Corona-Pandemie

Charité verschiebt planbare Eingriffe und Behandlungen

| Lesedauer: 7 Minuten
Joachim Fahrun
RKI warnt vor "unkontrollierbarer" Verbreitung von Coronavirus

RKI warnt vor "unkontrollierbarer" Verbreitung von Coronavirus

Das RKI hat mehr als 4000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden verzeichnet, das ist der höchste Stand seit dem Frühjahr. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nannte die Zahl der Neuinfektionen "besorgniserregend". RKI-Chef Lothar Wieler warnte davor, dass die Epidemie "unkontrollierbar" werden könnte.

Beschreibung anzeigen

Wegen des neuen Anstiegs schwer kranker Corona-Patienten reagiert die Berliner Charité.

Berlin.  Die Berliner Charité bereitet sich auf einen erneuten Anstieg der Zahlen schwer kranker Covid-19-Patienten vor. Es würden wieder andere, planbare Eingriffe und Behandlungen verschoben oder ausgesetzt, um die Intensivstationen für Corona-Erkrankte frei zu bekommen, sagte der ärztliche Direktor der Berliner Universitätsklinik, Ulrich Frei, am Freitag vor der Bundespressekonferenz. „Wir haben den Ansatz eines exponentiellen Wachstums“, warnte der Professor. Jetzt wieder Behandlungen von anderen schwer kranken Patienten zurückzufahren, sei „eine schwierige ethische Frage“.

Es stünden zwar viele Betten frei, aber es fehlten Pflegekräfte, sagte Frei: „Das ist der Knackpunkt. Die Notlage werde noch verstärkt, weil die Bundesregierung seit August die vorgeschriebenen Untergrenzen für das Pflegepersonal auf den Stationen wieder eingeführt habe. Das bedeute, die Krankenhäuser müssten wieder mehr „Pfleger ans Bett stellen“. Das führe zu einem „Mangel in der Intensivmedizin“. Hinzu komme eine steigende Zahl von Infizierten in Kreisen der meist jüngeren Pflegekräfte. Diese zögen eine „Kette von Quarantäne-Fällen nach sich“, die den Mangel verschlimmere.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengetragen. In unserem Newsblog berichten wir über die aktuellen Corona-Entwicklungen in Berlin und Brandenburg. Die deutschlandweiten und internationalen Coronavirus-News können Sie hier lesen. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet.

Charité-Chef: Aufnahmezahlen und die Zahl der Beatmeten steigen an

Charité-Chef Heyo Kroemer sagte, 70 Prozent aller Covid-19-Intensivpatienten in Deutschland lägen in den deutschen Universitätskliniken. Bis vor drei oder vier Wochen habe es an der Charité eine „stabile Situation“ gegeben. Es seien zehn alte Covid-Fälle beatmet worden. „Seit zwei Wochen ist diese Phase vorbei“, sagte Kroemer, die Aufnahmezahlen und die Zahl der Beatmeten stiegen an. „Wir sind gezwungen, unsere sonstigen Aktivitäten einzuschränken“, so der Charité-Chef. Allerdings sei man in Berlin nicht alleine mit dieser Situation. Deshalb sei die „gegenseitige Kritik der Bundesländer untereinander und aneinander“ nicht hilfreich. Ein koordiniertes Vorgehen der Bundesländer wäre wirklich hilfreich.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte, man sei in Berlin in einer sehr angespannten Situation. Aber das Thema beschäftige alle bundesweit. „Wir sehen eine besondere Infektionsdynamik in den Großstädten.“ Das bestätigte der Chef des Universitätsklinikums Frankfurt am Main, Jürgen Graf. Die Lage sei auch im Rhein-Main-Gebiet „sehr kritisch“.

Drosten sieht Problem in vielen falschen Informationen

Zwei Zusammenhänge sind aus Müllers Sicht eindeutig. Es gehe um das „Feiern in großen Gruppen, egal ob drinnen oder draußen. Singen, Anfassen, Alkoholkonsum“, sagte Müller: „Aus diesen Begegnungen entstehen Infektionsketten.“ Aber auch „kleinere Familienfeiern in geschlossenen Räumen, wo man nicht auf die Abstandsregeln achtet“ seien ein Problem.

