Coronavirus

Virologe Drosten erwartet „komplizierte erste Jahreshälfte“

| Lesedauer: 6 Minuten
Christine Richter und Joachim Fahrun
Christian Drosten: Der Coronavirus-Experte in der Krise

Das ist der Coronavirus-Experte Christian Drosten

Der Virologe Christian Drosten hat damals schon SARS mit entdeckt. Nun ist er der führende Experte für das neuartige Coronavirus. Von der Berliner Charité aus berät er Politiker und klärt die Bürger auf.

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Experte: Es wird Debatten über Impfungen und Lockerungen geben. Berlin liegt bei Immunisierung in Spitzengruppe der Bundesländer.

  • Christian Drosten sagt im Interview mit der Berliner Morgenpost, dass er eine komplizierte erste Jahreshälfte erwartet. Eine Entspannung der Corona-Lage werde erst eintreten, wenn man es schaffe, in den ersten sechs Monaten des Jahres ganz viele Personen zu impfen.
  • Zudem erwartet er Diskussionen über Lockerungen, sobald große Teile der Risikogruppen gegen das Coronavirus geimpft seien. Diese Forderungen seien allerdings eine Fehleinschätzung: Drosten sagt, man dürfe in dieser Pandemie grundsätzlich keine sehr hohen Inzidenzen zulassen.
  • Auf die Frage, ob die Regierungen zu wenig Impfstoff bestellt haben, sagt Drosten: „Das ist eine Frage, die ich so gar nicht beantworten kann und auch nicht will. Das ist so eine komplexe Angelegenheit. Man musste den Impfstoff mit Monaten Vorlauf bestellen – und wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, ob der betreffende Impfstoff auch funktionieren würde. Es ist jetzt praktisch unmöglich, das im Nachhinein zu bewerten."

Berlin. Der Berliner Virologe Christian Drosten erwartet für 2021 herausfordernde erste sechs Monate. „Ich schaue schon optimistisch auf das neue Jahr, aber ich glaube, dass die erste Jahreshälfte sehr kompliziert werden wird“, sagte Drosten der Berliner Morgenpost. Es werde sehr viele Diskussionen beispielsweise um Lockerungen oder die Impfung geben. „Ich glaube, dass ab der zweiten Jahreshälfte eine Entspannung eintreten könnte, aber nur, wenn man es schafft, ganz viele Personen in den ersten sechs Monaten zu impfen“, so der 48-Jährige, der von den Lesern und einer Jury der Berliner Morgenpost zum Berliner des Jahres gekürt worden ist.

Die Herausforderung sei jetzt, zwei Dinge, die eigentlich gegeneinanderliefen, zu steuern. „Wir müssen die Inzidenz nach unten bekommen – und gleichzeitig impfen. Wir werden in eine Situation kommen, wo wir große Teile der Risikogruppen geimpft haben und es dann Kräfte geben wird, die sagen, dass es jetzt keinen Grund mehr für Einschränkungen gibt. Letzteres wird allerdings eine Fehleinschätzung sein, denn wir dürfen grundsätzlich keine sehr hohe Inzidenzen zulassen. Auch nicht bei den Jüngeren“, sagte der Wissenschaftler weiter.


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Christian Drosten über Impfstoff-Knappheit: "Das ist so eine komplexe Angelegenheit"

Auf die Frage, ob die Regierungen zu wenig Impfstoff bestellt haben, sagte Drosten: „Das ist eine Frage, die ich so gar nicht beantworten kann und auch nicht will. Das ist so eine komplexe Angelegenheit. Man musste den Impfstoff mit Monaten Vorlauf bestellen – und wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, ob der betreffende Impfstoff auch funktionieren würde. Es ist jetzt praktisch unmöglich, das im Nachhinein zu bewerten." Der Wissenschaftler verwies darauf, dass nach dem Biontech-Vakzin nun in Großbritannien der AstraZeneca-Impfstoff bereits zugelassen sei. "Da sollte man in der EU schnell hinterherkommen, denn dieser Impfstoff kann auch in normalen Arztpraxen geimpft werden. Bei diesem Impfstoff hat man nicht die besondere Kühlpflicht."

Eine Prognose, ob der Lockdown in Deutschland ab 10. Januar aufgehoben werden könne, wollte Drosten nicht stellen. „Wir haben zurzeit keine validen Zahlen, weil die Labore über die Feiertage weniger getestet haben, aber auch weil viele Menschen, die krank geworden sind, nicht zum Arzt gegangen sind. Wir sehen aber am Anteil der positiven Tests, dass die Zahlen derzeit nicht nach unten gehen. Das ist nicht gut“, so der Virologe. „Ob der Lockdown bis in den Februar verlängert werden muss, das kann man heute nicht vorhersagen. Vielleicht erleben wir ja eine positive Überraschung. Wir müssen bis Mitte Januar warten, erst dann kann man die Zahlen bewerten.“

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Coronavirus: 13.137 Berliner haben Impfstoff mittlerweile erhalten

In Berlin haben die mobilen Impfteams auch über Neujahr ihre Arbeit in den Pflegeheimen fortgesetzt. Die Behörden meldeten bis Sonnabendmittag 13.137 Impfungen ans Robert Koch-Institut. Das sind 2023 mehr als am Silvestertag.

In den Berliner Pflegeheimen sind inzwischen 9817 Bewohner mit der ersten von zwei Impfungen gegen das Coronavirus versorgt. Das ist fast jeder Dritte in dieser besonders gefährdeten Gruppe, in der es zuletzt besonders viele Ausbrüche mit Todesfällen gegeben hatte. 3319 Berlinerinnen und Berliner wurden wegen einer beruflichen Indikation geimpft, weil sie in Pflegeheimen, Krankenhäusern oder in den Impfzentren arbeiten. Berlin liegt mit seinen Zahlen im Vergleich der Bundesländer in Relation zur Bevölkerung in der Spitzengruppe. Insgesamt wurden in Deutschland bis zum 2. Januar 188.553 Menschen gegen Corona geimpft, 21.087 mehr als zu Silvester.

Über 90-Jährige werden im Impfzentrum erwartet

Am Montag werden im Impfzentrum in der Arena Treptow die ersten über 90-Jährigen erwartet, die über das Einladungssystem des Berliner Senats einen Termin vereinbart haben. Das federführende Deutsche Rote Kreuz (DRK) rechnet damit, auch ohne weitere Impfstoff-Lieferung in der Arena im Laufe der Woche täglich 600 Impfungen durchführen zu können. Dafür reiche der bereits angelieferte Impfstoff. Im Laufe der Woche soll es dann Nachschub geben. Innerhalb von 24 Stunden, so sagte der Berliner DRK-Präsident Mario Czaja, ließen sich die Impfkapazitäten in den sechs Zentren auf bis zu 20.000 Personen täglich hochfahren, wenn genügend Serum zur Verfügung steht.

Kritik an Strategie der Bundesregierung wächst

Währenddessen wächst die Kritik an der Strategie der Bundesregierung. Ein Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina war der Koalition schwere Versäumnisse bei der Beschaffung des Impfstoffs vor. So sagte die Leopoldina-Neurologin Frauke Zipp: "Ich halte die derzeitige Situation für grobes Versagen der Verantwortlichen." Es habe im Sommer Angebote für mehr Impfdosen gegeben, im Spätsommer von Biontech. "Wir hätten sie jetzt zur Verfügung", sagte sie der "Welt". Die Leopoldina gehört zu den wichtigsten Beratern der Regierung.