Kunst

Späte Annäherung: Andreas Gursky entdeckt Geburtsort Leipzig

Werke des aus Leipzig stammenden Fotokünstlers Andreas Gursky erzielen Höchstpreise und hängen in den berühmten Museen der Welt. Seiner Geburtsstadt aber nähert er sich erst jetzt.

Der Fotokünstler Andreas Gursky.

Der Fotokünstler Andreas Gursky.

Foto: dpa

Leipzig/Düsseldorf. Andreas Gursky, einer der weltweit erfolgreichsten zeitgenössischen Fotografen, entdeckt seine Geburtsstadt. Erst vor vier Jahren hat er Leipzig, wo er im Januar 1955 zur Welt kam, erstmals bewusst wahrgenommen - beim Besuch eines Tote Hosen-Konzerts. "Da ist dann endgültig der Funke übergesprungen und ich wurde von der Lebendigkeit der Stadt überwältigt", sagte der 65-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Kurz danach meldete sich der damalige Direktor des Museums der bildenden Künste bei ihm - nun bereitet er die erste Einzelausstellung im Osten Deutschlands vor.

Gurskys Familie war Ende 1955 in den Westen geflüchtet. Als Kind kam er noch ein paar Mal mit seiner Mutter zurück, um persönliche Sachen zu holen. Obwohl in Leipzig ein Onkel lebt, hatte er aber keine enge Beziehung zu der Stadt, "mehr eine abstrakte Wertschätzung" für das, was in der Vergangenheit in Musik oder Kunst entstand. Er verfolgte aufmerksam auch die "Neue Leipziger Schule", hat mit Maler Neo Rauch kollegialen Kontakt.

"Ich bin überzeugt, dass es für mich eine sehr wichtige Ausstellung wird", sagte Gursky, den die Architektur des Museums sofort beeindruckt hat. "Die Proportionierung der Räume ist für meine Arbeiten wie geschaffen." Er wird von Dezember 2020 bis April 2021 fast die ganze obere Etage mit seinen monumentalen Collagen bespielen, 1300 Quadratmeter und 15 Räume - im Modell hat der Perfektionist den Ablauf schon "minutiös geplant".

Statt eines Katalogs legt er mit einem Künstlerbuch ein Stück Familiengeschichte vor, die drei Schaffensperioden umfasst. Sein Großvater und Vater waren Werbefotografen in Leipzig mit eigenem Atelier. "Wir haben intensiv recherchiert und auch interessante Bilder gefunden." Die Schau wird zeigen, was aus Ideen seines zweijährigen Sabbatical geworden ist.

Gursky hatte 2018 auch seine Professur für Freie Kunst an der Düsseldorfer Akademie aufgegeben. "Danach habe ich versucht, meinen Kopf frei zu bekommen, habe viel Sport getrieben, bin gereist, um dann mit klarerem Blick auf die Dinge meine Arbeit wieder aufzunehmen." Auch im Corona-Lockdown gab es keinen Stillstand. "Ich habe quasi mein Atelier nicht verlassen und wie ein Schweizer Uhrenlaufwerk von morgens bis abends gearbeitet." Das Ergebnis ist ab nächster Woche zunächst in der Berliner Galerie Sprüth Magers zu sehen.

Gurskys monumentale Bilder hängen in berühmten Museen der Welt und erzielen Spitzenpreise auf dem Kunstmarkt - sein für 4,3 Millionen Dollar 1999 versteigertes Werk "Rhein II" gilt als teuerste Fotografie der Welt. Der auch auf Ibiza lebende Künstler wuchs in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) auf und studierte Fotografie an der dortigen Kunstakademie.

Nun hat er Schweine bei einem Ökobauern in Süddeutschland oder Politiker im Bundestag fotografiert, "wo das Zeitgeschehen sichtbar wird - wie bei meinem Rückblick auf die vier 2015 noch lebenden Bundeskanzler", erzählte er. "Und es gibt einen weiteren Rhein, der am gleichen Ort entstand, aber eine gänzlich andere Konnotation birgt."