstrom wird gefördert. Zudem hat die Bundesregierung kürzlich das Erneuerbare Energien-Gesetz reformiert; damit die Bedingungen für sehr preiswerten Eigenverbrauch verbessert. So wird Elektromobilität zu einer smarten Angelegenheit.

Davon profitieren können momentan in erster Linie diejenigen, die ein eigenes Haus mit Garage besitzen. In einer Stadt wie Berlin drängt sich aber die Frage auf: Wie können auch Mieterinnen und Mieter an der neuen Welt der Elektromobilität teilhaben? Und welche Möglichkeiten stehen Vermieterinnen und Vermietern offen, damit das Einrichten von Ladestationen auf bestehenden Stellplätzen bald auch in den Quartieren der Stadt zunimmt?

1400 öffentliche Ladepunkte in Berlin

Der Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur ist mit rund 1400 öffentlichen Ladepunkten in Berlin schon vergleichsweise gut vorangekommen. Allerdings ist der Umbau der Verkehrsinfrastruktur in den Innenstadtbezirken sehr viel komplexer als am Stadtrand. Deshalb kann es bei der Umstellung auf Elektroautos nicht darum gehen, unsere Vorstellungen von der individuellen Mobilität ins elektrische Zeitalter zu retten. Zur Wahrheit gehört, dass in den Stadtzentren viel weniger Autos fahren werden als bislang. Es wird darauf ankommen müssen, dass der zukünftige Autoverkehr smart und digital mit Angeboten des öffentlichen Nahverkehrs, Carsharing-Angeboten und dem Fahrradverkehr verknüpft wird. Trotzdem wird es in den Mieterquartieren Menschen geben, die ohne ein eigenes Auto nicht auskommen können. Auch sie sollen die Möglichkeit haben, auf ihren Stellplätzen Elektroautos laden zu können. Quartierskonzepte, bei denen der Ausbau von erneuerbaren Energien mit anderen Klimaschutzmaßnahmen bereits zusammengedacht wird, sollten daher für den Ausbau von Ladestationen auf vermieteten Stellplätzen geöffnet werden.

In der Praxis stehen Gebäudebesitzer bei der Nachrüstung mit PV-Anlagen und Ladestationen vor technischen Herausforderungen. Beide Vorrichtungen müssen ans öffentliche Stromnetz und an die oftmals veralteten elektrischen Hausanlagen angeschlossen werden. Dabei hat sich gezeigt, dass die in die Jahre gekommene Elektroinstallation in den Häusern selbst für den Ausbau erst ertüchtigt werden muss. Das ist oft mit erheblichen Investitionen verbunden, die sich nur sehr langfristig amortisieren. Davor schrecken alle Immobilienbesitzer zurück. Zudem hat sich das Investitionsklima in Berlin aufgrund des Mietendeckels eingetrübt.

Genau hier bedarf es noch passender Anreize, damit die Wohnungswirtschaft im Bestand Solarstrom erzeugen und Ladestationen ermöglichen kann. Attraktiv wäre eine steuerliche Abschreibung für Investitionen in die Erneuerung der Hauselektrik auf Bundesebene oder auch eine Ausweitung der Investitionsförderung auf Landesebene. Letzteres ist im Rahmen der anstehenden Novellierung des Berliner Energie- und Klimaschutzprogramms denkbar. Der Erfolg des Berliner Förderprogramms „Wirtschaftsnahe Elektromobilität“ (WELMO) zeigt, dass Unternehmen sowie Selbstständige den Umstieg auf Elektromobilität damit aktiv angehen.

Modular aufgebautes Modell sorgt für Akzeptanz

Jetzt bedarf es einer Zusammenarbeit aller Akteure, um Elektromobilität und Solarstromerzeugung sowohl in den Quartieren als auch am Stadtrand Realität werden zu lassen. Über eine gemeinsame Initiative sollte jetzt eine breite Basis für umfassende Information und qualifizierte Ausführung geschaffen werden. Idealerweise gelingt dies mit einem modular aufgebauten „Berliner Modell“ für den Ausbau von Ladestationen und PV-Anlagen. Praktikabel und preiswert. Das sorgt für Akzeptanz und Vertrauen.

Die Zeit ist reif für eine Allianz aus Politik und Wirtschaft, die gemeinsam aufs Strompedal drückt, damit Elektromobilität zum Erfolg für alle wird. Die Berlinerinnen und Berliner, die Wirtschaft und das Klima unserer Stadt werden es danken.