Pandemie

Sexarbeit in Coronazeiten: „Aufklärung kann Leben retten“

André Nolte ist seit dieser Woche Pressesprecher des Berufsverbands der Sexarbeiter in Berlin – und hat viel zu tun.

Der Sexarbeiter André Nolte hält die Öffnung der Bordelle unter Auflagen für richtig.

Der Sexarbeiter André Nolte hält die Öffnung der Bordelle unter Auflagen für richtig.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Wenn André Nolte über seine Arbeit spricht, dann benutzt er inzwischen ganz selbstverständlich Wörter wie Masken, Handschuhe, Stammkunden, Kontaktrückverfolgung und Hygienekonzept. Der 44-Jährige ist seit einer Woche Pressesprecher eines noch jungen Verbands, nämlich des „Berufsverbands für erotische und sexuelle Dienstleistungen“. In der Szene ist er als „Master André“ bekannt, der ausgefallene Fetische von Männern und Frauen bedient, doch in der Funktion als Sprecher nimmt er die Seile und Peitschen nur zögerlich in die Hand. Schließlich ist das eine komplett andere Rolle, die nicht so ganz zum bis oben hin zugeknöpften Hemd passt.

Doch der Verband hat gerade viel zu tun. Schließlich gibt es rund 44.000 registrierte Prostituierte in Deutschland, davon allein 8000 in Berlin. Nolte schätzt, dass es sogar bis zu 200.000 Menschen in Deutschland seien, andere Experten verdoppeln die Zahlen in diesen Schätzungen. Die Dunkelziffer sei so hoch, sagt Nolte, weil viele die offizielle Registrierung durch das Finanzamt scheuen. Gegenüber den Behörden nennen sie ihre Tätigkeit lieber weiterhin „Performance-Tänzer“ oder „Psychologischer Berater“, was ja im weitesten Sinne auch keine Lüge ist.

Doch seit Beginn der Corona-Pandemie ist die Welt der käuflichen Liebe in einem Lockdown, weil in diesem Beruf die körperliche Nähe unabdingbar ist. In den meisten Bundesländern sind Laufhäuser, Bordelle und Saunaclubs weiterhin geschlossen. Das hat jetzt dazu geführt, dass das Pascha in Köln schließen musste, Europas größtes Laufhaus mit 150 Zimmern. Auch das Babylon in Hamburg ist dicht – und die Herbertstraße durfte ihr Hygienekonzept vorstellen und gleich wieder einpacken. Nur in Bayern, Niedersachsen, im Saarland und seit Kurzem auch in Berlin dürfen Prostituierte wieder ihre Dienste anbieten.

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Die meisten Kunden haben kein Problem mit den Regeln

„In der Schweiz und Österreich hat man schon vor Wochen diese Einrichtungen wieder geöffnet“, sagt André Nolte und ergänzt: „Natürlich unter Auflagen.“ Wenn am Eingang ein Desinfektionsmittel steht und man die Zahl der Besucher auf 50 beschränkt, ist das etwas, sich durchsetzen ließe. Auch in Berlin gelten strenge Auflagen, die sich aber umsetzen ließen. „So haben 99 Prozent meiner Kunden kein Problem damit, ihre Kontakte mir zur Verfügung zu stellen.“ Die Zeiten, in denen man einem Escort nur komplett anonym gegenübertritt seien längst vorbei. „Auch ich fühle mich sicherer, wenn ich weiß, dass ich es mit einem Stammkunden zu tun habe.“

Als offen bisexueller Mann, hat André Nolte noch im Kopf, wie die HIV-Pandemie bis in die 90er-Jahre hinein auch die Schwulenszene in Berlin stark ängstigte. „Aber genau wie damals“, sagt Nolte, „ist es jetzt nicht das Wegsperren, was Leben rettet, sondern Aufklärung.“ Wenn die offiziellen Orte der Sexarbeit geschlossen seien, da ist er sich sicher, geht die Prostitution zurück auf die Straße und in anonyme Hotelzimmer. „Wer in einem extra dafür eingerichteten Haus sein Vergnügen sucht, kann sich sicher sein, dass es hygienisch sicher abläuft“, sagt er, „schließlich wollen die Prostituierten weder sich gefährden, noch wollen sie riskieren, dass ihr Haus in Schlagzeilen kommt.“

Im „Lux“, einem BDSM-Studio in der Nähe des Tempelhofer Feldes, steht gleich am Eingang ein Desinfektionsspender. Die Räume werden gelüftet, es gibt Handschuhe und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden regelmäßig auf Corona getestet. Sowohl vor als auch nach dem Treffen duschen sich alle Beteiligten. Auch das gehört zum Hygienekonzept, für das sich auch die Besucher interessieren, die eine Begehungstour buchen. Auch andere Studios halten sich an solche Regeln, weil sie sonst schnell keine Kunden mehr hätten.

Nicht zufällig war es die Deutsche Aidshilfe, die gefordert hat, Sexarbeit schnellstens wieder zu erlauben. Ulf Kristal vom Vorstand hatte darauf hingewiesen, dass man moralische Vorstellungen nicht mit Corona-Hygiene vermischen sollte. Die körperliche Nähe sei bei einem Friseurbesuch häufig nicht anders als bei einem sexuellen Erlebnis. Unter legalen Bedingungen, so Kristal weiter, lasse sich auch der Infektionsschutz am besten umsetzen.

„Das Problem sind Sexpartys, nicht die Prostituierten“

André Nolte hat die Vermutung, dass die vielen strengen Regelungen nur Vorboten sind eines Prostitutionsverbots. „Es macht doch keinen Sinn, dass ich einen FKK-Club öffnen darf, die Leute sich anfassen dürfen, aber dafür nicht bezahlen dürfen.“ Damit würde eine Prüderie wieder aufgelegt, die nicht zu Berlin passe. „Das Problem sind nicht Bordelle, in denen sich meist zwei oder drei Menschen in einem Raum treffen“, sagt er, „das Problem sind private Sexpartys wie die, die in dieser Woche zu einem Super-Spreader-Event wurden.“

In der Schweiz, wo Sexarbeit im Juni wieder erlaubt wurde, ist es in dieser Woche allerdings in einem Bordell mit 50 Sexarbeiterinnen zu einem Corona-Fall gekommen. Als das Gesundheitsamt alle Frauen testen ließ, wurde ein zweiter Fall bestätigt. Da Freier in der Schweiz aber nicht ihre Kontaktdaten hinterlassen müssen, ist das Unterbrechen von Infektionsketten kaum möglich. Die Schweiz könnte also von Berlin lernen.