Corona

Einsamkeit: Die unerkannte Volkskrankheit

| Lesedauer: 21 Minuten
Jan-Henrik Hnida und Julian Würzer
Der Spaziergang allein im Tiergarten ist kein Ersatz für gemeinsam verbrachte Zeit mit Kommilitonen.

Der Spaziergang allein im Tiergarten ist kein Ersatz für gemeinsam verbrachte Zeit mit Kommilitonen.

Foto: Reto Klar/ffs

Viele Menschen leiden unter dem Alleinsein. Corona hat das Gefühl noch verstärkt. Einige Bezirke wollen nun dagegen etwas tun.

Berlin. "Mein Mann ist an Demenz erkrankt. Ich konnte ihn nicht mehr pflegen. So kam er in ein Pflegeheim. (...) Mein Mann ruft mich jeden Tag an und fleht nach mir. Ich kann ihn nicht besuchen, weil ich zu schwach bin für den weiten Weg.“

Es sind Erzählungen wie die der Lichtenberger Seniorin, die zeigen, wie dramatisch das Problem Einsamkeit in Berlin generell und in Zeiten von Corona im Besonderen ist. Als erster Bezirk gab Lichtenberg Ende des Jahres 2020 einen eigenen Einsamkeitsbericht heraus. Die Geschichten darin handeln von Menschen, deren Lebenspartner dement werden oder sterben und die danach niemanden mehr haben, der mit ihnen spricht.

Es gibt aber auch die jungen Menschen, die für ihr Studium nach Berlin ziehen und keinen Anschluss finden. Oder von Menschen, die ihren Job wechseln und keine Freunde in der neuen Stadt finden. Sie eint mit den Senioren eines: Sie sitzen allein in ihren Wohnungen und können mit keinem über ihre Probleme, über ihre Sorgen und Freuden reden. Die Kehrseite der gestiegenen Mobilität unserer Gesellschaft, sie zeigt sich in der Krise besonders deutlich.

Einsamkeit gab es schon vor Corona. Oft hatte sich die Einsamkeit schon tief in den Alltag der Menschen verwurzelt, hat sie stumm gemacht. Knapp ein Jahr ist vergangen, seit die Bundesregierung in Deutschland langandauernde Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie beschlossen hat. Wie das Virus in den Ländern wütete, wie die Menschen durch Abstand und Vereinzelung das Virus aufhalten wollen – das alles wird zu einem kollektiven Erlebnis, das die Einsamen schonungslos allein lässt. Laut der Studie „Deutscher Alterssurvey“ wächst mit der Pandemie das Gefühl der Einsamkeit. 2020 lag der Anteil einsamer Menschen bei knapp 14 Prozent, also 1,5-mal höher als in den Vorjahren. Gefördert wurde die Untersuchung, an der im Juni und Juli 2020 insgesamt 4762 Personen teilgenommen haben, vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Wie manche Menschen auf das Alleinsein reagieren, zeigte sich am 18. November 2020. Vor dem Brandenburger Tor protestierten 10.000 Menschen gegen die geltenden Corona-Maßnahmen. Zu den Demonstranten gehörte Julia F. aus Berlin. Sie erzählte, sie sei Single und tue sich schwer in diesen Zeiten, einen möglichen Partner kennenzulernen. Anstatt neue Menschen in einer Bar zu treffen, zählten Spaziergänge ohne Begleitung entlang der Spree zu den Höhepunkten ihres Tages.

Dieses Gefühl lernen außer Julia F. viele Menschen während der Pandemie kennen. Ihr soziales Leben ist weggebrochen. Keine halbprivaten Gespräche mehr im Büro mit Arbeitskollegen – der kleine Plausch in der Teeküche ist ersatzlos gestrichen. Kein Beisammensitzen nach dem Fußballtraining, keine Party im Club und auch kein Abendessen beim Italiener. Frustrierte Erstsemester lernen ihrer Kommilitonen nur noch über den Bildschirm kennen. Auch Schülern fehlen ihre Kontakte.