Der Charité-Virologe Christian Drosten sieht das Problem vor allem in den vielen falschen oder unbelegten Informationen. „Es sind viele Irrlichter unterwegs“, sagte der Virologe: „Aber die Informiertheit der Bevölkerung ist entscheidend. Richtige Entscheidungen im Alltag werden uns retten vor einer schwierigen Situation.“

Müller will Gesundheitsämter stärken und Verwaltung umorganisieren

Müller sagte, die Verwaltung müsse wieder umorganisiert werden, um die Gesundheitsämter besser zu unterstützen und mit Personal auszustatten. Man habe in den Gesundheitsämtern Stellen und Geld", sagte der Regierende Bürgermeister. Die Gesundheitsämter hätten 200 offene Stellen. "Aber ich kann mir die Leute nicht backen", so Müller. Die freien Stellen würden besetzt, aber nicht so schnell, "wie wir die Leute jetzt bräuchten." Deshalb sei jetzt ein Umschichten aus anderen Verwaltungsbereichen wichtig oder auch die Hilfe der Bundeswehr. "Ich habe auch Hoffnungen in die Schalte mit der Kanzlerin", sagte Müller. Womöglich könne es von der Bundesebene qualifiziertes Personal für den Gesundheitsdienst geben.

Müller plädierte an seine Politiker-Kollegen in den Ländern, die Regeln zu vereinfachen. Er sei immer gegen einen "Flickenteppich" gewesen. Müller kritisierte auch die Einschränkungen für Reisen im Inland. "Reisebeschränkungen, die sehr uneinheitlich gehandhabt werden, helfen nicht", sagte Müller: Er könne den Wert der Reisebeschränkungen im Inland nicht so richtig erkennen." Die Vorgaben würden personelle und Testkapazitäten binden für Ergebnisse, die man nicht brauche zur Pandemiebekämpfung.

Müller sprach sich für unkonventionelle Lösungen in den Schulen aus. Regelmäßige Lüftungspausen seien denkbar, oder auch ein Schichtbetrieb, um Kontaktmöglichkeiten zu vermeiden.

Drosten will "Qualitätskontrolle" zu Äußerungen von Wissenschaftlern

Der Virologe Christian Drosten äußerte sich zur Rolle der Wissenschaftler, die zur Pandemie durchaus unterschiedliche Einschätzungen hätten und sich entsprechend unterschiedlich äußerten. Es stelle sich die Frage der "Qualitätskontrolle zu Äußerungen von Wissenschaftlern in der Öffentlichkeit", sagte Drosten. Er fände es gut, wenn Interviews von Wissenschaftlern mit einer Literaturliste mit den Quellen für die Erkenntnisse ergänzt würden. Auch in Talkshows sollten Moderatoren immer wieder nach der Basis für bestimmte Argumentationen fragen, ob es neue Studien gebe oder der Wissenschaftler eigene Daten habe.

Dass es einen pauschalen Lockdown geben muss, sieht Drosten nicht. Anders als zu Beginn der Pandemie wisse man inzwischen, wie sich die Infektionen verbreiten. Allgemein seien Masken und Abstand der richtige Schutz. Zudem müsse man sich die wichtigsten Infektionscluster anschauen. Aber auch die Bürger müssten mithelfen. Er riet den Bürgern dazu, ein Kontakttagebuch zu führen, um sich sicher zu erinnern an Situationen, wo man andere Menschen getroffen hat.

Der Regierende Bürgermeister Müller wollte einen neuen Lockdown nicht ausschließen. Es sei Aufgabe der Politik, alle Varianten zu durchdenken. Man könne nicht zugucken als Politik, wenn die Zahlen weiter anstiegen. Müller verteidigte die Sperrstunde in Berlin. Es sei wichtig, einfache und kontrollierbare Regeln zu verabschieden. Es sie leichter zu schauen, ob eine Kneipe zu sei als ins Bierglas hineinzuschauen. Auch andere Großstädte handelten so.

Er wisse, was diese Einschnitte bedeuten. Aber in Städten wie Brüssel hätten die Behörden Gaststätten komplett schließen müssen.

Corona-Pandemie – Mehr zum Thema