Bildung

Es brennt in Berlins Schulen: Eine Lehrerin berichtet

Eine junge Lehrerin verfasst ein Buch über ihre Arbeit an einer Berliner Grundschule – und zeigt auf, was völlig schiefläuft.

Die Lehrerin Katha Strofe hatte ihre Stelle an einer Brennpunkt-Grundschule mit Elan angetreten – anfangs.

Die Lehrerin Katha Strofe hatte ihre Stelle an einer Brennpunkt-Grundschule mit Elan angetreten – anfangs.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Beginnen wir mit der Autorin, geht es doch um die Glaubwürdigkeit ihres Insider-Berichts aus einer Berliner Schule. Sie nennt sich „Katha Strofe“, ein Pseudonym, das gleich klarmacht, was los ist. „Mein Jahr als Lehrerin an der Grundschule des Grauens“, lautet der Untertitel ihres Buches „Leaks aus dem Lehrerzimmer“. Die 32-Jährige erzählt darin von ihren Erlebnissen an jener Grundschule, wie diese heißt und wo genau sie steht, bleibt offen. Aber es gibt die Schule, das ist sicher – auch nach einem direkten Gespräch mit der Autorin.

Die tritt zwar öffentlich auf, aber nur getarnt. Auf Fotos ist sie nur von hinten zu sehen und mit Perücke. Im Frühstücksfernsehen wurde sie hinter einem Milchglasparavent interviewt, ein starker Scheinwerfer sorgte dafür, dass sich nur ihr Schattenriss hinterm Glas abzeichnete. Solche konspirativen Interviewformen kennt man eigentlich nur aus harten Milieus, wenn es um Drogen, Prostitution, Clans oder rechtsradikale Aussteiger geht.

Ist das nicht ein wenig überdreht, mag man denken. Ist die Senatsbildungsverwaltung so ein schlimmer Arbeitgeber, dass sie jeden mundtot macht, der mit offenem Visier ein paar ernste Probleme ausspricht?

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Berliner Grundschullehrerin: „Mein Gewissen sagt, ich muss dieses Buch schreiben“

„Die Geheimhaltungsklausel in meinem Arbeitsvertrag sagt, ich darf dieses Buch nicht schreiben. Mein Gewissen sagt, ich muss dieses Buch schreiben“, argumentiert sie selbst. Als Leser ist man also gezwungen, ihr schlicht zu vertrauen, dass ihre Beschreibung dieser verlorenen Grundschule irgendwo in Berlin stimmt, in der kaum eine Schülerin oder ein Schüler ernsthaft die Chance hat, etwas zu lernen. Weil an Bildung hier niemand mehr glaubt – die Schule nicht, die Schüler nicht und die Lehrer, von denen sich immer mehr dauerhaft krankmelden, auch nicht. Katastrophe eben.

Und, ist die Autorin glaubwürdig? Steht es um einige Schulen Berlins wirklich so schlimm wie an dieser „Kasper-Hauser-Schule“, wie sie im Buch tarnend genannt wird? Ja.

Die 5f trägt bei meiner Ankunft im chaotischen Klassenraum gerade scheinbar einen Wettkampf darum aus, welches der Kinder am lautesten schreien kann. Gezwungenermaßen nehme auch ich an dem Kräftemessen teil, um für Ordnung zu sorgen. Doch jedes Mal, wenn die Klasse endlich halbwegs still ist, sorgt die kleckerweise Ankunft verspäteter Schüler erneut für Unruhe. Die Nachzügler werden von allen Seiten mit ironischem Beifall und kessen Sprüchen begrüßt.

Schulen in Berlin: Die Schüler zeigen keinen Respekt

Wenn die Lehrerin Frau Strofe also beschreibt, wie kleckerweise die Schüler morgens eintreffen, deutlich nach dem Gong zum Schulbeginn, dann lässt sich daran schon viel ablesen – die Schüler zeigen keinen Respekt vor dem Unterricht, vor den Lehrkräften. Sie sind zehn oder elf Jahre alt und machen zu jedem Schulbeginn eine deutliche „Scheißegal“-Haltung klar. Von Zuspätkommen bis gar nicht mehr Auftauchen ist es nur ein Katzensprung.

