Clan-Kriminalität

Die Strafakte Wissam Remmo

Der Hauptbeschuldigte des Juwelen-Diebstahls fiel schon in seiner Jugend durch Straftaten auf. Vor Gericht kam er meistens davon.

Ein Verdächtiger im Fall des Kunstdiebstahls im Grünen Gewölbe wird zum Dresdner Oberlandesgericht geführt.

Ein Verdächtiger im Fall des Kunstdiebstahls im Grünen Gewölbe wird zum Dresdner Oberlandesgericht geführt.

Foto: Robert Michael / dpa

Berlin. Nach der Festnahme von drei Mitgliedern des Remmo-Clans wegen des mutmaßlichen Einbruchs in das Grüne Gewölbe in Dresden entspinnt sich eine Diskussion über die vorangegangene Behandlung des Hauptbeschuldigten Wissam Remmo durch die Justiz. Dabei geht es um die Frage, ob Gerichte den Wiederholungstäter jahrelang womöglich mit zu laschen Maßnahmen davonkommen ließen. Klärungsbedürftig scheint auch, warum der 23-Jährige zum Zeitpunkt der Festnahme nicht längst hinter Gittern saß.

Wissam Remmo: Verurteilung wegen des Diebstahls der Goldmünze

Die Frage ist nicht aus der Luft gegriffen. Denn Wissam Remmo war schon am 20. Februar zu einer Jugendstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt worden – wegen des Diebstahls der 100 Kilogramm schweren Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum im März 2017. Wissam Remmo beantragte zwar zunächst Revision. Am 2. Juli zog er den Antrag aber wieder zurück. Hinsichtlich der gegen ihn verhängten Freiheitsstrafe erlangte das Urteil damit Rechtskraft.

Doch der Haftantritt verzögerte sich. Der Grund: Die Politik diskutiert zwar seit Jahren über die Einführung der sogenannten elektronischen Akte. Tatsächlich werden Akten aber nach wie vor per Post oder Hauspost von einer Stelle zur nächsten transportiert. Im Fall Wissam Remmo hieß das: Die Dokumente lagen mal bei der Staatsanwaltschaft, mal bei Gericht; dann in der Registratur; und zwischendurch auf einem der vielen Aktenwagen des Justizapparates. Die Folge: Über die Frage, wann und in welchem Gefängnis der Mann, der für einen der spektakulärsten Kunstdiebstähle der Bundesrepublik verantwortlich ist, seine Haft antritt, wurde bis heute nicht entschieden.

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Wissam Remmo: Das erste Mal mit 15 Jahren vor einem Jugendgericht

Wissam Remmo wunderte sich über die Verzögerung womöglich am allerwenigsten. Denn dass einer Straftat nicht immer sofort eine Sanktion folgt, hat der „notorische Klauer“, als der ein Richter ihn einmal bezeichnete, mehrfach erlebt. Vor einem Jugendgericht erschien er das erste Mal, als er erst 15 Jahre alt war. Er hatte Guthaben-Karten für Handy-Programme gestohlen. Der Jugendrichter verhängte zwei Tage Jugendarrest. Eine erzieherische Maßnahme, um einen Jugendlichen wieder in die richtige Spur zu bringen, durchaus üblich und im Jugendrecht so vorgesehen. Jugendrichter betonen, dass solche Maßnahmen oft auch die erhoffte Wirkung zeigten.

Im Fall Wissam Remmo war es anders. Im September 2013 brach er mit einem Mittäter in ein Wohnhaus ein. Das Gericht beließ es bei einer Verwarnung und 60 Stunden Freizeitarbeit. Nur einen Monat später packten Wissam Remmo und ein Cousin in einem Elektronikmarkt Waren im Wert von rund 2200 Euro in einen Einkaufswagen. Dann erhoben sie ihre Fäuste und verschwanden durch den Notausgang – ohne zu bezahlen. Die Anklage lautete auf gemeinschaftliche räuberische Erpressung. Doch das Verfahren wurde eingestellt. Begründung: Erzieherische Maßnahmen seien ja schon in anderen Verfahren verhängt worden.

Einstellung aus Gründen der „Prozessökonomie“

Aus demselben Grund wurde auch ein Verfahren zu Taten eingestellt, die Wissam Remmo beging, als er volljährig war. Vor Gericht wurde er in diesen Fällen nicht als Erwachsener, sondern als Heranwachsender behandelt. Auch dies ist gesetzeskonform und üblich. Im Jahr 2015 betankte er sein Auto mehrfach, ohne dafür zu bezahlen. Außerdem brach er gewaltsam in eine Apotheke ein und riss einen Stahltresor aus dem Schrank. Auch in diesem Fall erfolgte eine Verurteilung nach Jugendrecht. Der zur Tatzeit 18-Jährige musste ein Jahr lang monatlich 300 Euro zahlen und sich einem Betreuungshelfer unterstellen.

Ende 2019 stand Wissam Remmo dann im fränkischen Erlangen vor Gericht. Nach Überzeugung des Amtsgerichtes hatte er einen sogenannten Hydraulikspreizer gestohlen. Das Urteil: zweieinhalb Jahre Haft. Antreten musste Wissam Remmo aber auch diese Strafe nicht. Er legte Berufung ein. Mit Erfolg. Denn das Landgericht erachtete die Beweislage als dünn. Aus Gründen der „Prozessökonomie“ und weil ja eine Verurteilung im Goldmünzen-Prozess zu erwarten gewesen sei, sei daher auch dieses Verfahren eingestellt worden, teilte die bayerische Justiz mit.

GdP: Der Rechtsstaat gilt auch für Kriminelle

Der Fall Wissam Remmo, so heißt es von der Gewerkschaft der Polizei (GdP), sei Außenstehenden nicht zu vermitteln. Der Rechtsstaat gelte auch für Kriminelle. „Der Fall Wissam Remmo verdeutlicht aber, dass Mitglieder arabischer Großfamilien nach Straftaten zu oft ungeschoren davongekommen sind“, sagt GdP-Sprecher Benjamin Jendro. „Das hat auch dazu geführt, dass sie den Rechtsstaat nicht ernst nehmen.“

Der CDU-Rechtsexperte Sven Rissmann sagt, der Fall sei „leider nicht ungewöhnlich“. Und auch nicht zufriedenstellend. „Dass ein Wiederholungstäter immer wieder mit Samthandschuhen angefasst wird und viele Monate nach Rechtskraft eines Urteils noch auf freiem Fuß ist, ist nicht hinnehmbar“, sagt Rissmann.