Spurensuche

Mutmaßlicher Kannibale lebte ein unauffälliges Leben

Der mutmaßliche Kannibale Stefan R. lebte in einer ruhigen Gegend in Pankow und unterrichtete dort an einer Schule. Eine Spurensuche.

Offenbar Fall von Kannibalismus in Berlin

Seit Ende September suchte die Polizei in Berlin nach einem 44-Jährigen, Anfang November wurden seine Knochen im Norden Berlins gefunden. Die Ermittler gehen davon aus, dass er einem Kannibalen zum Opfer gefallen ist. Ein 41-Jähriger wurde festgenommen.

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Berlin.  Der rote Putz des Eckhauses leuchtet in der Mittagssonne, es ist still an der Parkstraße in Pankow. Hier lebte Stefan R. bis zu seiner Festnahme am Mittwoch. Der 41-Jährige steht im Verdacht, den 44-jährigen Stefan T. getötet und in Teilen verspeist zu haben. R. sitzt wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft.

„Es war ein Schock“, sagt der Betreiber des Kiosks im Erdgeschoss des Wohnhauses. Er wolle weiter nichts dazu sagen. Es sei noch zu frisch. Auch ein junger Mann, der das Haus gerade verlässt, scheint nicht reden zu wollen. Auch er nennt die Vorwürfe „schockierend“.

Stefan R. unterrichtete an einer Privatschule um die Ecke

Das Leben von Stefan R. hat sich offenbar vollständig in Pankow abgespielt. Der mutmaßliche Kannibale lebte ruhig unweit des Bürgerparks. Der Lehrer unterrichtete Mathematik und Chemie an einer etwa einen Kilometer südlich gelegenen privaten Gemeinschaftsschule. Dort war am Freitag telefonisch niemand zu erreichen. Der Facebook-Auftritt sowie die Internetseite, auf der das Kollegium vorgestellt wird, funktionierten nicht. „Der Fall macht betroffen“, sagt ein Sprecher der Senatsbildungsverwaltung. „Unsere Schulpsychologie ist vor Ort, das geschieht in solchen Fällen auch für den Privatschulbereich.“

Stefan R. steht im Verdacht eines Sexualmordes aus niedrigen Beweggründen , wie es von der Berliner Staatsanwaltschaft am Donnerstag hieß. Er soll Stefan T. aus Lichtenberg getötet und anschließend Teile von ihm verspeist haben. Beide sollen sich in einem Dating-Chat im Internet kennen gelernt haben, wo das spätere Opfer Kontakt zu beiden Geschlechtern gesucht haben soll.

Stefan T. galt zwei Monate lang als vermisst

Der 44 Jahre alte Monteur galt seit dem 5. September als vermisst. Am 8. November fanden Spaziergänger etwa elf Kilometer vom Wohnort des Verdächtigen entfernt am Buchholzer Graben Knochen . Sie waren vollkommen fleischlos und konnten wenig später dem Vermissten zugeordnet werden. Spürhunde brachten die Ermittler schließlich zur Wohnung des mutmaßlichen Täters.

Wie die Morgenpost aus Polizeikreisen erfuhr, ergaben weitere Ermittlungen, dass Stefan R. auch in Chat-Gruppen für Kannibalismus im Internet unterwegs war. Leichenspürhunde schlugen bei der Durchsuchung seiner Wohnung an Tiefkühlbehältnissen und Dosen an. Außerdem wurde eine Sackkarre und eine Tiefkühlbox entdeckt. Auch „einschlägige Werkzeuge“ wie etwa Messer und Sägen wurden gefunden, hieß es.

Der aktuelle Fall weckt die Erinnerungen an einen Fall aus dem Jahr 2001. Damals hatte Armin Meiwes, der nach seiner Tat als „Kannibale von Rotenburg“ bekannt geworden ist, seine Internet-Bekanntschaft aus Berlin, Bernd Brandes, getötet, zerlegt und Teile des Körpers gegessen. Meiwes verbüßt seit 2006 eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes. Er gab damals an, dass sich Brandes freiwillig als Kannibalismusopfer zur Verfügung gestellt hatte.

Experte: Kannibalismus ist „bizarres Ende“ einer sexuellen Abweichung

Fälle wie diese seien extrem selten, sagt der Kriminalpsychologe Rudolf Egg. „Als Fantasie kann das häufiger sein, aber dass Kannibalismus tatsächlich vollendet wird, kommt fast nicht vor.“ Sexueller Kannibalismus ließe sich als, wenn auch geringe und kurzzeitige, Vereinigung zweier Körper beschreiben. Er liege weit weg von der Norm am „bizarren Ende“ einer sexuellen Abweichung und sei „hochgradig gestört“.