Schwänzen in der Grundschule? Kommt so ein Fehlverhalten nicht erst mit der Pubertät? Ein Blick auf die Daten des Berliner Schulverzeichnisses hilft weiter. Darin wird jede Schule vorgestellt. Dort findet sich eine aufschlussreiche Prozentsparte: „unentschuldigte Fehlquote“. Bei Grundschulen existiert die normalerweise nicht, sie sollte im Null-Promille-Bereich liegen. Welches Kind in diesem Alter traut sich schon, einfach so der Schule fernzubleiben?

Und doch gibt es das – und nicht zu knapp: Grundschulen mit 1,4, 1,5, 1,8, 2,1, ja sogar eine mit 4,1 Prozent Schwänzerquote. Ein Wert, der an die Quoten disfunktionaler Sekundarschulen ohne Oberstufe heranreicht, den Problembären unter Berlins Schulen. Wer aber schon in der Grundschule schwänzt, ist später kaum noch einzufangen.

Falsche Atteste, Verspätungen in fast jeder Schulstunde

Auch an der Kasper-Hauser-Schule wird geschwänzt oder es werden falsche Atteste eingereicht. Und sogar im Lehrerzimmer, wo frustrierte Pädagogen sitzen, ist der Schlunz eingezogen – kaum jemand lässt die Stunde pünktlich beginnen. Lieber noch eine Zigarette, einen Kaffee. Fünf Minuten später geht auch. Doch wenn Schüler nur noch unregelmäßig und ohne viel Elan auftauchen und Lehrer sich im Lehrerzimmer abkapseln, was heißt das für die Leistung?

Alles in allem hat die Vorbereitungsstunde auf die Lernerfolgskontrolle lediglich offenbart, dass die Kids keine Lernerfolge hatten. In meiner Hilflosigkeit tue ich, was hilflose Lehrer weder tun sollen noch wollen, aber mangels Alternativen eben machen: Ich „überarbeite“ die Klassenarbeit. In den Computerraum zurückgezogen, öffne ich die entsprechende Datei und simplifiziere die ohnehin schon leichten Aufgaben weiter.

Berlins Schulen: Setzen, Sechs!

Frau Strofe verzweifelt am Deutschniveau ihrer fünften Klasse, die sie mehr oder weniger als Dauervertretung in dem Jahr unterrichtet, weil die ausgebrannte Klassenlehrerin, schon mehr als 20 Jahre im Dienst, sich dauerkrank gemeldet hat. Für die junge Lehrerin ist es dagegen ihre erste richtige Schulstelle, sie war mit viel Elan gestartet. Und muss schnell feststellen, dass viele ihrer neuen Schüler keine Ahnung haben, was Nomen, Verben oder gar Adjektive sind. Sie versucht alles, um den Stoff zu vermitteln: Merksätze, Lückentexte, Rätselaufgaben, Stationenarbeiten, sogar ein Pantomime-Spiel. Es bleibt nicht viel haften. Also greift sie in der Klassenarbeit zur Methode „Niveau-Limbo“. Sie senkt die Standards. Sie kapituliert.

Wer den Bericht der Kommission zur Schulqualität in Berlin kennt, der im Oktober vorgestellt wurde, den werden solche Szenen kaum überraschen. Den Schwerpunkt legte die Qualitätskommission auf zwei Fächer: Deutsch und Mathe. Sie schaute sich an, wo Berlins Schüler da momentan stehen. Die Zahl der Schüler, die aktuell in der weiterführenden Sekundarschule nur auf Grundschulniveau lesen können, lag 2019 bei 50 Prozent – jeder zweite Schüler quält sich hier durch Texte. Und über 60 Prozent der Sekundar- und Gemeinschaftsschüler können auch in der Mittelstufe nur auf Grundschulniveau rechnen.

Das hat beim Abschluss Folgen. 2018 erreichten bei der schriftlichen Prüfung zum Mittleren Schulabschluss (MSA) von den Sekundar- und Gemeinschaftsschülern „mehr als 40 Prozent nur die Noten mangelhaft oder ungenügend“. Wie wird das Leben dieser Schüler wohl weitergehen? Ihre Schulnote ist die Note für Berlins Schulen: Setzen, Sechs!

