Arbeitsplatz-Abbau

Berliner Flughäfen brauchen Millionen-Zuschuss

Die Flughafengesellschaft bräuchte auch ohne Corona 792 Millionen Euro Zuschüsse. 400 Jobs werden 2021 gestrichen.

Ruhe vor dem Start: Am 31. Oktober öffnet der BER. Die Flughafengesellschaft hofft auf eine Erholung des coronabeschränkten Luftverkehrs.

Ruhe vor dem Start: Am 31. Oktober öffnet der BER. Die Flughafengesellschaft hofft auf eine Erholung des coronabeschränkten Luftverkehrs.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Schönefeld. Der Einbruch des Luftverkehrs in der Corona-Pandemie stürzt die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg in noch größere finanzielle Probleme. Selbst bei normalem Verlauf ohne Corona wäre das Unternehmen in den nächsten drei bis vier Jahren auf weitere Zuschüsse der Gesellschafter Berlin, Brandenburg und Bund in Höhe von 792 Millionen Euro angewiesen. Denn die FBB ist hoch verschuldet, weil sie einen großen Teil der Baukosten für den neuen Flughafen BER durch – allerdings öffentlich verbürgte – Kredite schultern musste. Jetzt wird der Bedarf nach Hilfen aus Steuergeld noch einmal deutlich steigen.

Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup stimmte den Aufsichtsrat in seiner Sitzung am Freitag schon einmal auf die kommenden Diskussionen ein. Bereits im nächsten Jahr werden die Gesellschafter tiefer in die Kasse greifen müssen. Bisher war vorgesehen, 375 Millionen Euro in die FBB zu pumpen, vor allem wegen nachlaufender Rechnungen für den BER-Bau und den Schallschutz der Anwohner. Diese Summe sollte eigentlich nur zur Hälfte direkt von den Gesellschaftern kommen. Die andere Hälfte sollte die FBB am Kapitalmarkt besorgen. Das sei aktuell in der Krise jedoch nicht möglich, sagte Lütke Daldrup. Hinzu kommt ein noch nicht genau absehbarer Ausgleich für die krisenbedingten Einnahmeausfälle.

Aufsichtsratschef Rainer Bretschneider geht von höherem Subventionsbedarf aus. „Mit den Finanzen werden wir mangels Passagieren nicht da sein, wo wir mal hinwollten.“ Ursprünglich war geplant, ab 2024/25 die Gesellschaft alleine ohne Hilfen der Gesellschaftergeld arbeiten zu lassen. „Das wird nicht so sein. Das ist eine sehr ernste Angelegenheit“, so der Aufsichtsratsvorsitzende.

Für das laufende Jahr geht der Flughafenchef davon aus, mit dem bisher in Aussicht gestellten Zuschuss der Gesellschafter von 300 Millionen Euro auszukommen. Er rechne mit einem Bedarf von 250 bis 260 Millionen Euro. Das Minus bei den Einnahmen liege zwar bei mehr als 300 Millionen, aber dagegen seien Einsparungen von 55 bis 60 Millionen zu rechnen.

Einsparungen von bis zu 200 Millionen Euro pro Jahr

Insgesamt strebt das Flughafenmanagement Einsparungen für die Zukunft von bis zu 200 Millionen Euro pro Jahr an, um die Verluste in Grenzen zu halten. Seit März gilt bereits ein Einstellungsstopp, schon jetzt seien 120 Mitarbeiter weniger an Bord als im Wirtschaftsplan vorgesehen. Nach der Inbetriebnahme des BER würden 180 befristete Stellen nicht mehr verlängert. Insgesamt sollen im kommenden Jahr sollen 400 Stellen gestrichen werden.

Auf Kündigungen will der Flughafenchef aber verzichten. Stattdessen sollen der altersbedingte Abgang und anderweitiges Ausscheiden genutzt werden. Letztlich werde die Flughafengesellschaft mit 1700 bis 1800 Mitarbeitern auskommen müssen. Das Unternehmen werde „schlanker“ werden. Das habe die gesamte Luftfahrtbranche vor sich. Mit einer Erholung auf das Vorkrisen-Niveau wird frühestens 2023 oder 2024 gerechnet.

Für 2020 erwarten die Berliner Flughäfen rund zehn Millionen Passagieren, das wäre nicht einmal ein Drittel der mehr als 35 Millionen von 2019. Der Einbruch des Luftverkehrs fällt in Berlin etwas geringer aus als in Frankfurt/Main oder München, wo durch die fast völlig eingestellten Interkontinentalverbindungen ein noch größeres Minus zu verzeichnen ist als in Berlin, wo seit der Air Berlin-Pleite ohnehin nur sehr wenige Langstrecken geflogen werden.

Erholung des Luftverkehrs „auf sehr wackeligen Füßen“

Die Erholung des Luftverkehrs steht nach den Worten des Flughafenchefs „auf sehr wackeligen Füßen“. Er nannte neue Reisewarnungen und die jüngsten Beschlüsse der Bundesregierung zum Quarantänezwang für Rückkehrer aus Risikogebieten als wichtige Einflussfaktoren. „ Da ist die Reisefreude doch sehr getrübt“, sagte Lütke Daldrup. Deswegen erwarte er für den Herbst eher einen weiteren Rückgang der Passagierzahlen. Erst wenn es einen Impfstoff für weite Teile der Bevölkerung gebe, werde man an die alten Zeiten vor der Pandemie anknüpfen können. „Wir stehen nicht vor einer kleinen Delle, sondern sind in einer großen Krise“, so der Flughafenchef und meinte damit die gesamte Luftverkehrsbranche: „Die Situation ist wirklich ernst.“

Gleichwohl sieht Lütke Daldrup aber auch Chancen, die sich für Berlin aus der Krise ergeben könnten. Denn nach einem solchen Einschnitt werde sich die Branche neu strukturieren. Berlin sei bereits das wichtigste deutsche Ziel für Flugreisende. Die Destination liegt mit der Zahl der Aussteiger, die wirklich in die Region wollen und nicht nur umsteigen, deutlich vor Frankfurt/Main und München. Mittel- und langfristig könne diese Situation auch zu mehr direkten Verbindungen und Langstrecken führen.

Probleme auf der Baustelle spielen fast keine Rolle mehr

Das bestimmende Thema der vergangenen Jahre, nämlich die Probleme auf der Terminal-Baustelle, spielten bei der Aufsichtsratssitzung fast keine Rolle mehr. Der BER wird am 31. Oktober in Betrieb gehen. Die wichtigsten Sicherheitsübungen sind erfolgreich bewältigt. Der Sicherheitsbereich ist scharf geschaltet. Ab dem 25. Oktober werden die alten Codes TXL und SXF auf BER umgestellt, das alte Schönefelder Terminal werde in Terminal 5 des BER umbenannt. Die Firma ROM, die in den vergangenen Monaten die wüst verlegten Kabeltrassen sanierte, hat die Baustelle verlassen. Die Datenbanken weisen von den einst mehr als 200.000 Mängel nur noch eine dreistellige Zahl nicht behoben.

Das Kontrollgremium sprach anstatt über kaputte Türen und überbelegte Kabeltrassen über die Frage, wer denn nun zu der eher klein gehaltenen Eröffnungsfeier kommen dürfe. Lütke Daldrup sagte, man werde am 31. Oktober zwei Flugzeuge parallel auf der Nord- und Südbahn mit wichtigen Gästen einfliegen. Ab sechs Uhr am nächsten Tag würden dann die ersten regulären Jets am BER starten.