Corona-Krise

Viele Firmen in Berlin können Rechnungen nicht mehr zahlen

Immer mehr Unternehmen in Berlin klagen laut IHK-Umfrage über Zahlungsschwierigkeiten. Darauf wird auch mit Personalabbau reagiert.

Nicht nur der Einzelhandel klagt wegen der Corona-Krise über schlechte Geschäfte: In Berlin geht der zweite Lockdown an die Substanz vieler Unternehmen, warnt die IHK.

Nicht nur der Einzelhandel klagt wegen der Corona-Krise über schlechte Geschäfte: In Berlin geht der zweite Lockdown an die Substanz vieler Unternehmen, warnt die IHK.

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Berlin. Die Corona-Krise hat zunehmend schwerwiegende Folge für die Berliner Wirtschaft. 78 Prozent der Unternehmen in der deutschen Hauptstadt gehen davon aus, im laufenden Jahr einen Umsatzrückgang im zweistelligen Prozentbereich verzeichnen zu müssen. Das geht aus einer neuen Umfrage der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) hervor, die am Dienstag veröffentlicht wurde.

Die staatlichen Hilfsprogramme würden die Wirtschaft zwar auf der Ausgabenseite entlasten. Gleichzeitig geben dennoch immer mehr Firmen an, offene Rechnungen nicht mehr oder nur noch mit großen Anstrengungen begleichen zu können. Im Gastgewerbe meldeten der Befragung zufolge 53 Prozent der Unternehmen Zahlungsschwierigkeiten, in der Kreativ- und Kulturwirtschaft waren es 45 Prozent, im Groß- und Einzelhandel 44 und 41 Prozent. Auch die Eigenkapitalbestände der Unternehmen sinken.

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Insolvenzrisiko innerhalb der Berliner Wirtschaft steigt

Wenig überraschend ist daher, dass das Insolvenzrisiko in Teilen der Berliner Wirtschaft weiter zunimmt: Im Gast- und- Verkehrsgewerbe berichten 45 Prozent der Unternehmen von Insolvenzsorgen. In der Kultur- und Kreativwirtschaft sieht jedes vierte Unternehmen ein erhebliches Insolvenzrisiko, im Einzelhandel etwas jedes Fünfte. In der Industrie sind es hingegen nur acht Prozent und im Baugewerbe neun Prozent.

Die Unternehmen reagieren auf die angespannte wirtschaftliche Lage verstärkt mit Einsparungen : Im Gastgewerbe planen sechs von zehn Unternehmen Personal abzubauen, im Großhandel jedes Dritte und der Kreativwirtschaft jedes Vierte. Drei von zehn Einzelhandelsunternehmen gaben an, sich von Mitarbeitern trennen zu wollen. Ebenso hoch ist der Anteil in der Industrie. Auch bei den Investitionen will die Berliner Wirtschaft sparen: Über alle Branchen hinweg planen 50 bis 70 Prozent der Unternehmen Investitionen zu verschieben oder zu stornieren. Ein Lichtblick ist das Baugewerbe. Dort will nur einer von drei Betrieben weniger investieren. Unter den gegebenen Umständen sei das guter Wert, so die Kammer.

Investitionen werden verschoben oder gestrichen

IHK-Präsidentin Beatrice Kramm warnte am Dienstag vor einem Substanzverlust der Berliner Wirtschaft. Den Unternehmern falle es vermehrt schwer, den Optimismus zu bewahren, dass sie diese Herausforderung bewältigen könnten, so Kramm. „Die Planungssicherheit angesichts des sogenannten ‘Lockdowns light’ fehlt und so verwundert es kaum, dass über alle Branchen hinweg eine Mehrheit der Betriebe ihre Investitionen verschiebt oder gar storniert“, sagte die Kammer-Präsidentin weiter. Die Entwicklung sei verheerend für die Wachstumsdynamik und werde unweigerlich die Krisenbewältigung verlängern.

Die IHK sieht deswegen jetzt vor allem die Politik in der Pflicht. Die vom Bund versprochenen November-Hilfen müssten schnell bei den betroffenen Firmen ankommen. Bislang würden allerdings die Unternehmen noch immer auf den Start der Antragsphase warten. Als ebenso wichtig bezeichnete es die IHK über die Auflage eines weiteren Konjunkturprogramms nachzudenken. „Wir dürfen nicht immer nur auf die nächsten Wochen gucken“, forderte Kramm.

IHK: Berliner Verwaltung auch in der Krise ein Standortnachteil

Die IHK-Präsidentin äußerte zu dem erneut ihren Unmut über die Verwaltung. Schon vor der Krise hätten die Unternehmen regelmäßig die Verwaltungsorganisation in Berlin als Standortnachteil identifiziert. Jetzt würde es sich rächen, dass hier in der Vergangenheit nicht entschieden genug die Modernisierung der Verwaltung durchgesetzt worden sei. Kramm forderte ein schnelles Umsteuern. „Das hilft nicht nur der Berliner Wirtschaft aus der Krise, sondern ganz Berlin“, sagte sie.

Der Umfrage zufolge ist einem Fünftel der Unternehmen wichtig, dass sich die Verwaltung weiter digitalisiert. Jeder zweite Betrieb fordert darüber hinaus weniger Belastung durch Bürokratie, jedes dritte Unternehmen die Ausweitung des Verlustrücktrags und ein weiteres Konjunkturprogramm. Vier von zehn Unternehmen benötigen weitere finanzielle Hilfen.

Viele Firmen haben mittlerweile Staatshilfe beantragt

Zwei von drei Berliner Firmen sind wegen der Corona-Krise inzwischen gezwungen staatliche Unterstützung zu beziehen oder haben vor, demnächst Hilfen zu beantragen. Im Gastgewerbe und dem verwandten Reisegewerbe sind es der Umfrage zufolge deutlich mehr als 90 Prozent der Betriebe, in der Kultur- und Kreativwirtschaft 81 Prozent, im Verkehrsgewerbe 70 und im Einzelhandel 56 Prozent. Nur im Baugewerbe und der Finanzwirtschaft liegen die Zahlen im niedrigen zweistelligen Prozentbereich. Etwa die Hälfte der Unternehmen nutzt laut Kammer Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfen II. Im Gastgewerbe planen 88 Prozent der Befragten die Novemberhilfe zu beantragen.

Die Befragung hatte die Industrie- und Handelskammer in der vergangenen Woche durchgeführt. Mehr als 1000 Berliner Unternehmen nahmen nach Auskunft der IHK daran teil.

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