Fahrradverkehr

Welche Poller schützen Berlins Radwege am besten?

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Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg setzt dieses neue Schutzelement an Radwegen Radwegen ein.

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg setzt dieses neue Schutzelement an Radwegen Radwegen ein.

Foto: Christian Latz / BM

Friedrichshain-Kreuzberg setzt ein neues Element zum Schutz der Radwege ein – und erntet Kritik. Was aber schützt Radfahrer am besten?

Berlin.  Die grünen Elemente auf dem Asphalt am Halleschen Ufer wirken ein wenig klobig. Rund einen Meter sind sie lang, etwa 20 Zentimeter hoch und auf Berliner Straßen noch komplett neu. Erst eine Handvoll der sogenannten Protektionselemente trennen hier am Halleschen Ufer die Fahrstreifen des Kfz-Verkehrs vom Pop-up-Radweg. Doch dabei soll es nicht bleiben. Die flachen Schutzelemente aus hartem Kunststoff sollen künftig an vielen Straßen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Radwege abgrenzen und dabei helfen, temporäre Radwege zu verstetigen. Nach Pollern und Leitboys bekommen Berlins Radwege damit wieder ein neues Schutzelement, das Aussehen des öffentlichen Raums verändert sich – und nicht alle sind von der neuen Idee begeistert. Wie aber sollten Radwege in Berlin am besten geschützt werden?

Friedrichshain-Kreuzberg setzt auch flache Schutzelemente für Radwege

Im Straßen- und Grünflächenamt Friedrichshain-Kreuzberg hatte man sich diese Frage auch gestellt. Im August startete man daher einen Versuch. Vier verschiedene, flache Schutzbalken wurden testweise an Kreuzungen entlang des Halleschen Ufers auf den Asphalt montiert. Mittlerweile hat der Bezirk einen Sieger erkoren. Gewonnen haben die im Vergleich zu den anderen Kandidaten größeren, grünen Elemente eines mexikanischen Herstellers.

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„Wir haben geguckt, wie da die Beschädigungen sind. Das Modell ist am robustesten“, sagte der Leiter des Straßen und Grünflächenamts Felix Weisbrich. „Es bietet die beste Protektion mit gleichzeitiger Fehlertoleranz für Radfahrer.“ Wer mit seinem Rad aus Versehen gegen den Balken gerät, so die Idee, soll nicht gleich stürzen, sondern über die angeschrägte Seite zurück auf seine Fahrbahn geleitet werden. „Das ist schon gutes Design“, sagt Weisbrich.

Eingesetzt werden sie zunächst bei der Verstetigung des temporären Radwegs am Halleschen Ufer. Später auch an anderen Strecken, nicht jedoch überall. „Die sind mit 40 Zentimetern besonders breit. Wir haben nicht überall den Platz, sie einzusetzen.“ Am Kottbusser Damm kämen schmalere Elemente zum Einsatz. Klar ist jedoch: „Wir reduzieren den Einsatz von Pollern und fahren den Gebrauch flacherer Schutzelemente hoch.“

In den anderen Bezirken nimmt man die Ergebnisse aus Friedrichshain-Kreuzberg gemischt auf. Das Element könne „bei der ein oder anderen Straße in Frage kommen“, erklärt der Bezirk Pankow. Einen Schutz sollen unter anderem die geplanten Radwege an der Storkower Straße, der Neumannstraße sowie an der Mühlen- und Hermann-Hesse-Straße bekommen. Welches Element wo zum Einsatz kommt, sei noch offen. Im Bezirk Mitte hingegen wird die neue Protektion „aufgrund diverser Faktoren als äußerst kritisch eingestuft“, heißt es vom Bezirksamt. Die Bedenken würden derzeit auf Arbeitsebene beraten.

Fahrradclub ADFC hält die neuen Elemente nicht für „die beste Wahl“

Auch beim Berliner Landesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) hält man das Element nur für bedingt geeignet. Zwar sei es gut, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg verschiedene Möglichkeiten teste. Doch: „Erfahrungen aus anderen Ländern wie Spanien, UK und USA zeigen, dass sich die relativ flachen „Armadillos“ nur mäßig eignen, um Überfahren und Beparken des Radfahrstreifens zu verhindern. Für ganz Berlin ist diese Art von Schutzelement aus unserer Sicht deshalb noch nicht die beste Wahl“, sagte ADFC-Berlin-Sprecherin Lisa Feitsch.

Straßen- und Grünflächenamtsleiter Weisbrich hält dagegen. „Uns ist die Überfahrbarkeit für Rettungskräfte im Notfall wichtig. Und trotzdem ist es gleichzeitig eine echte physische Protektion.“ Gerade das würden Leitboys, die etwa 40 Zentimeter hohen Plastikpoller, die etwa an der Kolonnenstraße in Schöneberg und der Tamara-Danz-Straße in Friedrichshain stehen, nicht bieten. Auch die Langlebigkeit sei ein Vorteil. Würden sie von Autos angefahren, müssten sie anders als Stahlpoller oder Leitboys nicht ersetzt werden. Nicht zuletzt spiele das dezentere Aussehen der flachen Elemente eine Rolle, sagt Weisbrich. „Ihr Design ist für das Stadtbild deutlich verträglicher.“

Zum Poller-Radweg an der Hasenheide habe der Bezirk viele kritische Rückmeldungen erhalten. Die Poller verschlechterten das Straßenbild, so die Klagen, die bei Weisbrich eingingen. „Da sind die flachen Elemente optisch weniger prägnant.“ Künftig werde es im Bezirk daher wohl eine Mischung geben: Flache Elemente entlang der Strecke, Stahlpoller an Kreuzungen und Einmündungen, sagt Weisbrich.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer hält die meisten Schutzelemente an Radwegen für problematisch. „Es ist fast egal, wie ich den Poller ausführe, er ist immer eine Gefahr für den Radfahrer.“ Gerieten diese gegen Poller oder feste Protektionselemente, seien Stürze programmiert. „Man schafft es nicht, dass es ein Hindernis für Autofahrer ist, nicht aber für Radfahrer.“ Gleichwohl sieht auch Brockmann die Notwendigkeit zu handeln. „Wo ständig Fahrzeuge auf dem Radweg stehen, sollte ich solche Elemente ausprobieren.“

Den neuen Elementen gesteht er zu, der Versuch eines Zwischenwegs zu sein. „Der Autofahrer kommt nur mit Mühe drüber und der Radfahrer stürzt nicht sofort.“ Für deutlich besser hält Brockmann hingegen Leitboys. Diese seien „für Radfahrer das Optimum“. Die leichten Plastikpylonen werden von Radfahrern im Zweifel überfahren, „und für den regeltreuen Autofahrer ist es abschreckend genug.“

Noch unentschlossen, was den richtigen Schutz der Berliner Radwege betrifft, ist die Senatsverkehrsverwaltung. Die bislang errichteten Poller-Radwege, im Fachjargon Protected Bike Lanes genannt, würden allesamt als fünfjähriger Verkehrsversuch durchgeführt, teilte Verkehrsverwaltungssprecher Jan Thomsen mit: „Eine Auswertung dazu liegt aktuell nicht vor, weil die Erprobungszeit noch läuft.“

Ein Patentmodell für alle Lagen, teilen mehrere Bezirke mit, gebe es nicht. Was am meisten helfe, sei von Straße zu Straße unterschiedlich. Der Schutz für Berlins Radwege wird künftig wohl ein bunter Mix sein.