Corona-Krise

Erste Insolvenzen auf dem Berliner Großmarkt

Wegen Corona sind Händlern Umsätze weggebrochen. Gleichzeitig türmen sich Mietschulden. Die FDP fordert einen Erlass der Rückstände.

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja (r.) mit den Händlern Thomas Franz (l.) und Stephan Lotz. Viele Mieter im Berliner Großmarkt klagen über Probleme wegen der Corona-Krise.

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja (r.) mit den Händlern Thomas Franz (l.) und Stephan Lotz. Viele Mieter im Berliner Großmarkt klagen über Probleme wegen der Corona-Krise.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. „Das ist ein Bild des Jammers“, entfuhr es Dieter Krauß am Mittwochmorgen, als er den Gang der Fruchthof-Halle auf dem Berliner Großmarkt in Moabit herunterblickte. An normalen Tagen, also ohne Pandemie, sei hier „Gewusel“, sagte Krauß. Zwischenhändler und Gastronomen feilschen dann auch mal lautstark um Preise, Mitarbeiter des Großmarkts transportieren Waren von den Ständen auf die Parkplätze vor der Halle. Doch in Berlin läuft das touristische und gastronomische Leben derzeit auf Sparflamme. Und die Händler im Großmarkt sorgen sich um ihre Existenzen. Erste Insolvenzen gibt es bereits. „Ich sehe ein Kartenhaus vor uns und befürchte, dass im Januar alles zusammenfällt“, erzählte ein Händler.

Vor Corona waren rund 300 Firmen mit etwa 2500 Mitarbeitern auf dem Gelände des Großmarkts an der Beusselstraße tätig. Etwa 580.000 Tonnen Waren wurden hier umgeschlagen, gingen von hier an Gastronomen, Hotel, Betriebskantinen, aber auch Schulen und Kliniken. Doch nun sind viele Restaurants geschlossen, Hotels dürfen keine Touristen empfangen und auch in Betriebskantinen und sogar in Schulküchen bleibe der Hunger aus, so Krauß. „Den Händlern auf dem Großmarkt fehlt jede Perspektive“, beklagte der Vorstand des Fruchthofs. Viele Mitarbeiter seien noch immer in Kurzarbeit. Mehr und mehr gelangen die Händler zudem auch finanziell an die Belastungsgrenze.

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Berliner Großmarkt: Mietstundungen in der Corona-Krise erdrücken die Händler

Mit dem Senat als Alleingesellschafter des Großmarkts habe die Fruchthof-Genossenschaft laut Vorstand Krauß zwar bereits im ersten Corona-Lockdown im März eine Stundung der Miete vereinbaren können, die zunächst für sechs Monate galt. Die Ausstände allerdings müssen die Händler bis Mai 2022 zurückzahlen. Eine zusätzliche Belastung, die einige Betriebe nun nicht mehr stemmen können.

Der alteingesessene Obst- und Gemüsehändler Lykos ist einer von zwei Betrieben der Fruchthofs, die sich derzeit in einem Insolvenzverfahren befinden. Die Geschäfte laufen weiter. Entlastung bringe jetzt unter anderem, dass die Arbeitsagentur für die nächsten drei Monate über das Insolvenzgeld die Löhne für die 65 Mitarbeiter zahle, sagte Lykos-Geschäftsführer Stephan Lotz Mittwochfrüh im Gespräch mit FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja, der sich vor Ort über die Situation der Mieter auf dem Großmarkt informierte.

Insolvenzen auf dem Berliner Großmarkt: „Staat nimmt uns Luft zum Atmen“

Der größte Posten für Lykos bleibe aber die Miete. Rund 45.000 Euro müsse sein Unternehmen für die Flächen monatlich zahlen. Die Stundung führe dazu, dass die Schulden weiter in den Büchern bestehen blieben. Das mache es zum Beispiel schwerer, Kredite zu bekommen. Was helfen würde, wäre ein Erlass der Zahlungen durch das Land. Gespräche darüber finden nach Auskunft der Fruchthof-Genossenschaft derzeit aber nicht statt. Für Stephan Lotz und Lykos stelle sich die Situation zudem schwieriger dar, als während des ersten Lockdowns im Frühjahr. Damals hätten etwa Krankenkassen Beiträge gestundet, auch beim Finanzamt habe er damals die Umsatzsteuervorauszahlung verschieben können, sagte Lotz. Hinzu kommt, dass akut überschuldete Unternehmen seit Oktober wieder in die Insolvenz gehen müssen. „Der Staat nimmt uns die Luft zum Atmen“, klagte er.

Zusätzlich berichten einige Händler mitunter, durch das Raster bei den staatlich aufgelegten Corona-Zuschüsse gefallen zu sein. Lotz etwa könne die November-Hilfen des Bundes nicht bekommen, da er zu 70 Prozent an Zwischenhändler liefere – und nicht direkt an betroffene Gastronomen, die wegen des Lockdowns Läden schließen mussten. Auch Björn Weihe, Chef des Großhändler Weihe und Keuthmann habe bislang keine Hilfen erhalten. Mit 400 Mitarbeitern sei das Unternehmen dafür zu groß, sagte er. Den Umsatzverlust durch die Corona-Krise bezifferte er bislang auf rund 35 Millionen Euro. Für die Händler, die gewöhnlich nur mit kleinen Margen operieren, sei jetzt dringend Hilfe nötig, befand FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja.

Wirtschaftsverwaltung zieht Erlass der Mieten in Betracht

„Wichtig ist, dass es zu individuellen Vereinbarungen zwischen den Großmarkt-Mietern und dem Senat kommt. Wir brauchen bis spätestens Februar eine Lösung, wenn es nicht noch mehr Insolvenzen und Entlassungen geben soll“, sagte Czaja.

Die Wirtschaftsverwaltung, die in Staatssekretärin Babro Dreher (Grüne) auch die Aufsichtsratsvorsitzende des Großmarkts stellt, machte Mietern am Mittwoch Hoffnung auf ein Entgegenkommen: „Fürchtet ein Unternehmen die Zahlungsunfähigkeit oder die Überschuldung, steht die Geschäftsführung zu Gesprächen jederzeit bereit. Über einen Mieterlass wird entschieden, falls damit die Zahlungsunfähigkeit oder die Überschuldung abgewendet werden könnte“, sagte ein Sprecher von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop.

Miete in Höhe von 2,1 Millionen Euro erlassen

Mieter des Großmarkts hätten bis dato rege die Möglichkeit in Anspruch genommen, die Miete stunden zu lassen. Bis Ende November seien Bruttokaltmieten in Höhe von 2,1 Millionen Euro gestundet worden. 397.000 Euro seien davon inzwischen zurückgezahlt. Offen seien noch Zahlungen in Höhe von 1,7 Millionen Euro. Durch den Lockdown light hätten viele Mieter erneut einen Umsatzeinbruch hinnehmen müssen. Zahlungen und Rückzahlungen seien deswegen teilweise ausgesetzt worden, erklärte der Sprecher weiter. Nach Auskunft des Großmarktes sollen hierzu in den kommenden Tagen weitere schriftliche Vereinbarungen mit den betroffenen Mietern getroffen.

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