Neubautour

Neubau in Berlin: 3000 Interessenten für 52 Wohnungen

Landeseigene Wohnungskonzerne wollen 62.000 Wohnungen schaffen. Dass es hakt, liegt auch am Artenschutz und der Verkehrsanbindung.

Baustelle im Märkischen Viertel: der neue Bausenator, Sebastian Scheel (l., Linke), und Michael Müller (SPD).

Baustelle im Märkischen Viertel: der neue Bausenator, Sebastian Scheel (l., Linke), und Michael Müller (SPD).

Foto: Christoph Soeder / dpa

Berlin. Die Konfliktlinien und der Ton haben sich geändert im rot-rot-grünen Senat. Lange hatte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) die damalige Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) angezählt. Der Sozialdemokrat hatte die Linken-Politikerin als die Hauptschuld dafür gegeben, dass die Koalition ihr Ziel von 30.000 neuen Wohnungen der sechs landeseigenen Wohnungskonzerne bis 2021 verfehlen wird.

Inzwischen sagt Müller, die mittlerweile von Lompschers früherem Staatssekretär Sebastian Scheel geleitete Behörde sei es nicht alleine. Es liege eher an fehlender Verkehrsanbindung und Artenschutz, also an der Verkehrs- und Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne). Aber Müller hat auch insgesamt seine Kommunikation geändert. Anstatt das Verfehlen der Ziele offensiv anzuprangern, spricht Müller jetzt von „guten Zahlen“. Es gebe zwar eine Lücke, aber der Neubau müsse ja weitergehen.

Landeskonzerne schaffen 62.000 Wohnungen bis 2026

So stellte auch der neue Bausenator am Montag bei der Neubautour der sechs landeseigenen Wohnungskonzernen die Lage dar. Man erreiche in dieser Legislatur bis Ende 2021 wohl knapp 25.000 neue Wohnungen, es seien aber mehr als 32.000 fertig oder im Bau. „Ich will mich da nicht um ein paar Monate streiten“, sagte Scheel.

Bei den verschiedenen Stationen der Rundtour erinnerten Manager wie Gesobau-Chef Jörg Franzen daran, dass sie bis 2015 überhaupt keine Wohnungen neu gebaut und alle Kompetenzen erst hätten aufbauen müssen. Bis 2026 hätten Gesobau, WBM, Stadt & Land, Gewobag, Degewo und Howoge jedoch 62.000 neue Wohnungen in der Pipeline. „Damit sind wir zusammen der größte Bauherr Deutschlands“, sagte Franzen.

Die Manager machten aber auch bei ihrer „Leistungsschau“ die Schwierigkeiten deutlich. Beispiel Rudower Felder, wo 900 Wohnungen entstehen. 30 Prozent der internen Arbeit sei in den bisher drei Jahren der Planung und Abstimmung gelaufen, sagte Stadt & Land-Chef Ingo Malter. Hilfreich sei gewesen, dass die Senatsbauverwaltung dem Bezirk das Bebauungsplanverfahren entzogen habe.

WBM-Geschäftsführer Steffen Helbig sagte bei der Präsentation eines fertigen Neubaus an der Friedrichshainer Friedenstraße, die Planungen hätten 2013 begonnen, die Grundstückssituation sei „sehr kompliziert“ gewesen. Die WBM sei damit immer noch schneller gewesen als der private Investor auf dem Nachbargrundstück.

Die Manager versicherten, man könne auch noch mehr bauen. Den Engpass bildeten Grundstücke mit Planungsrecht. Der Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum ist riesig. Die Degewo hat im Weddinger Brunnenviertel am Mauerpark einen Neubau mit 52 Wohnungen errichtet, zu Quadratmeter-Mieten zwischen 6,50 und 9,99 Euro. Es gab 3000 Interessenten.

Die Baukosten hätten bei 2450 Euro pro Quadratmeter gelegen, sagte Degewo-Chef Christoph Beck. Inzwischen müsse man mit mindestens 2750 Euro rechnen. Da stelle sich die Frage, wie lange die Landesunternehmen die vom Senat gewünschten Mieten noch gewährleisten könnten. Gewobag-Vorstand Snezana Michaelis berichtete, noch habe man Projekte für zwei bis drei Jahre in der Pipeline. Das sei im langfristig angelegten Immobiliengeschäft nicht viel.

Vorsorge für Artenschutz und Ausgleichsflächen

Der neue Bausenator bekräftigte, man müsse jetzt Grundlagen schaffen für den Wohnungsbau der kommenden Jahrzehnte. Dabei kritisierte er einige Bezirke, die diese Aufgabe stärker unterstützen könnten. Diese Spitze ging vor allem gegen die CDU-geführten Außenbezirke Steglitz-Zehlendorf und Reinickendorf, wo die Neubauzahlen nicht nur der landeseigenen Bauherren deutlich hinter anderen Teilen der Stadt zurückbleiben. Scheel betonte auch sein Interesse, mit einer neuen Förderlinie auch Wohnungen zu Mieten von etwa acht Euro für Normalverdiener bauen zu lassen. Darüber sei er im Gespräch mit den Gesellschaften. Dass Normalverdiener beim geförderten Wohnungsbau auf der Strecke bleiben, ist ein wesentlicher Kritikpunkt der Opposition.

Der neue Senator mahnte auch die Senatsverwaltung für Verkehr und Umwelt, bei ihren Verkehrsplanungen gerade bei der Anbindung von potenziell neuen Wohngebieten im Außenbereich „voran zu gehen“.

Das Thema Artenschutz war auch am Nachmittag Thema der Clearing-Runde, bei der verschiedene Senatsressorts mit dem Regierenden Bürgermeister konkrete Probleme in einzelnen Bauprojekten lösen sollen. Ihm schwebt vor, frühzeitig Ausgleichsflächen für weitere Verdichtung zu identifizieren und Habitate für geschützte Tierarten auszuweisen, damit nicht die Rettung von Kreuzkröten wie am Pankower Tor ein Bauvorhaben weiter verzögert. Das könnte in Berlin, aber auch in Brandenburg geschehen. Senatorin Günther zeigte sich dazu bereit, jedoch sei der Schutz bedrohter Tierarten nicht verhandelbar. „Das heißt nicht, dass wir nicht schneller werden wollen“, sagte die Grünen-Politikerin. Aber die gegenseitigen Schuldzuweisungen müssten aufhören.

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