Tegel-Schließung

Noch einmal eine Currywurst bei der EsS-Bahn essen

Der S-Bahn-Wagen vor dem Flughafen ist bekannt. Sören Kittel hat ihm einen letzten Besuch abgestattet.

Der Flughafen Tegel im Oktober 2020.

Der Flughafen Tegel im Oktober 2020.

Foto: Christophe Gateau / dpa

Der Flughafen Tegel hat etwas Geisterhaftes im Oktober 2020. Geschäfte sind zum Teil geschlossen, manche Regale sind leer, und bei Burger King steht niemand an. Es gibt genau drei Schlangen, die ins Auge fallen: eine ist am Terminal A, Gate 12, für einen Flug ins Warme. Eine ist vor der Besuchertribüne für die Menschen, die sich ein kostenloses Zeitticket gebucht haben – und eine ist meist bei der EsS-Bahn.

Schon der Untertitel „Berlins abgefahrenste Currywurst“ ist ein Gruß aus einer Zeit, als das einmal lustig war. Alles wirkt „oll“ an diesem Ort – und das ist Teil des Konzepts: Seit September 2013 steht dieser Original-S-Bahn-Waggon der 1920er-Jahre vor dem Flughafen und bietet Besuchern einen ersten Snack nach der Landung an. Es war auch als Provisorium gedacht und wurde dann über die Jahre doch immer wieder verlängert mit jeder weiteren Verschiebung der BER-Eröffnung.

Das Brötchen kostet 90 Cent extra

Überraschend ist, wie ruhig der Mann hinter dem Schalter ist. Nestor Espinoza, Jahrgang 1967, ist ein Chilene, der seit acht Jahren für die Firma arbeitet, die den EsS-Bahn-Waggon betreibt. „Lassen Sie sich Zeit“, sagt er, als er merkt, dass diese Bestellung einer Currywurst noch mit einigen Fragen verbunden sein wird. Nur fotografiert werden möchte er nicht. „Ich mache das gern“, sagt er, „aber haben Sie die Schlange gesehen?“ Immer wenn ein Flug landet, merke er das als erster. „Hier steht eigentlich immer jemand an.“

Dabei sind die Preise durchaus stattlich: Eine „Currywurst Klassik“ kostet bei ihm 3,70 Euro. Da ist noch kein Brötchen (90 Cent) dabei. Am Zoo kostet eine Currywurst 1,60 Euro. Dort in der Gegend wurde sie auch erfunden. Zumindest war an der Ecke Kant-/Kaiser-Friedrich-Straße in Charlottenburg der Stand von Herta Heuwer. Die Berlinerin bot im Jahr 1949 zum ersten Mal eine Wurst an, die mit einer speziellen Currysoße „angemacht“ wurde. Es wurde der Nachkriegs-Snackklassiker, den Nachtschwärmer bis heute vor allem in den frühen Morgenstunden bestellen: „Eine Currywurst geht noch.“

„Wir haben sei März den Waggon nicht mehr geöffnet“

In Tegel bestellen viele gleich das „EsS-Bahn-Menü“: 7,90 Euro für Currywurst mit Pommes plus Getränk. „Machen sie acht Euro“, sagen trotzdem die meisten in verschiedenen Sprachen. Nestor Espinoza lächelt dann, er spricht in der Tat wenig. Aber Espinoza muss immer wieder Menschen erklären, warum sie nicht in die „EsS-Bahn“ einsteigen dürfen. „Wegen der Aerosole“, sagt er. „Wir haben seit März den Waggon nicht mehr geöffnet.“ Vor allem Asiaten und Amerikaner stehen enttäuscht vor den geschlossenen Türen. „Früher hatten wir auch einen zweiten Schalter geöffnet, weil der Andrang so groß war.“

Jetzt macht Nestor Espinoza auf jeden Fall bis zum letzten Tag weiter, sagt er noch, bevor der nächste Kunde drängt. „Aber nach dem 8. November bin ich weg.“ Nicht, weil der Job zu stressig sei oder weil er nicht auch am BER weiterarbeiten könnte – der Inhaber hat am neuen Flughafen schon alles aufgebaut, und es wird also auch dort eine Currywurst Klassik geben. „Ich will nach Chile zu meiner Familie.“ Er sei schon lange nicht mehr in der Heimat gewesen, habe sich um seine Kinder in Berlin kümmern müssen. Dann sagte er: „Ich brauch eine Auszeit von Berlin.“

Und dann serviert er die Currywurst in acht Stücken – und sie ist genau so, wie sie sein muss.