Neukölln

Neue Idee für Gebäudeklotz an der Karl-Marx-Straße

Mit „Nion“ könnte eine neue Initiative das Ex-Kaufhaus an der Karl-Marx-Straße beleben. Doch einen Bauantrag gibt es noch nicht.

Fast 60 Jahre lang war C&A in der Karl-Marx-Straße eine Institution, jetzt würde Ryotaro Chikushi gerne daraus das „Nion-Haus“ machen.

Fast 60 Jahre lang war C&A in der Karl-Marx-Straße eine Institution, jetzt würde Ryotaro Chikushi gerne daraus das „Nion-Haus“ machen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Neukölln. Über den Dächern von Neukölln erzählt uns Ryotaro Chikushi von seinem japanischen Traum. Der 43 Jahre alte Start-up-Unternehmer und Marketingexperte steht ganz oben auf dem Dach des früheren C&A-Gebäudes an der Karl-Marx-Straße und blickt auf den Neuköllner Rathausturm. Ryotaro Chikushi lebt seit elf Jahren in Berlin, er ist Halb-Japaner, Halb-Italiener, und er hat eine Vision für den ehemaligen Kaufhausklotz: Es soll zum „Nion-Haus“ werden. Dabei geht es nicht um Wohnbebauung, sondern um gewerbliche Nutzung.

Nion, so heißt die Initiative, die Chikushi zu einer gemeinnützigen GmbH aufbauen will. Das bedeutet, dass die zukünftigen Erträge zu gemeinnützigen Zwecken verwendet würden. Das Nion-Haus soll Neukölln verändern – und Berlin auch. Noch ist es nur eine Idee. Vielleicht scheitert sie am Hausbesitzer. Der muss sich erst noch für Chikushis Initiative als Hauptmieter entscheiden. „Es gibt Konkurrenz und wir wären sicher nicht der finanzstärkste Interessent“, meint der Unternehmer, der in Mailand Kunst studiert und zehn Jahre in Tokio gearbeitet hat. Er sucht noch weitere Investoren. Und Mieter, die das Gebäude bespielen. Zusagen für eine 60-prozentige Auslastung habe er immerhin schon beisammen.

Entscheidung des Besitzers noch dieses Jahr erwartet

Die Entscheidung des Eigentümers, der das Gebäude wohl nicht verkaufen möchte , stehe nun kurz bevor. „Noch in diesem Jahr“, sagt Chikushi, „wird sie fallen.“ Das Gebäude ist Premiumlage, der Besitzer naturgemäß an einer Wirtschaftlichkeit des Projektes interessiert. „Für uns als gemeinnütziges Projekt wäre das ein Spagat“, räumt Chikushi ein, glaubt aber, „dass es trotzdem gute Gründe gibt, die für uns sprechen.“

Das Nion-Haus wäre eine Neuheit. Chikushi und seine Mitarbeiter haben ein Konzept erarbeitet: Alle fünf Etagen des Hauses, eine Fläche von 11.000 Quadratmetern, wollen sie in einen Ort für den lokalen und internationalen Austausch, für deutsche und japanische Kultur verwandeln, der besonders nachhaltig ist und die Natur an vielen Stellen in das Umfeld miteinbezieht. Auch eine Kita für 25 Kinder hat Chikushi geplant.

Kurz zur Geschichte des Gebäudekomplexes an der Ecke Anzengruberstraße: Fast 60 Jahre lang gingen hier Klamotten über den Ladentisch, bis C&A das Kaufhaus Anfang 2012 schloss. Die Bekleidungsfirma zog in eine Shopping-Mall gegenüber. Rund zwei Jahre diente das Haus als Flüchtlingsunterkunft. Seit 2018 steht es leer. Vor dem Haupteingang haben sich Obdachlose eingerichtet.