Vielen jungen Menschen fehlt Perspektive

„Jugendliche mit psychiatrischen Problemen sind fast unser tägliches Brot“, berichtet Jakob Maske, Berliner Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Jugendpsychologische Einrichtungen müssten bereits sortieren, wen sie noch aufnehmen können. „Den Jugendlichen fehlen die vielfältigen Kontakte und oft auch die eine gute Freundin“, sagt Maske. Ängste können sie mit niemandem teilen. Die Pandemie werde Spuren an dieser Generation hinterlassen, so Maske. Ähnlich nimmt das auch Jannis Kuhlencord wahr. Er hat während des ersten Lockdowns in Deutschland die Webseite togethernesshub.com ins Leben gerufen und will damit Expertisen auf dem Themengebiet Einsamkeit zusammenführen. „Junge Menschen fallen fast komplett unter den Tisch“, sagt er und verweist auf eine große Studie mit 55.000 Teilnehmern aus Großbritannien. Ihr zufolge fühlen sich Menschen zwischen 16 und 24 Jahren besonders einsam. „In dieser Zeit versuchen viele junge Menschen auf eigenen Beinen zu stehen“, sagt er. Sie ziehen von zu Hause aus, wollen ins Ausland, wagen ein Praktikum oder ein Studium. Derzeit fallen viele dieser Zukunftsperspektiven weg.

Von Einsamkeit betroffen sind in einer alternden Gesellschaft vor allem Senioren. Die Pandemie hat ihre Situation noch einmal verschärft. „Besonders in den Wintermonaten hat uns die Einsamkeit der älteren Mitglieder Sorgen gemacht“, sagt Manfred Nowak, Vorstandsvorsitzender des AWO-Kreisverbands Berlin-Mitte. Konnten normalerweise viele der 1300 Mitglieder Bingo spielen oder mit Kaffeetrinken und Tanzabenden die sonnenlosen Monate überbrücken, ist das nicht mehr möglich. Die AWO-Begegnungsstätten sind geschlossen. Das riss für viele ein Loch in den Alltag. Es fehlt der Halt, die kleinen Rituale, die festen Termine. „Gerade für Ältere waren die Kontakte bei uns ihr Lebensmittelpunkt“, so Nowak. Mit Anrufen, Einkaufshilfen und gemeinsamen Spaziergängen durch ehrenamtliche Helfer soll dem Alleinsein ein wenig entgegengewirkt werden. Doch das sei zu wenig. „Bei vielen Senioren sind bereits Anzeichen von Depressionen zu erkennen“, sagt Nowak.

In den Seniorenwohnheimen der Caritas ist die Lage ähnlich. „Eine Etage gilt als ein Haushalt – da kann man also nicht im ganzen Haus fragen: Wer hat Lust auf Bingo?“, erklärt Claudia Appelt, Pressesprecherin der Caritas-Altenhilfe. Gemeinsames Singen oder Gottesdienste dürfen nicht mehr angeboten werden – einsame Nachmittage auf den Zimmern seien die Folge. Konnte früher die Tochter nach dem Einkauf auf einen Kaffee bei ihrer Mutter im Heim vorbeischauen, ist dies jetzt nur noch mit einem negativen Corona-Schnelltest und Registrierungs- und Dokumentationsaufwand möglich.

Es ist die Seite der Pflegeheime, die Appelt sieht. Zur Wahrheit gehört auch, dass viele Angehörige nicht im Altersheim vorbeischauen können, weil die moderne, mobile Gesellschaft Familien auseinanderreißt. Kinder leben nicht mehr in derselben Stadt, manchmal nicht mal im selben Land wie ihre Eltern. Auch das führt dazu, dass ältere Menschen vereinsamen.