Die Basis fehlt den Schülern: Lesen, Schreiben, Rechnen

Was den Schülern in den weiterführenden Schulen fehlt, sind die Grundlagen. Lesen, Schreiben, Rechnen. Das muss sitzen. Ohne das geht nichts im Leben. Doch das lernen zu viele Schulanfänger in den ersten Schuljahren nicht. „Mit Blick auf Berlin fällt besonders ins Gewicht, dass Berliner Schülerinnen und Schüler im Vergleich zu Schülern anderer Bundesländer deutlich geringere Kompetenzen im Grundschulalter aufweisen“, heißt es im Abschlussbericht der Kommission.

Zur Wahrheit gehört auch – es betrifft in Berlin natürlich nicht alle Schulen, sondern nur bestimmte. „An einigen Schulen sind 100 Prozent der Lernenden auf Kompetenzstufe 1 (unter Mindeststandard), an anderen 90 Prozent auf Kompetenzstufe 5 (Optimalstandard).“ Brennpunktschulen kämpfen besonders häufig mit den Leistungen. Kinder mit Migrationshintergrund und aus Familien, die von Sozialtransfers leben, sammeln sich in bestimmten Bezirken und an bestimmten Schulen. Die „ungleiche Verteilung“ innerhalb der Stadt sei bemerkenswert, heißt es im Bericht.

Aber auch in Frau Strofes fünfter Klasse gibt es Ausreißer nach oben. Malina und Liesa sind ihren Mitschülern längst voraus, die beiden Zehnjährigen kennen jede Antwort – sie sind genau auf dem Niveau, auf dem sie in einer fünften Klasse sein sollten. Doch weil der Rest so weit hinterher hängt, kommen sie nicht zu ihrem Recht. Irgendwann legen sie nur noch müde ihren Kopf auf die Tischplatte. „Ihnen ist stinklangweilig.“

Aber sollte nicht der Ganztag in Berlin alles besser machen, weil man dann ganz anders mit Schülern arbeiten kann?

Der Hort erweist sich als Verwahranstalt

Ein Vierertisch Mädels zeigt sich partout nicht zur Mitarbeit bereit. Sie packen nicht mal die Bücher aus, da kann ich mich auf den Kopf stellen. Vielleicht bin ich keine gute Lehrerin, didaktisch schwach oder so. Glauben Sie mir, so etwas frage ich mich täglich, seit ich an dieser Schule arbeite. Mir fällt in dieser Situation gerade auf jeden Fall nichts Besseres ein, als von Bitten zu Drohungen überzugehen. Als Erstes versuche ich, mir Autorität mit einem angekündigten Klassenbucheintrag zu erpressen. Die Vorlauteste der Quadriga hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig. „Ich mach die scheiß Aufgabe nicht, kein Bock, Mann! Schreib doch in dein Klassenbuch, ich ficke dein Klassenbuch!“

Was soll ich dazu bitte schön sagen? Keine Ahnung, also fordere ich sie auf, mir ihren Namen zu nennen, damit ich am Nachmittag bei ihren Eltern anrufen kann. Auch davon ist sie gänzlich unbeeindruckt: „Ruf doch an. Kein Problem, wenn du tschetschenisch sprichst.“ Nun kündige ich ihr Nachsitzen an. Schulterzucken. „Ich bin sowieso jeden Tag bis vier Uhr im Schulhort nebenan. Is mir egal, ob ich dort rumsitze oder hier.“

Rumsitzen. Der Hort als Verwahranstalt, wo nicht viel passiert. Genau das ist der Albtraum des Berliner Bündnisses „Qualität im Ganztag“. Das lädt zum Pressegespräch in den Räumen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ein, es ist Ende Oktober. Es soll um Forderungen an die Politik gehen: mehr Personal, mehr Räume, mehr Zeit für die Kinder, aber auch für die Verwaltung. Viele Horte sind große Tanker.

Drei Hortleiter aus drei Grundschulen sind da – und der Frust aus der Praxis ist unüberhörbar. „Es ist nur noch ein Lückenstopfen“, sagt ein Hortleiter wütend. Immer mehr Erzieher agierten als Feuerwehr, um Lehrermangel und hohe Krankenstände abzufedern. „Fallen Lehrer aus, ist es meist so, dass wir die Kinder vormittags übernehmen und betreuen“, berichtet Erik Voß, Hortleiter in der Schule am Falkplatz. Nachmittags fehlt dann Personal, Hausaufgabenbetreuung oder AGs fallen aus. „Die Kollegen empfinden sich dann nur noch als Aufsichtsperson“, sagt er, für echte Pädagogik fehle die Zeit. Hauptsache, am Ende des Tages sind alle Kinder noch heil.