Für den Bezirk Neukölln ist das Gebäude eine „Schlüsselimmobilie“, wie Baustadtrat Jochen Biedermann (Grüne) noch im vergangenen Jahr sagte. Bei der Nachnutzung solle es einen „belebenden Charakter“ für die Straße haben. „Daher kommt es bei der Beurteilung der Nachnutzung nicht nur auf die städtebauliche Wirkung sondern vorrangig auch auf die Nutzung selber an“, formulierte Biedermann damals. Das könnte Chikushi mit seiner innovativen Idee in die Hände spielen; zumindest habe er positive Signale vom Bezirksamt erhalten, sagt er.

Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Tonio voranbringen

Eine fünfstellige Summe hat er bisher privat investiert in die Nion-Idee. Die Umbaupläne im Gebäude würden natürlich erheblich höhere Summen verschlingen, die er privat nicht tragen könnte. „Wir wollen künftig einen Teil über gemeinnützige Investoren und Kredite finanzieren“, sagt er. Was ihn antreibt: Sein Ziel sei es, die Städtepartnerschaft zwischen Tokio und Berlin und das kulturelle Verständnis zwischen Japan und Europa voranzubringen. Bei einem Projekt im Jahr 2014 mit dem Berliner Senat in Tokio begriff er, dass Menschen beider Kulturen viel voneinander lernen könnten. Da Deutschland und Japan aber Tausende Kilometer voneinander entfernt liegen, fände er einen „permanenten Ort des Treffens und des Austausches“ sinnvoll.

Das C&A-Gebäude habe er vor einem knappen Jahr entdeckt, damit begann die Entwicklungsphase. Ein Bauantrag ist noch nicht abgeben. „Wir sind sehr eng mit dem Bezirk im Gespräch, auch mit der Wirtschaftsförderung. Wir wünschen uns, dass wir im Sommer 2021 öffnen können.“ Chikushi will auch die Menschen im Kiez mit in die Planungen einbeziehen. Eigentlich war für Anfang November eine Projektwoche mit kleinen Events vor Ort angekündigt, doch die fällt nun wegen Corona aus.

Initiative plant Mischnutzung auf fünf Ebenen

Für das „Nion-Haus“ schwebt dem Unternehmer eine komplexe Mischnutzung auf jeder der fünf Ebenen vor. Im Erdgeschoss sind etwa Lokale und Einzelhändler geplant. Außerdem soll es Gastronomie mit Raum für kulinarische Experimente geben. Die ehemalige Großküche der Geflüchtetenunterkunft solle umgebaut werden für Kiez-orientierte Events, erklärt Chikushi.

Ins erste Obergeschoss könnten ebenfalls Einzelhandel und Gastronomie, allerdings eher in Form abgepackter Produkte. Kombiniert werden soll das mit einem Wellness- und Gesundheitsbereich mit fernöstlicher Medizin, Fitness und Massagen.

Spielerisches Erleben anderer Kulturen

Im zweiten Obergeschoss könnte es einen Start-Up-Campus geben – und einen Bereich für E-Sports und Virtual Reality. Dabei soll es auch um das spielerische Erleben anderer Kulturen gehen; zum Beispiel bei einer virtuellen Fahrt mit der Ringbahn in Tokio. Im dritten Obergeschoss soll es hauptsächlich Büros geben – mitunter von den Unternehmen, die mit das Haus mitgestalten. Im vierten Obergeschoss, dem alten Lager, will Chikushi Kunst ausstellen.

Auf der Dachterrasse soll eine „grüne Oase“ entstehen, im Hinterhof soll es einen Bereich für Kiezkultur mit einem Café geben. Alle diese Pläne kann man im Internet einsehen auf der Homepage nionhaus.com. „Wir wollen sehr transparent sein“, verspricht Chikushi. Eine andere Immobilie, sozusagen als Plan B für seine Nion-Haus-Idee, hat er übrigens nicht im Visier. Die erste Hürde, um in die nächste Phase zu kommen, heißt nun also erstmal: Ein Mietvertrag mit dem Eigentümer muss her.