30 Jahre deutsche Einheit

30 Jahre deutsche Einheit – Wir sind eins

Wie aus Ost- und Westdeutschland seit dem Fall der Mauer ein Land geworden ist. Und warum die Unterschiede so wertvoll sind.

Berlin. Erinnern Sie sich noch an das Jahr 1990? An den 3. Oktober? Ich weiß noch, was ich damals gemacht habe, zumindest am Abend. Wie viele andere Berliner war ich vor dem Reichstag – und glücklich, denn es war für mich ein Freudentag. Die deutsche Einheit, die ist für meine Familie in Ost und West immer ein Traum gewesen. Wir hatten bis zum Jahr 1989 nicht gedacht, dass er wahr werden würde, dass wir uns ohne Grenze, Mauer und Stacheldraht, ohne Kontrollen und Stasi treffen und in beiden Teilen Deutschlands frei bewegen könnten. Im November 1989 fiel dann die Mauer, nur elf Monate später war Deutschland wieder eins.

Sind wir heute, 30 Jahre später, eins? Damals am 3. Oktober 1990 habe ich, 26 Jahre alt, mir gar nicht vorstellen können, was in zehn, 15 oder gar 20 Jahren sein würde. Die Vorstellung, dass Ost- und Westdeutsche sich gut verstehen, dass alle die gleichen Ziele verfolgen würden, dass die unterschiedliche Sozialisation sich bald auflösen würde, diese Vorstellung hat sich rasch als naiv und falsch herausgestellt. Für die Ostdeutschen war nicht nur die Mauer gefallen, sondern ein ganzes System zusammengebrochen, sie erlebten eine Transformation, die sie in allen Bereichen – vom Steuersystem bis zur Arbeitssituation – herausforderte. Sicherlich, in den Jahren nach der Wiedervereinigung wurden auch viele Fehler gemacht, Menschen verloren Job und Perspektive. Aber es gab für diese Vereinigung auch keine Blaupause.

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30 Jahre deutsche Einheit: Die Klagen werden leiser

Zu den Jahrestagen der deutschen Einheit blicken wir meist zurück, hören Ost- und Westdeutschen zu, hören auch, was alles noch nicht gut gelaufen ist. Aber ich denke mit jedem neuen Jahrestag, dass die Klagen leiser werden. In diesem Jahr fällt in Berlin auf, dass es offensichtlich junge Menschen aus Ostdeutschland gibt, denen ihre ostdeutsche Herkunft wieder wichtiger zu werden scheint, aber ich persönlich erlebe das nicht in meinem Alltag, weder im Beruf noch im Freundeskreis. Da ist es egal, ob jemand aus Ost- oder Westdeutschland kommt, da ist es interessant, ob man in Leipzig geboren wurde und jetzt in München studiert oder ob man in Hamburg aufgewachsen ist und nun in Greifswald seine Ausbildung macht. Da gibt es die Unterschiede zwischen dem frischen Norden und dem aufgeräumten Baden-Württemberg, zwischen dem großen Sachsen und dem kleinen Saarland. Die jungen Menschen, die nach 1990 geboren wurden, die heute Kinder oder junge Erwachsene sind, die bewegen sich durch ein Land.

Auch in diesem Jahr sind wir in Deutschland unterwegs gewesen – in 20 Städten, von denen jeweils zwei denselben Namen tragen – von Frankfurt über Bergen bis Karlsruhe. Wir haben mit Menschen in Ost und West gesprochen, auch mit Politikern und Unternehmern, mit ehemaligen Bürgerrechtlern, Wissenschaftlern und Künstlern. Viele von ihnen freuen sich über die deutsche Einheit, über die Vielfalt in unserem Land. Sie empfinden die Unterschiede der Menschen in Deutschland als Bereicherung, nicht als Belastung. Sie freuen sich über das, was gemeinsam entstanden ist – in den Wirtschaftsunternehmen, auch in der Kultur, erst recht im Sport. Die Probleme, die wir in Deutschland lösen müssen – von der Wohnungsnot in den Metropolen bis zum Strukturwandel in vielen Regionen, vom Klimawandel bis zur Bekämpfung der Corona-Pandemie und der schlimmen wirtschaftlichen Folgen –, all diese Herausforderungen müssen wir gemeinsam bewältigen. Mit all unseren Stärken.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Feiertag.