Stellenabbau

Daimler-Werk Marienfelde droht ein drastischer Stellenabbau

Der Stellenabbau des Autokonzerns bedroht auch Jobs in Berlin. Von 2500 könnten nur 700 übrig bleiben.

Betriebsversammlung im Werk Marienfelde am Donnerstag.

Betriebsversammlung im Werk Marienfelde am Donnerstag.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin . Im Berliner Daimler-Werk in Marienfelde droht in den kommenden Jahren ein radikaler Abbau von Arbeitsplätzen. Bisher produzieren dort 2500 Menschen Getriebe, Verbrennungsmotoren und Komponenten dafür. Die IG Metall geht nach Gesprächen mit Geschäftsleitung und Daimler-Vorstand davon aus, dass mittelfristig nur 600 bis 700 Jobs übrig bleiben werden. Denn im Konzern gebe es keine Pläne, mit neuen Produkten den Standort auch künftig auszulasten, sagte der erste Bevollmächtigte der IG Metall Berlin, Jan Otto. Das Management habe viel zu lange verschlafen, in Richtung Elektromobilität umzusteuern, so Otto weiter.

Zuvor hatten Betriebsräte und Gewerkschaft die Mitarbeiter bei einer Betriebsversammlung über die Lage informiert. Knapp 1000 Arbeiter trafen sich auf dem Werksgelände unter freiem Himmel. Werksleiter René Reif versicherte, die Fabrik werde „nicht geschlossen“, es gebe ein Bekenntnis des Daimler-Vorstandes zum Standort Berlin.

Weltweit plant Daimler einen erheblichen Stellenabbau. Die Rede ist von bis zu 30.000 Jobs. Allein am Stammsitz in Stuttgart stehen bis 2025 4000 Arbeitsplätze zur Disposition. Die Produktion dort sei zu teuer.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengetragen. In unserem Newsblog berichten wir über die aktuellen Corona-Entwicklungen in Berlin und Brandenburg. Die deutschlandweiten und internationalen Coronavirus-News können Sie hier lesen. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet.

Florian Nitschke und seine Kollegen sind bedient. „Wir wussten, dass etwas auf uns zukommt, aber das es so schlimm wird, das wussten wir nicht“, sagt er kurz nach der Betriebsversammlung. Es seien einfach nicht genügend neue Produkte für die Berliner in der Pipeline, so Otto. So habe das Management keinen Ersatz in Aussicht gestellt für die 2022 auslaufende Produktion des Dieselmotors V6, den 200 Menschen zusammenbauen. Was derzeit an Produkten für Elektromobilität in Rede stehe, reiche vielleicht für 150 Beschäftigte, so der erste Bevollmächtigte. Was die Arbeitnehmervertreter kürzlich vom Management über die Zukunftspläne erfahren hätten, sei „eine Ohrfeige“ gewesen, so Betriebsratsvize Fevzi Sikar.

Lesen Sie auch: Daimler hat den Trend zum E-Auto verschlafen

Werksleiter versichert, der Standort bleibe erhalten

Während der Betriebsversammlung drangen vereinzelte Worte der Redner vor das Werkstor an der Daimler-Straße. Werksleiter René Reif versicherte den Kollegen zwar, es gebe von Seiten des Vorstandes ein „klares Bekenntnis“ zum Standort: „Berlin wird bleiben“, schallte es bis auf die Straße. Man müsse jetzt zusammenstehen, der Standort habe sich immer behauptet. Er kämpfe jedenfalls darum, den Standort zu erhalten. Die Arbeiter und ihre Vertreter bleiben dennoch skeptisch. Der Vorstand hat sich nur verpflichtet, hier nicht alles sofort zu rasieren“, so der IG-Metaller Otto. Es sei aber klar, dass das Werk im bisherigen Umfang nicht gehalten werden könne. So soll es keine Investitionen mehr in die Motorenproduktion mehr geben.

Die Arbeitnehmervertreter bieten ihre Unterstützung an wenn es darum geht, neue Produktionen in Berlin zu entwickeln oder hierher zu verlagern. Wie stark die Bereitschaft der Konzernspitze zu solchen Gesprächen aber angesichts der weltweiten Stellenabbaupläne wirklich ist, wissen sie nicht. Die Corona-Krise sei keine gute Zeit, um solche Dinge zu verhandeln, glaubt Arbeiter Necdet Özyurt: „Corona ist nur eine Ausrede.“ Die Mitarbeiter werfen den Managern vor, die Zukunft verschlafen zu haben, vor allem den Megatrend Elektroauto, das eben keine kompliziert aus vielen Teilen zu montierende Motoren und Getriebe mehr braucht.

Manche überlegen wohl, sich bei Tesla zu bewerben

„Die hätten früher die Weichen Richtung Elektromobilität stellen müssen“, sagt Florian Nitschke. Er verstehe nicht, warum es nicht wenigstens die kleine A-Klasse längst in einer elektrisch betriebenen Variante gebe. Manche Kollegen überlegten jetzt, sich bei Tesla zu bewerben, heißt es vor dem Werkstor. Der US-Elektroautobauer zieht wenige Kilometer östlich von Marienfelde seine neue Fabrik hoch. Die freuten sich sicherlich über jeden, der Auto-Erfahrung habe.

Auch Gewerkschafter Otto thematisiert den Kontrast Abbau bei Daimler, Aufbau bei Tesla sarkastisch. Dem Daimler-Management falle nicht mehr ein, „als vor der Zukunft zu kneifen und sein ältestes produzierendes Werk hier dicht machen zu wollen. Das ist verheerend für Deutschlands Premium-Automarke.“

„Dann holen wir die roten Jacken und Feuertonnen raus“

Zu lange hätte sich der Konzern angesichts der üppigen Absatzzahlen der schweren Limousinen und SUVs in Sicherheit gewiegt, anstatt sich um die Zukunft zu sorgen. Der Politik wirft Otto vor, keine klaren Vorgaben etwa für das Aus von Verbrennungsmotoren gemacht zu haben, an denen sich die Industrie orientieren kann. Solche gibt es nun weltweit immer öfter. Gerade hat der US-Bundesstaat Kalifornien angekündigt, ab 2035 den verkauf von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor zu verbieten.

Nicht dementiert hat das Management nach Darstellung der Gewerkschaft auch Informationen, wonach das südlich der Daimler-Straße gelegene Gelände aufgegeben werden soll. Dort fertigen heute noch 800 Kollegen Komponenten für die Motoren und Getriebe. Arbeiter und Gewerkschafter zeigten sich kampfbereit: „Dann holen wir die roten Jacken und die Feuertonnen raus.“