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Neue BVG-Chefin: Auf Eva Kreienkamp warten viele Aufgaben

Am 1. Oktober übernimmt Eva Kreienkamp den Chefposten bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Sie steht vor vielen Herausforderungen.

Foto: BVG/Oliver Lang

BerlinEin Blick in die digitale Fahrgastinformation der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) genügt, um zu sehen: Bei den U-Bahn-, Tram- und Bus-Strecken wird an vielen Ecken gearbeitet. Mal müssen Bahnsteige und Gleise erneuert werden, an anderer Stelle wird – wie auf der Hochbahn in Kreuzberg – das ganze Bahnviadukt saniert. Doch bei der BVG gibt es dieser Tage noch ganz andere Baustellen. Solche, die nicht jeder Fahrgast auf den ersten Blick sieht – am Ende aber dennoch zu spüren bekommt, wenn sich der Bus verspätet und die U-Bahn ausfällt.

Darum muss sich ab diesen Donnerstag Eva Kreienkamp kümmern. Sie übernimmt zum 1. Oktober den Vorstandsvorsitz der BVG und wird Chefin des größten Nahverkehrsunternehmens in Deutschland. Kreienkamp tritt damit die Nachfolge von Sigrid Nikutta an, die die Verkehrsbetriebe schon Ende Dezember verließ und seither bei der Deutschen Bahn die Güterverkehrssparte im Vorstand leitet.

Mit Kreienkamp folgt ihr eine Managerin mit viel Erfahrung im Mobilitätssektor an die Spitze. Seit 2015 war die 58-Jährige Co-Geschäftsführerin der Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG). Dort soll sie wesentlich die Digitalisierung des öffentlichen Nahverkehrs in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt vorangetrieben haben. Auch davor war Kreienkamp bereits in der Mobilitätsbranche tätig. Die gebürtige Rheinland-Pfälzerin führte von 2009 bis 2014 als Chefin das private Bahnunternehmen Hamburg-Köln-Express (HKX). Im vergangenen Jahr wurde sie in die Liste der Top-Frauen in der Mobilitätsbranche gewählt.

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Eva Kreienkamp: In Mainz trauert man der neuen BVG-Chefin nach

Vor ihrem Dienstantritt in Berlin hält sich Kreienkamp selbst öffentlich bedeckt. Sonderlich bekannt war die studierte Mathematikerin Verkehrsexperten in Berlin bislang nicht. Bei den ersten Kennenlerntreffen bei der BVG hat sie jedoch einen positiven Eindruck hinterlassen. Sie sei „sachlich und ruhig“, erklärt ein BVG-Mitarbeiter. „Sie ist nicht so emotional und aufbrausend und damit das Gegenteil von Nikutta.“

Nur Gutes weiß man über die Verkehrsmanagerin an ihrer bisherigen Wirkungsstätte in Mainz zu sagen. Dort trauert man ihr schon jetzt hinterher. „Ich war etwas geschockt, als ich vom Abgang gehört habe“, sagte Martin Mendel, Vorsitzender des Fahrgastverbands ProBahn Rheinland-Pfalz. In Mainz hätten zuvor die Innovationen gefehlt. „Dann kam Frau Kreienkamp. Recht schnell hat man gemerkt, dass sie etwas bewegen kann.“ Sie habe neue Wege beschritten, was die Bürgerbeteiligung betreffe, und sei insgesamt menschlich sehr offen.

Vor allem im Bereich Digitales habe sie die Mainzer Verkehrsbetriebe vorangebracht, so Mendel. „Die Mobilitätsapp wurde unter Frau Kreienkamp fast bis zur Perfektion getrieben.“ Heute gebe es auf dem Smartphone den aktuellen Fahrplan in Echtzeit. Auch ein digitales Ridepooling-System, ähnlich dem Berliner Berlkönig, wurde in ihrer Zeit in Mainz aufgebaut. Bei der BVG hofft man, dass sie mit Innovationen und Modernisierung auch in Berlin punkten kann. Sie verantwortet dort nicht ohne Grund von nun an den Bereich Digitalisierung.

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Eva Kreienkamp hat bereits in Berlin gelebt und gearbeitet

Gleichwohl stößt sie mit ihrem Wechsel nach Berlin in andere Dimensionen vor. Befördert die MVG nach eigenen Angaben täglich 180.000 Fahrgäste, zählen die Berliner Verkehrsbetriebe am Tag rund 2,9 Millionen Fahrten. Immerhin ist ihr Berlin vertraut. Kreienkamp hat schon Anfang des Jahrtausends während Stationen bei der Berlinwasser Holding AG und der Telekommunikationsgesellschaft BerliKomm in der Hauptstadt gelebt.

Kreienkamp setzt sich zudem für mehr Diversität im Betrieb ein. Für ihr jahrelanges Engagement für die LGBTI-Community belegte die lesbische Managerin im vergangenen Jahr den ersten Platz bei „Germany’s Top 100 Out Executives“, einem Ranking für erfolgreiche Manager, die sich als lesbisch, schwul, trans-, inter- oder bisexuell definieren.