Lösungen gibt es bislang noch wenige, doch zumindest Hilfe. Die ehemalige Staatssekretärin für Frauenpolitik des Landes Sachsen-Anhalt, Elke Schilling, war bis vor einigen Jahren Teil der Seniorenvertretung des Bezirks Mitte in Berlin. Sie gründete das Hilfsangebot Silbernetz. Schilling beschreibt das Projekt als eine Telefonhotline für Menschen, die älter als 60 Jahre sind, sich einsam fühlen und anonym reden wollen. So habe erst kürzlich eine „alte Dame aus Berlin“ angerufen, erzählt sie. „Wir haben festgestellt, dass sie Wessi ist und ich eben Ossi“, sagt sie. Dann hätten sie am Telefon West-Ost-Vokabeln ausgetauscht. Das schaffte Gemeinsamkeit.

Zaghaft wird das Thema Einsamkeit in Berlin angegangen. Als erster Bezirk gab Lichtenberg den eigenen Einsamkeitsbericht Ende des Jahres 2020 heraus. Bei „Hand in Hand gegen Einsamkeit“ liegt der Fokus auf älteren Bewohnern. Allerdings gibt es keine Zahlen, wie viele Menschen in welchem Ausmaß einsam sind. Eher wird mit Hilfe von wissenschaftlicher Literatur beschrieben, was Ursachen und gesundheitliche Folgen von Einsamkeit sein können.

12,7 Prozent der Senioren haben einen Kontakt je Woche

Das Thema beschäftigte Soziologen schon vor der Corona-Krise. Eine Studie des Bezirksamts Mitte wurde 2019 durchgeführt und gerade veröffentlicht. Die LISA II Studie, gibt Hinweise darauf, dass auch in Mitte die Vereinsamung gerade für ältere Menschen groß ist. Die 1592 Befragten, die älter als 60 Jahre waren, nannten mögliche Kontaktpersonen und kreuzten an, wie häufig sie mit dem Menschen in Kontakt kommen. Dabei kam heraus, dass 12,7 Prozent, höchstens einmal pro Woche oder weniger zu anderen Menschen Kontakt haben.

Auf der politischen Ebene in Berlin kommt das Thema nur langsam an. Die Fraktion der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Mitte forderte zu Beginn des Jahres, eine Strategie zur Bekämpfung von Einsamkeit zu entwickeln. In anderen Ländern ist das anders. So gibt es in Großbritannien seit 2018 ein Einsamkeitsministerium. Bei der Einführung sagte die damalige Premierministerin Theresa May: „Einsamkeit ist die traurige Realität des modernen Lebens“.

„Zusammen mit anderen wäre das Studium schöner“

Manchmal, wenn Lena Weiß*, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, niemanden hat, mit dem sie sich unterhalten kann, hört sie Podcasts. Dann sprechen Stimmen von Comedians wie Felix Lobrecht oder Klaas Heufer-Umlauf zumindest aus den Lautsprechern mit ihr. Das kommt vor allem an Tagen unter der Woche vor, wenn die 24-Jährige mit Vorlesungen und Hausarbeiten für ihr Politikstudium beschäftigt ist. Dann können Mittagspausen und Abende lang werden – sehr lang.

