Demonstration

Attila Hildmann festgenommen – vorübergehend

Rund 6000 Menschen zogen am Sonnabend durch die Hauptstadt, um gegen die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung zu protestieren.

Zumeist mit Masken und dem nötigen Abstand zog der Demonstrationszug über die Straße des 17. Juni.

Zumeist mit Masken und dem nötigen Abstand zog der Demonstrationszug über die Straße des 17. Juni.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Eine schier endlos wirkende Schlange von Menschen zog am Sonnabend vom Adenauerplatz in Charlottenburg zum Großen Stern im Tiergarten, um gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zu protestieren. Die Polizei sprach von mehreren Tausend Teilnehmenden, die Veranstalterin von anfänglich 10.000 und am Ende 6000. Bei der Polizei angemeldet wurde sie mit 20.000 Personen.

Der sogenannte Schweigemarsch zog über den Kurfürstendamm, die Joachimsthaler- und Hardenbergstraße und schließlich über die Straße des 17. Juni zu ihrem Ziel. Dort war die Demonstration, die gegen zwölf Uhr in der City West begann, um 14.39 Uhr beendet.

Gefordert wurde unter anderem, dass über das Ende der „Pandemie von nationaler Tragweite“ gesprochen wird. Denn die Verantwortlichen würden ihre Maßnahmen nicht nachjustieren, sagte Anmelderin Andrea Feuer. Es gebe mehr Fälle durch deutlich höhere Testkapazitäten und gleichzeitig deutlich weniger Tote und Schwerkranke, so die 49-Jährige weiter. „Man muss im Alltag noch einiges beachten, aber die ganze Panikpropaganda muss aufhören.“ Außerdem könne man doch auch kein ganzes Land herunterfahren und müsse auch alternative Meinungen zulassen. Es gehe darum, Menschenrechte wieder herzustellen – etwa die Reisefreiheit.

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Schweigemarsch: Aufruf zum Maskentragen und Abstandhalten

Die Demonstranten bewegten sich weitgehend still und friedlich. Im Vorfeld wurden sie dazu aufgerufen, den Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten und einen Mund-Nasen-Schutz aufzusetzen. Auf der Internetseite räumen die Veranstalter zwar ein, dass sie die Schutzmaßnahmen ablehnen. Sie seien jedoch Pflicht, wird dort begründet. Man wolle der Politik zeigen, dass man auch zivilisiert demonstrieren könne, sagte Feuer. Nicht alle trugen ständig Maske, sodass Ordnerinnen und Ordner die Demonstrierenden wiederholt ermahnen mussten. Einige reagierten mit Unverständnis. Einer Frau, die sagte, dass man das Volk mit den Masken „im Griff“ hätte, entgegnete eine Ordnerin: „Es ist ja auch nur eine Inszenierung.“

Um eine politische Neutralität darzustellen, wurden die Teilnehmenden außerdem aufgefordert, jegliche Schilder, Banner, Fahnen und Kleidung mit Parolen und Symbolen zu Hause zu lassen. Zuletzt waren bei mehreren Anti-Corona-Demonstrationen in Berlin zahlreiche Neonazis mit Reichskriegsflagge aufgetreten. Verschwörungstheoretiker fanden sich aber auch am Sonnabend. „Deutschland soll mit diesen Maßnahmen abgeschafft werden“, behauptete etwa ein junger Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte. Mitten ins Gespräch mit Anmelderin Andrea Feuer platzte ein Reichsbürger mit Megafon, in das er immer wieder „Deutschland ist ein besetztes Land!“ schrie. Sie könne sich nicht aussuchen, wer zur Demonstration komme, sagte Feuer. Sie selbst sei politisch neutral.

Die Berliner Polizei, die die Demonstration mit rund 200 Einsatzkräften begleitete, zog am Abend eine positive Bilanz. „Es lief überwiegend störungsfrei“, sagte eine Sprecherin. „Nur im Einzelfall gab es Festnahmen, darunter wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, gegen das Versammlungsgesetz und wegen Verstößen gegen den Infektionsschutz.“ Unter den Festgenommenen waren auch der rechte Verschwörungstheoretiker und Coronaleugner Attila Hildmann und sechs seiner Gefolgsleute.

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Attila Hildmann trat am Großen Stern auf

Hildmann und seine Entourage traten auf, als die Spitze der Demonstration gegen 13 Uhr den Endplatz am Großen Stern erreicht hatte. Hildmann weigerte sich zunächst, eine Maske aufzusetzen. Auf Personen, die ihn dazu aufforderten, reagierte er ausgesprochen aggressiv. Schließlich kam es unter lauten Pöbeleien Hildmanns zu den Festnahmen. Er wurde jedoch kurz darauf wieder freigelassen.

Seit der Hochzeit der Einschränkungen Anfang April gibt es immer wieder sogenannte Hygiene-Demonstrationen in der Hauptstadt. Die Protestierenden kritisierten dabei die Maßnahmen der Bundesregierung und des Berliner Senats zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Anfänglich konzentrierten sie sich auf den Rosa-Luxemburg-Platz vor der Volksbühne. Schnell mischten sich zahlreiche Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger und Neonazis unter die Protestierenden.

Bundesweit für Aufsehen und in Teilen für Bestürzung sorgte eine Demonstration des Stuttgarter Bündnisses „Querdenken“ Ende August in Berlin. Dabei überwanden 300 bis 400 Demonstranten das Absperrgitter vor dem Reichstag, stürmten die Treppen nach oben und wehten triumphierend Fahnen – zum Teil die unter Rechtsextremen häufig verwendete Reichskriegsflagge. Was in der Szene selbst als „Sturm auf den Reichstag“ gefeiert wurde, werteten viele als Angriff auf die Demokratie.

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Zum dritten Mal in Folge 4000 neue Infektionen an einem Tag

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland steigt stetig weiter. In immer mehr Großstädten wie Berlin wird die Warnmarke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen überstiegen. Die Bürger müssen sich daher auf weitere Einschränkungen gefasst machen. Zum dritten Mal in Folge gab es in Deutschland mehr als 4000 Neuinfektionen binnen eines Tages. Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete am Sonnabend 4721 neue Fälle.

Deutschlandweit haben sich seit Beginn der Corona-Krise nach RKI-Angaben mindestens 319.381 Menschen nachweislich mit dem Virus infiziert. Die Zahl der Todesfälle lag bei 9604. Etwa 273.500 Menschen haben die Infektion überstanden. Bei vielen europäischen Nachbarn entwickeln sich die Zahlen viel dramatischer. In Frankreich gab es mehr als 20.000 Neuinfektionen an einem Tag.

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