Bekannt gegeben wurde Kreienkamps Ernennung schon Ende April. Wegen ihres bisherigen Arbeitsverhältnisses konnte sie die neue Stelle jedoch nicht früher antreten. Die Leitungsposition der BVG war damit neun Monate lang unbesetzt. Die Aufgaben sind in dieser Zeit nicht kleiner geworden.

Pop sieht Digitalisierung als Handlungsfeld für die neu BVG-Chefin

BVG-Aufsichtsratschefin und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) wünscht der „ausgewiesenen Fachfrau“ zum Start eine erfolgreiche Hand bei den großen Herausforderungen. Neben den Auswirkungen der Corona-Pandemie und dem weiteren Ausbau des Nahverkehrs nannte Pop als Handlungsfelder die Elektrifizierung der Busflotte und die Digitalisierung von Mobilitätsangeboten.

Besonders die Finanzen machen den Verkehrsbetrieben jedoch schwer zu schaffen. Das vergangene Jahr schloss die BVG mit einem Minus von gut 60 Millionen Euro ab. Grund war die deutliche Tariferhöhung für die Busfahrer. Anders als zunächst vom Senat versprochenen, kompensierte das Land diese Kosten jedoch nicht vollständig.

Gelitten hat darunter offenbar schon im vergangenen Jahr der Handlungsspielraum der BVG. Von den geplanten Eigeninvestitionen in Höhe von 392,2 Millionen Euro nahmen die Verkehrsbetriebe Ausgaben in Höhe von 88,6 Millionen Euro nicht vor, wie aus einer Vorlage der Senatsverkehrsverwaltung hervorgeht, die der Berliner Morgenpost vorliegt.

Seither hat sich die Situation der BVG durch den Ausbruch des Coronavirus massiv verschlechtert. Mittlerweile liegt die Fahrgastzahl wieder bei rund 70 Prozent des Wertes vor Beginn der Pandemie. Dennoch hinterlässt die Krise ein tiefes Loch in den Kassen der gelben Flotte. Mit gut 100 Millionen Euro fehlender Einnahmen kalkuliert das Unternehmen derzeit. Zwar hat das Land angekündigt, die Verluste zur Not aufzufangen, noch unklar ist allerdings wie.

Das Unternehmen ist finanziell in Bedrängnis

Eva Kreienkamp steht zudem gleich die erste große Bewährungsprobe bevor. Denn die Verhandlungen für den Verkehrsvertrag ziehen sich noch immer. Dieser soll regeln, welche Leistungen die BVG bis 2035 zu erfüllen hat und was sie dafür bekommt. Doch um das Finanzielle wird immer noch gerungen. Besonders die Kosten für den Aufbau der E-Busflotte sollen nach Morgenpost-Informationen aus Verhandlungskreisen Streitthema sein.

Demnach überlegt Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne), dass die BVG anders als bislang die zusätzlichen Kosten für E-Fahrzeuge und deren Betriebshöfe künftig über Kredite finanzieren soll. Es wäre eine Abkehr von den bisherigen Vereinbarungen eines Letters of Intent, wonach die BVG ursprünglich keine Kredite mehr selbst aufnehmen sollte. „Das würde uns in die Verschuldung stürzen“, heißt es aus der BVG.

Fahrgastverband Igeb fordert bessere Fahrgastinformation

Wichtig für Kreienkamp wird aus Sicht von Jens Wieseke, stellvertretender Vorsitzender des Fahrgastverbands Igeb, daher vor allem eines: „Sie muss den Mut haben, auch unbequeme Wahrheiten anzusprechen.“ Dazu gehöre, dass die BVG nicht sauber durchfinanziert sei. Wieseke sieht noch weitere Baustellen. So hapere es bei der internen Kommunikation. Auf einen Streik wie am Dienstag hätte die BVG mit einem Notfallfahrplan vorbereitet sein müssen. „So etwas muss ich in der Schublade haben, damit zumindest in den Außenbezirken Busse fahren.“

Auch die Fahrgastinformation müsse besser als bislang werden, wo selbst in der App Störungen nicht angezeigt würden. Vor allem müsse die neue BVG-Chefin jedoch darauf drängen, dass Busse und Trams endlich schneller in der Stadt vorankämen. „Die BVG steckt in einer akuten Krise. Da hilft kein U-Bahnbau-Programm“, meint Wieseke. In den nächsten Jahren müssten vor allem Bus und Tram attraktiver werden.

Verbunden sein wird das mit klaren Forderungen an die Politik. Einen Trumpf hat Kreienkamp dabei womöglich in der Hand. Für die 58-Jährige könnte der Chefposten bei der BVG die letzte große Karrierestation sein. Ein Blatt vor den Mund nehmen, muss sie daher nicht mehr.

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