Corona

Gastwirte blicken mit Sorge auf den Winter

Berlins Gastwirte mit Außenbereich sind gut durch die Corona-Krise gekommen. Aber wie soll es im Winter weitergehen?

Katharina Winter leitet seit Januar die Datscha in Mitte. Nach 25 Jahren Bestehen geht es für das russische Restaurant - wie für so viele Lokale in Berlin –  nun ums Überleben.

Katharina Winter leitet seit Januar die Datscha in Mitte. Nach 25 Jahren Bestehen geht es für das russische Restaurant - wie für so viele Lokale in Berlin – nun ums Überleben.

Foto: Philipp Siebert

Berlin. „Überleben“, entgegnet Katharina Winter kurz und knapp auf die Frage nach ihrer Hoffnung für die kommenden Monate. Seit Januar ist die 28-Jährige Restaurantleiterin der „Datscha“ am Weinbergsweg in Mitte. Am Sonnabendnachmittag sitzen ein paar Gäste vor dem russischen Lokal. Winter zeigt auf die Markisen, wo sie Infrarotstrahler anbringen möchte. Die würden ein paar hundert Euro kosten. Dann würde es noch eine Weile gehen, dass die Gäste mit Decken draußen sitzen.

„Und für Innen überlegen wir, vielleicht Trennwände aus Plexiglas aufzustellen, dass wir mehr Tische unterbekommen“, nennt Winter ihren Plan für die kalten Wintermonate. Statt 28 wären es dann 70 Sitzplätze, verteilt über die vier Räume des Restaurants und damit zwei Drittel mehr Umsatz. „Man muss halt alles ausprobieren.“ Vom Berliner Senat wünsche sie sich mehr Informationen – gern auch finanzielle Unterstützung. „Solange kein zweiter Lockdown kommt, kommen wir rum.“ Wenn doch, werde es schwierig. Im Frühjahr, als das russische Restaurant wie alle anderen Lokale Berlins wochenlang schließen musste, habe man Essen außer Haus verkauft. Aber „im Winter setzt sich keiner mit Essen in den Park.“

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Heizpilze sind in manchen Berliner Bezirken erlaubt, in anderen verboten

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Berlin fordert Lösungen für den Winter. „Wir brauchen einen Ausgleich für die Einschränkungen und die daraus resultierenden Kapazitätsverluste im Innenbereich“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Gerrit Buchhorn. „Dazu gehören beispielsweise die unbürokratische Nutzung und das Winterfestmachen der Außenflächen sowie die Möglichkeit, Wärmequellen wie zum Beispiel Heizlüfter oder auch Heizpilze zumindest vorübergehend nutzen zu können.“ Die sind in manchen Bezirken erlaubt, andere verbieten sie mit Verweis auf den Umweltschutz.

So dürfte Toni Di Maria anders als Katharina Winter Heizpilze vor sein Wilmersdorfer Restaurant stellen. Dennoch werde er es wohl kaum tun. „So ein Ding kostet 400 Euro – das musst du auch wieder erwirtschaften“, sagt der 32-Jährige Geschäftsführer der „Casa Di Maria“ an der Ecke Pariser und Uhlandstraße. „Wir sind erst seit einem Jahr hier und hatten davon vier Monate Corona.“ Er und sein Kompagnon hätten ihren gesamten Besitz in das italienische Restaurant gesteckt. Eine Pleite würde demnach auch den finanziellen Ruin bedeutet.

82 Prozent der Berliner Gastwirte fürchten um ihre Existenz

Wie Toni Di Maria fürchten 82 Prozent der Berliner Gastwirte um ihre Existenz, wie zuletzt aus einer Befragung der Dehoga hervorging. Zwischen April und August waren bei der Agentur für Arbeit mehr als 9000 vormals Beschäftigte aus dem Gastgewerbe arbeitslos gemeldet – doppelt so viele, wie im Vorjahreszeitraum. An seinem Restaurant hängt die Existenz von seiner und zwölf weiteren Familien, sagt Di Maria. „Wir wissen nicht, was morgen ist.“

Er habe zwar überlegt, einen Teil seiner 80 Außenplätze zu überdachen und dann so lang wie möglich nutzbar zu machen. „Aber soll ich da nochmal 20.000 Euro reinstecken für einen Winter, in dem ich vielleicht zu habe und meine Miete mich auffrisst?“ Die Hausverwaltung bestehe auf die monatlich 7000 Euro Miete. Er wolle Klarheit und keine Investition umsonst machen. Insgesamt blickt Di Maria dem Winter voller Pessimismus entgegen. „Dann habe ich nur noch acht Tische.“ Umsatz würde ausbleiben.

Ähnliche Befürchtungen hat auch Kristina Scheurer. Seit März, dem Beginn der Corona-Krise in Deutschland, ist sie Leiterin des österreichischen Restaurants „Austria“ an der Kreuzberger Bergmannstraße. Im Inneren habe sie ein Drittel der rund 100 Tische wegnehmen müssen. „Wir wollen versuchen, den Außenbereich so lang wie möglich nutzbar zu machen“, sagt die 42-Jährige. Wie genau, werde gerade überlegt. Höchstwahrscheinlich werde die Markise bis zum Boden verlängert, um die Kälte so lang wie möglich draußen zu halten. Und im Dezember und Januar werde man dann viel lüften. „Aber dann ist es dort auch genauso kalt wie draußen.“ Bislang sei das Austria dank des großzügigen Außenbereichs gut durch die Krise gekommen, so Scheurer weiter. Bis Ende Oktober dürfen Tische auch auf Teilen des Bürgersteigs und der Straße stehen. So wurden aus 40 knapp 90 Plätze.

Dehoga empfiehlt Wirten wieder Lieferservice

Dehoga-Mann Buchhorn schlägt vor, auf Bundes- und Landesebene alle Förderinstrumente für das Gastgewerbe noch einmal zu überprüfen. „Wenn es sich wirtschaftlich rentiert, sollte man vielleicht nochmal über das Thema Abhol- und Lieferservice nachdenken“, empfiehlt er den Wirten. Für Italiener Di Maria kommt das nicht in Frage. Pizza schmecke nur frisch und Pasta nicht aus einer Aluminiumschale. Und er habe schließlich einen Ruf zu verlieren.