Dabei steigen die Herausforderungen, nicht nur, weil immer mehr Kinder den Hort besuchen. „Wir merken in den Hofpausen auch mehr Gewalt an den Schulen“, sagt Alicia Barzaga Sánchez, Hortleiterin an der Carl-Schurz-Grundschule. Viele Kinder bewegen sich deutlich weniger als früher, hängen viel am Monitor, sind schnell frustriert. Auch die Lehrerin Strofe stellt alarmiert fest, dass ihren Schülern zunehmend „fundamentale Fähigkeiten und Problemlösungsstrategien fehlen“. Schule wird so zum frustrierenden Erlebnis, und dieser Frust entlädt sich im übelsten Fall an Mitschülern. Und die Horterzieher stehen hilflos daneben, weil sie unterbesetzt sind.

„Es soll bei Scheeres nach außen alles schön aussehen“

Berlins Bildungsbehörde druckt die allerhübschesten bunten Broschüren und Heftchen – wie das „Berliner Bildungsprogramm für die offene Ganztagsschule“ (hier als pdf). 118 Seiten voller hehrer Ziele, wie der Ganztag alles besser machen soll. Doch schon die eigentlichen Horträume werden immer weniger, weil sie aufgrund der wachsenden Schülerzahlen kurzfristig in Klassenräume umgewandelt werden. „Es soll bei Scheeres nach außen alles schön aussehen“, seufzt ein Teilnehmer der Runde. Die Realität sei eine andere. Das gilt auch für das Thema Diversität.

„Die Kinder hier haben doch gar keine Vorurteile gegeneinander. Ich habe lediglich eine einzige Schülerin, die ...“, werfe ich ein, werde aber von meiner Kollegin Bine unterbrochen: „Und ob die Kinder Vorurteile haben! Manchmal brennen sich die falschen Weltbilder in manche Kinderköpfe regelrecht ein. Die bekommt man da nicht so leicht wieder heraus. Mein Schüler Amjad zum Beispiel hat sich strikt geweigert, neben einem afghanischen Mädchen zu sitzen. In seinem Heimatland Iran, wo der Junge bis vor einem Jahr gelebt hat, schauen viele Iraner auf Afghanen herab, das hat sich bei Amjad fest eingeprägt.“

Im Schulalltag muss Lehrerin Katha Strofe erleben, wie es heißt: Jeder gegen jeden. Da ist der kleine Junge mit afrikanischen Wurzeln, neben den sich ein arabischer Mitschüler nicht setzen will, weil „Schwarze sind große Kackhaufen“. Da ist Paul, der seinen Mitschüler Kiano zurück nach Afrika schicken will. Der allerdings war dort noch nie, er ist geborener Berliner. Da ist Herr El-Amin, Vater eines Schülers, der sich lautstark über die Weihnachtsdekoration an den Fenstern aufregt. „Überall diese Judensterne!“ Und da ist die Schülerin, die wiederum per se Frau Strofe vorwirft, dass sie Rassistin sei – weil sie halt weiß ist.

Schulen werden mit den Problemen allein gelassen

Der Fall des elfjährigen Grundschülers aus Spandau, der seiner Lehrerin wütend mit Enthauptung drohte, hat zuletzt gezeigt, was alles in den Schulen anbrandet. Und viel zu oft werden die Lehrkräfte und Schulleitungen mit den Problemen allein gelassen. Die Art, wie sich Mitschüler innerhalb einer Schulgemeinschaft voneinander abgrenzen, ist so vielschichtig, dass die Pädagogen dem oft hilflos gegenüberstehen.

Von den meisten krassen Momenten erfährt die Öffentlichkeit nie etwas – Berlins Schulen gleichen einer Blackbox, gerade dort, wo es kritisch wird. Ein Buch wie jetzt das von der Lehrerin Strofe wirft einen kurzen Lichtstrahl ins Verborgene, eine flüchtige Momentaufnahme, mehr nicht. Und doch: Zahlen und Berichte belegen, genau solche Momente gibt es offenbar massenhaft in ganz Berlin.

Die Senatsbildungsverwaltung hat zuletzt reagiert: mit einem Fokus auf Schulqualität, mit dem Indikatorenmodell. Ob das reicht? Eine erste Generation, so scheint es, hat Berlin längst verloren.