Es ist Valentinstag, als sie entlang der Wege durch den Tiergarten spaziert. Der Tag ist sonnig, aber kalt. Sie trägt eine kleine Umhängetasche und Handschuhe. Um sie herum halten Paare Händchen, küssen sich. Manche schnüren sich gegenseitig die Schlittschuhe und laufen wie die Pinguine auf einen gefrorenen Teich zu. „Das macht mir nichts aus“, sagt Weiß. Die Studentin erzählt, sie sei wenige Wochen vor dem zweiten Lockdown nach Berlin gezogen. Ihre Kommilitonen kennt sie hauptsächlich aus Video-Vorlesungen – persönlich ist sie nur wenigen begegnet. Wenn sie an manchen Tagen vor ihrem Laptop in ihrem kleinem WG-Zimmer sitzt, da komme dieses Gefühl hoch. „Ich fühle mich manchmal alleine“. Dabei beschreibt sie sich selbst eher als extrovertiert. Während ihres ersten Studiums bei Stuttgart habe sie viele Freunde gehabt. Während der Mittagspausen seien sie oft zusammen in die Mensa der Universität oder hätten sich nach den Vorlesungen getroffen, um ein Bier zu trinken. Das sei ihr bislang größtenteils verwehrt geblieben. Seit November gelten in Berlin strenge Kontaktregeln und der Alkoholkonsum auf öffentlichen Straßen war untersagt. Nicht einmal in der Bibliothek, in der Weiß gerne lernen wollte, um aus ihrem WG-Zimmer rauszukommen, konnte sie andere Studentinnen oder Studenten kennenlernen. „Ich vermisse das so sehr“, sagt sie. Die Verlängerung des Lockdowns bis voraussichtlich 7. März habe sie nicht mehr überrascht. Hoffnung macht ihr, dass die öffentlichen Bibliotheken als Lernort wieder öffnen dürfen. „Zusammen wäre das Studium schöner.“

„Ich rede fast schon mit meinen Wänden“

„Das Schlimmste ist, dass man zurzeit keinen richtigen Kontakt zur Außenwelt hat. Ich rede fast schon mit meinen Wänden“, erzählt Marina Brockhaus – und blickt gedankenverloren aus dem Fenster an der Coppistraße im Zentrum Lichtenbergs. Aus dem 19. Stock kann die 72-Jährige bis zum Brandenburger Tor und der imposanten Wasserstatue Molecule Man in Treptow gucken.

Nachdem ihr Mann vor sechs Jahren und ihr einziger Sohn vor einem Jahr verstarben, hatte sie sich mit dem Alleinsein in den eigenen vier Wänden ein wenig arrangiert. Doch durch das Coronavirus und die (sozialen) Folgen fühlt sich Brockhaus nun sehr einsam. „Wenig-stens konnte ich früher ne Tasse Kaffee im Ringcenter trinken und mit anderen Leuten quatschen. Das ist heute unmöglich“, berichtet die 72-Jährige, die sonst in der Karlshorster Begegnungsstätte Tanzabende und Wandertage mitmachte oder gemeinsam mit anderen Senioren kochte. Sie selbst betreute ehrenamtlich auch andere ältere Menschen. „Das hat mich erfüllt. Nun fühle ich mich als Nichts“, erklärt Brockhaus.

42 Jahre lang war sie Verkäuferin im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz und in Blumen- und Zoo-Geschäften. Noch heute steht die Seniorin vor sechs Uhr auf, kauft sich zum Frühstück eine Zeitung und surft dann im Internet. „Oft gehe ich danach in den Supermarkt – nur um das Gefühl zu haben, dass ich unter Leuten bin“, sagt Brockhaus. Gern würde sie mal wieder mit Bekannten Skat spielen. Zurzeit ist der nachmittägliche Spaziergang das höchste der Gefühle.

Zu Hause bekomme sie oft ein beklemmendes Gefühl – und weint. Ihr Hausarzt wollte ihr Antidepressiva verschreiben – sie lehnte ab, will nicht abhängig werden. „Zwar kenne ich in unserem Doppelhochhaus viele Nachbarn. Aber wenn es mir richtig schlecht geht, besuche ich unten den Concierge. Zum Reden“, erzählt die Rentnerin. Gut tat ihr ebenfalls der Besuch einer Freundin am Wochenende. Selbst Weihnachten verbrachte sie alleine, weil bei ihrem Bruder die Maximalzahl an erlaubten Personen erreicht war.

Hält die 72-Jährige eher wenig von Online-Kursen für Gymnastik, chattet sie gerne über WhatsApp – um so wenigstens ihre Freundschaften am Laufen zu halten. Und sich ein wenig abzulenken.

