Freizeit

Unter Kontrolle: Clubs sehen sich als Corona-"Sündenbock"

Berlin verzeichnet bundesweit die meisten Corona-Neuinfektionen. Die Suche nach den Ursachen und nach Gegenmitteln ist im Gange.

Die Berliner Clubs sehen sich in der Debatte um steigende Corona-Zahlen zu Unrecht als Verursacher abgestempelt.

Die Berliner Clubs sehen sich in der Debatte um steigende Corona-Zahlen zu Unrecht als Verursacher abgestempelt.

Foto: dpa

Berlin. Mehr als 100 Corona-Neuinfizierte werden derzeit an vielen Tagen verzeichnet: Hält der Trend an oder verschlimmert er sich sogar, könnten in Berlin wieder Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen verhängt werden. Im Fokus der Politik stehen insbesondere Partys. Die Berliner Clubs sehen sich in der Debatte zu Unrecht als Verursacher abgestempelt. "Da muss man differenzieren", sagte Lutz Leichsenring vom Dachverband Clubcommission am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. "Da wird alles in einen Topf geworfen."

Das Clubleben findet derzeit Leichsenring zufolge hauptsächlich in den Außenbereichen statt. Dort seien die Clubs die "striktesten Umsetzer" der Hygienemaßnahmen. Sie seien angesichts des Aufgebots der Ordnungsämter "ein bisschen sprachlos" und sehen sich laut Leichsenring als "Sündenbock".

Private Feiern, illegale Raves, Bars und Restaurants sind demnach etwas anderes als die Clubs. Aus der Clubszene seien keine großen Ausbrüche oder Superspreader bekannt, sagte Leichsenring. Die Kontrolleure der Ordnungsämter gingen derzeit "ein und aus". Neulich habe es bei einer Veranstaltung Lob für die Hygienemaßnahmen gegeben und dennoch sei kurze Zeit später die Polizei angerückt.

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Kontrollen in Clubs in drei Berliner Bezirken

Wie es am Dienstag aus der Gesundheitsverwaltung hieß, treiben insbesondere private Treffen und das "Clubgeschehen" die Infektionszahlen nach oben. Illegalem Treiben in Clubs, etwa Tanzen dicht an dicht trotz Hygieneregeln, soll nun in den drei besonders coronagebeutelten Bezirken Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln mit konzertierten Kontrollaktionen begegnet werden. Konkrete Zahlen zu den Neuinfektionen, die in Verbindung mit Clubs stehen sollen, konnten am Mittwoch auf Anfrage weder die Gesundheitsverwaltung noch Friedrichshain-Kreuzberg vorlegen.

Gespräche von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) und Vertretern besonders betroffener Bezirke sollen am Freitag weitergehen. Vorher wollte sich ein Sprecher Kalaycis nicht weiter äußern. Nach dpa-Informationen stehen verschiedene denkbare Schritte zur Debatte: Teilnehmer-Obergrenzen für private Feiern, eine Sperrstunde und Einschränkungen beim Außerhaus-Verkauf von Alkohol. Letzteres würde etwa Imbisse und Spätis betreffen.

Neue Einschränkungen müsste der Senat beschließen, der am Dienstag erneut über die Lage sprechen will. Der Amtsarzt des Bezirks Reinickendorf, Patrick Larscheid, sagte am Dienstag der "B.Z.": "Wenn der Senat es ernst meint, müsste er jede Form von Party oder Feier untersagen." Demnach sollte die Grenze für Zusammenkünfte wieder bei acht bis zwölf Menschen liegen - aus höchstens drei Haushalten.

Senatorin Dilek Kalayci brachte bereits ein Alkoholverbot ins Spiel

Ein Alkoholverbot für Kneipen und Bars in bestimmten Straßen hatte Kalayci schon einmal im August ins Spiel gebracht. Daraufhin sagte Kultursenator Klaus Lederer (Linke), der Senat denke über so ein Alkoholverbot nicht nach. Mehr Ordnungsamt-Kontrollen wurden aber angekündigt, weil sich in den Szenekiezen über den Sommer häufig die Menschen auf den Straßen drängten. Im Volkspark Hasenheide in Neukölln etwa, wo teils Tausende Menschen illegale Partys feierten, zeigten Polizei und Ordnungsamt verstärkt Präsenz. Es war aber nicht das Ende der Partys: Die Szene trifft sich nun eben an anderen Orten; immer wieder muss die Polizei große Zusammenkünfte auflösen.

Das Ansteckungsrisiko gilt zwar in geschlossenen Räumen als höher. Aber auch im Freien, etwa in einer dicht gedrängten Warteschlange vor dem Club, könne man sich anstecken, erklärte Friedrichshain-Kreuzberg kürzlich. Auch Außenbereiche von Clubs spielten bei Ansteckungen eine Rolle: "Die Hygienekonzepte werden dort häufig nicht eingehalten."

Die Berliner Clubszene mit rund 9000 Beschäftigten kämpft ums Überleben und ist auf Hilfsprogramme angewiesen. Zu den Mitgliedern der Clubcommission gehören Adressen wie das "About Blank", "Cassiopeia", das "Gretchen" und "Holzmarkt 25".

Berlin hat bundesweit die meisten Corona-Neuinfektionen

Im Vergleich der Bundesländer liegt Berlin bei den Corona-Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner an der Spitze: mit einem Wert von 22,9, wie aus Daten des Robert Koch-Instiuts von Mittwoch hervorgeht. Verglichen mit zum Beispiel München steht Berlin aber besser da: Laut RKI-Dashboard werden in der bayrischen Großstadt 44,5 Fälle pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen erfasst. Das liegt näher am Wert, den der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg erreicht: 46,8.

Befürchtet wird, dass sich im Zuge der Ausbreitung bei Jüngeren auch wieder vermehrt Ältere mit Sars CoV-2 anstecken, was eine Zunahme der Krankenhaus- und Todesfälle nach sich ziehen kann.