BVG

Aufzüge an 16 U-Bahnhöfen noch nicht genehmigt

Lesedauer: 6 Minuten
Der U-Bahnhof Platz der Luftbrücke wird bis Ende 2022 barrierefrei ausgebaut.

Der U-Bahnhof Platz der Luftbrücke wird bis Ende 2022 barrierefrei ausgebaut.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Ursprünglich sollten alle Berliner U-Bahnhöfe ab 2022 barrierefrei sein. Der letzte Aufzug wird aber erst 2024 fertig eingebaut sein.

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Berlin. Auch über das Jahr 2022 hinaus werden Rollstuhlfahrer um einige Berliner U-Bahnhöfe einen Bogen machen müssen. Und auch für Fahrgäste mit Kinderwagen wird es hier und da weiter auf Muskelkraft ankommen. Denn die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) werden die gesetzliche Vorgabe verfehlen, bis Ende dieses Jahres in alle 174 Stationen einen Fahrstuhl einzubauen.

Insgesamt 35 Bahnhöfe sind derzeit noch nicht barrierefrei, bei 16 davon sind die Aufzüge noch nicht einmal genehmigt, heißt es auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Geplante Fertigstellung bis 2024 – sogar vier Jahre später als einst von der BVG verkündet.

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U-Bahnstationen in Berlin: Deutliche Verzögerungen beim Einbau von Aufzügen

Einige von diesen 16 hätten schon längst Aufzüge bekommen sollen. Im Herbst 2014 war davon die Rede, dass es bis 2017 an den Kreuzberger Stationen Görlitzer Bahnhof und Moritzplatz betriebsbereite Fahrstühle geben soll, an der Möckernbrücke bis 2018. Ebenfalls auf dieser Liste standen seinerzeit das Schlesische Tor, wo nun immerhin gebaut wird, und die Gneisenaustraße, wo es laut BVG in diesem Jahr losgehen soll.

Deutliche Verzögerungen gibt es auch im Westen auf der U2 am Ernst-Reuter-Platz, Kaiserdamm und Neu-Westend, die mit Stand 2018 bis Ende 2020 über einen Lift verfügen sollten, der aber bis heute nicht genehmigt ist. Ebenfalls auf der Liste: Güntzelstraße (U9), Mierendorffplatz (U7), Westphalweg und Alt-Tempelhof (beide U6).

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Aufzüge für die Berlienr U-Bahn: Bis zu fünfjähriger Planungsprozess

Die BVG begründet diese Verzögerungen mit bürokratischen Hürden. Baurechtlich gelten die Aufzüge als Bahnanlage, was ein Planfeststellungsverfahren erforderlich macht. Daran gelte es, laut BVG, mittlerweile 50 Träger öffentlicher Belange zu beteiligen, was die Planungszeit „auf teilweise bis zu fünf Jahre verlängert“.

Dazu zählen laut Sprecherin Petra Nelken etwa Leitungsbetriebe für Strom, Gas, Wasser und Telefon, die Straßenverkehrsbehörde, technische Aufsichtsbehörden, verschiedene Verbände, die Verkehrslenkung sowie Stellen des jeweiligen Bezirks und der Denkmalschutz.

Spielt der Denkmalschutz wie etwa am Ernst-Reuter-Platz eine Rolle, werde der Einbau eines Fahrstuhls zu „einer ganz diffizilen Sache“, sagt Nelken. Er spielte neben anderen Dingen auch Ende 2019 eine Rolle, als das Stadtentwicklungsamt Friedrichshain-Kreuzberg dem Aufzugbau am Umsteigebahnhof Möckernbrücke eine Absage erteilte. Denn ein Lift hätte sich „nicht störungsfrei“ in das Bild des Hochbahnhofs eingefügt, hieß es damals. Damit habe sich der Bezirk „nicht gerade mit einem Ruhmesblatt“ bedeckt, sagt Dominik Peter, Vorsitzender des Berliner Behindertenverbands. Die Prioritäten müssten bei der Barrierefreiheit liegen.

Aufzüge für die U-Bahn: „Es geht um einen blöden Lift und keine Marssonde“

Diese bürokratische Aufwand sei „total absurd“, so Peter weiter. „Es geht um einen blöden Lift und keine Marssonde.“ Er wünsche sich, dass bei der Barrierefreiheit der U-Bahn auf der Schlussgeraden „ein bisschen mehr Power“ gegeben wird. Auf keinen Fall dürften andere Dinge vorgezogen werden, sodass es noch länger als bis 2024 dauere.

Dass bis dahin tatsächlich alle Aufzüge fertig sind, glaubt Thomas Seering hingegen nicht. „Im Interesse der UN-Behindertenrechtskonvention könnte man aber auf ein paar Dinge verzichten“, sagt der behindertenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Das Verfahren sei überreglementiert. „Besser wäre es, wenn die BVG die Pläne einmal allen vorlegt, und wer nicht innerhalb eines festgelegten, entsprechend kurzen Zeitraums widerspricht, stimmt zu.“

Jens Wieseke, stellvertretender Vorsitzender des Berliner Fahrgastverbands Igeb, wirft BVG und Senatsverkehrsverwaltung hingegen eine falsche Prioritätensetzung vor. So hätten sich Planer zuletzt mit einer Machbarkeitsstudie zur Erweiterung der U7 in Spandau und Schönefeld beschäftigt. „Vorrangig muss es aber um die Instandhaltung und Modernisierung des bestehenden Netzes und den barrierefreien Ausbau gehen“, sagt Wieseke. Man habe ohnehin begrenzte Ressourcen verschwendet, denn „Planer wachsen nicht auf Bäumen“.

Aufzugeinbau an 13 Stationen läuft und soll 2021 an sechs weiteren starten

An sechs Stationen sollen die Umbauarbeiten in diesem Jahr starten. Darunter sind auch die U-Bahnhöfe Borsigwerke und Holzhauser Straße in Tegel, wo die U6 ab November insgesamt saniert werden soll. An 13 Stationen wie dem Platz der Luftbrücke und der Grenzallee laufen die Arbeiten bereits. Wann dort ein einsatzfähiger Lift zur Verfügung steht, vermag die BVG auf Anfrage jedoch nicht zu sagen. „Ein konkretes Eröffnungsdatum kann erst nach Vorliegen aller Abnahmen und Genehmigungen benannt werden“, heißt es.

Wie lang sich nach der Planung auch die Bauarbeiten hinziehen können, zeigte zuletzt die mehr als zweijährige Bauzeit an der Station Spichernstraße in Wilmersdorf, wo es seit September 2020 Aufzüge gibt. Am Bayerischen Platz in Schöneberg, ebenfalls ein Umsteigebahnhof, wurde der Baustart vom Frühjahr 2019 auf das Frühjahr 2020 und die Fertigstellung auf Mitte 2022 verschoben.

BVG-Sprecherin Nelken begründet solche Verzögerungen mit den mitunter komplizierten Voraussetzungen. „Wir müssen vom offenen Straßenland ein Loch in den Boden und den Bahnhof bohren.“ Dabei dürfe man den mit Starkstrom betriebenen Zugverkehr nicht stören und müsste, etwa wenn der Bahnhof unter der Fahrbahn liegt, zusätzliche Verteilerebenen einziehen. Die Kosten pro Maßnahme könnten daher auch je nach Gegebenheiten zwischen einer und zehn Millionen Euro betragen.

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