„Ohne Dagmar hätte ich niemanden“

Einsamkeit kennt Christa Splettstoeßer aus Friedrichsfelde zur Genüge. Seit zehn Jahren muss die 86-Jährige mehr oder weniger allein klarkommen. „Mein Sohn muss sehr viel arbeiten. Ansonsten sind alle aus meinem Freundeskreis bereits tot“, erzählt die Berlinerin, die wegen einer Nervenlähmung im Rollstuhl sitzt. Lesen kann Splettstoeßer nur noch mit der Lupe. Ansonsten guckt sie Fernsehen und hört gerne klassische Musik – keine Schlager, betont sie.

Morgens helfen ihr Diakonie-Pfleger beim Frühstück und nachmittags beim Wechseln der Thrombose-Strümpfe. „Meistens hat da aber keiner wirklich Zeit, sich mit mir zu unterhalten“, sagt sie in ihrem Wohnzimmer. Das Sauerstoffgerät läuft neben ihr. Bad, Küche und Schlafzimmer – in diesen Räumen spielt sich seit Jahren das Leben der Seniorin ab. „Ich habe schon Schwierigkeiten auf meinen Balkon zu gehen, ich kann einfach nicht mehr laufen“, erklärt die Lichtenbergerin.

Irgendwann machte sie eine Pflegerin auf den ehrenamtlichen Besuchsdienst für ältere Menschen im Bezirk aufmerksam. Seitdem bekommt sie zweimal in der Woche von Dagmar Fritsche Besuch. „Ohne Dagmar hätte ich niemanden“, sagt Splettstoeßer. Auch an diesem Mittwochnachmittag klingelt die 75-jährige Ehrenamtlerin. Drinnen berichtet dann Fritsche bei Kaffee und Kuchen das Neueste aus Lichtenberg und der Bundespolitik. „Ich habe viel durchgemacht. Aber mein Gedächtnis ist gut und der Kopf funktioniert“, meint Splettstoeßer. Kindheitserinnerungen, wie sie mit vier Jahren Masern und Mumps bekam, ihre Familie in der Progromnacht vom 9. November 1938 in den Keller flüchten und wie sie nach dem Krieg in Ruinen leben mussten – all diese Erlebnisse kommen immer wieder zur Sprache, sind noch immer präsent.

Wo ist der passende Arzt? Wie bestelle ich das Tee-Taxi? Welche Pflegeleistungen stehen mir zu? – bei all diesen Fragen half der 86-Jährigen ihre Freundin Dagmar. „Wir vom ehrenamtlichen Besuchsdienst sind Seelsorger und zugleich Lotsen“, meint Fritsche. Sie und Splettstoeßer wünschen sich mehr ehrenamtliche Begleiter, die einsame Menschen besuchen. „Es ist keine verschenkte Zeit, sondern ein gegenseitiges Geschenk“, finden beide.

„Das wichtigste Rezept ist, das eigene soziale Netzwerk zu stricken“

Einsamkeit ist in Deutschland noch immer ein Tabuthema. Während der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Kontaktbeschränkungen hat sich bei vielen Betroffenen die Situation verschärft. Mazda Adli ist Psychiater und Stressforscher. Er ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen der Charité. Im Interview spricht er über die Angst, „Ich fühle mich einsam“ zu sagen.

Herr Adli, Sie beschäftigen sich täglich mit dem Thema Einsamkeit. Gab es in den vergangenen Monaten auch Momente, in denen Sie sich selbst einsam gefühlt haben?

Mazda Adli: Mein Leben hat sich durch die Corona-Pandemie stark verändert. Ich bin ein sehr unternehmungsfreudiger Mensch. Ich treffe normalerweise gerne Freunde oder gehe ins Theater. Was ich aber ganz besonders vermisse, ist die Zeit mit dem Chor, den ich vor 20 Jahren gegründet habe – den „Singing Shrinks“. Er besteht ausschließlich aus Psychiatern, Psychologen und Neurologen und ist darin weltweit einzigartig. Wir Menschen brauchen soziale Aktivitäten. Wenn das alles fehlt, droht Einsamkeit.

Wie würden Sie Einsamkeit definieren?

Einsamkeit ist eine menschliche Grunderfahrung. Der Begriff „Einsamkeit“ hat dabei zwei Seiten. Es gibt so etwas wie die schöpferische Einsamkeit. Sie drückt sich in Werken wie Franz Schuberts Winterreise aus und gilt vielen als positiv. Dann gibt es aber die negativ behaftete Einsamkeit, die einen Menschen auf sich selbst zurückwirft. Das ist die Einsamkeit, über die wir heute sprechen.

In der öffentlichen Wahrnehmung galt Einsamkeit lange als ein Problem älterer Menschen. Ist Einsamkeit aber ein Problem in der gesamten Bevölkerung?

Es gehört zu den großen Fehlannahmen, dass Einsamkeit nur alte Menschen betrifft. Das tut sie nicht. Die Bochumer Psychologin Maike Luhman hat Zahlen des sozioökonomischen Panel ausgewertet, die zeigen: Der erste große Einsamkeitsgipfel liegt bei Menschen im Alter von rund 30 Jahren. Ein zweiter folgt bei 60 Jahren, und mit 75 Jahren folgt ein weiterer Höhepunkt.

Weshalb sind Menschen gerade mit 30 Jahren oder 60 Jahren besonders häufig von Einsamkeit betroffen?

Darüber kann man spekulieren. Je nach Alter gibt es unterschiedliche Ursachen für Einsamkeit. Bei jüngeren Menschen hängt das stark von den Faktoren Einkommen, Arbeitsverhältnis und Beziehungsstatus ab. Gibt es hier Defizite, dann können Menschen in die Einsamkeit rutschen. Im hohen Lebensalter hingegen sind Menschen einsam, wenn sie ihren Lebenspartner verloren haben oder durch gesundheitliche Einschränkungen nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen können.

Vor Jahren stellte die US-Psychologin Julianne Holt-Lunstad eine Studie vor, in der sie unter anderen herausgefunden hat, dass Einsamkeit so schlimm ist, wie 15 Zigaretten am Tag zu rauchen. Was sagen Sie dazu?

Einsamkeit ist eine Unterform von sozialem Stress. Sozialer Stress ergibt sich aus der Interaktion von Menschen miteinander oder eben auch aus dem Fehlen sozialer Nähe. In der Forschung gilt sozialer Stress als eine der stärksten Stressformen, die man kennt. Die Studien von Julianne Holt-Lunstad zeigen, dass soziale Isolation einen enorm großen Einfluss auf die Sterblichkeit ansonsten gesunder Teilnehmer hat. Die Wahrscheinlichkeit, früher zu sterben, ist höher als etwa durch moderates Rauchen, Fettleibigkeit oder Alkoholmissbrauch. Soziale Isolation gehört zu den stärksten negativen Prognosefaktoren, die wir überhaupt in der Gesundheitsforschung kennen. Das Phänomen der Einsamkeitssterblichkeit hat aber dieselbe Forschergruppe übrigens später noch mal in einer Studie mit fast 3,5 Millionen Teilnehmern bestätigt.

In Deutschland ist Einsamkeit noch ein Tabuthema.

Absolut. Das stelle ich auch in meiner täglichen Arbeit als Arzt fest. Selbst beim Psychiater fällt es den meisten Menschen schwer, sich zu öffnen und zu sagen: „Herr Doktor, ich fühle mich einsam.“ Diese Worte sind leider mit unglaublicher Scham verbunden.

Was raten Sie, wenn man Sie fragt: „Ich bin einsam, wie komme ich da wieder heraus?“

Das wichtigste Rezept ist, das eigene soziale Netzwerk zu stricken, aufzubauen und zu stärken. Das ist auch gleichzeitig eine gute Prävention zur Vermeidung von Einsamkeit. In der Psychotherapie verfolgen wir diese Ziele ganz systematisch. Das geht auch in der Pandemie mit der Hilfe von Telefon oder Videoanrufen. Und helfen kann dabei jeder andere Mensch.