Urlaub zu Hause

Boxhagener Platz: Wo das Herz von Friedrichshain schlägt

Das Viertel am Boxhagener Platz gilt als Touristenhochburg. Doch es gibt auch noch Orte, an denen die Einheimischen unter sich sind.

Neben Lebensmitteln gibt es auch Mode und Selbstgenähtes – wie etwa bunte Mund-Nasen-Masken – auf dem Markt am Boxhagener Platz in Friedrichshain.

Neben Lebensmitteln gibt es auch Mode und Selbstgenähtes – wie etwa bunte Mund-Nasen-Masken – auf dem Markt am Boxhagener Platz in Friedrichshain.

Foto: David Heerde

Berlin. Echte Friedrichshainer stehen am Sonnabend früh auf. Bereits vor der Öffnung des Wochenmarkts am Boxhagener Platz stehen die ersten in kleinen Grüppchen an den Bäckerständen und genießen ihren ersten Kaffee. Friedrichshainerin Jenny Saewe, geborene Berlinerin, ursprünglich aber aus Wedding, hat das sonnabends zu ihrem Ritual gemacht. Mittlerweile kennt sie viele Marktleute, vor allem mit dem Kaffeeverkäufer der kleinen Espressobar „Zum kalten Hund“ ist sie seit Jahren befreundet. „Das Besondere an diesem Markt ist, dass man sich kennt, teilweise sogar mit Namen“, sagt die 39-Jährige.

Die familiäre Atmosphäre möge sie am Wochenmarkt auf dem Boxi, wie er auch genannt wird, am meisten, sagt Saewe. Mittlerweile wohnt sie seit mehr als zehn Jahren hier. Der Platz mit einem Stück Wiese in der Mitte ist der belebte Treffpunkt des Viertels – und eben traditionell der Marktplatz des Quartiers, das zu den am dichtesten besiedelten Gebieten Berlins zählt – und zum Hotspot vieler, meist junger Touristen.

Die Wohnungen rund um dem Boxhagener Platz, einst ein Arbeiterviertel nahe den großen Fabriken und dem Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) an der Warschauer Brücke, sind inzwischen äußerst begehrt. Die Mieten stiegen in den vergangenen Jahren rapide. „Der Kiez hat sich in den letzten Jahren schon enorm verändert“, sagt Jenny Saewe. „Mittlerweile kostet ein gerade mal 23 Quadratmeter großes Zimmer schon fast 700 Euro im Monat.“ Vor Kurzem erst sei ein altes Bürogebäude neben ihrer Wohnung komplett entkernt und saniert worden. „Jetzt ist es ein Luxus-Studentenwohnheim.“

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Der Boxhagener Platz in Friedrichshain: Paradebeispiel für Gentrifizierung

Das Herz des einstigen Arbeiterbezirks Friedrichshain ist längst ein Paradebeispiel für Gentrifizierung. Aus vielen der einstigen Mietskasernen wurden Hotels, und auch sonst ist das Viertel heute so international, dass rundherum in den Restaurants und Geschäften meist englisch gesprochen wird. Das nahe gelegene RAW-Gelände zog zumindest vor Corona Partytouristen aus aller Welt scharenweise an. Reiseführer wie „Lonely Planet“ bewerben den dortigen Flohmarkt und die Geschäfte rundherum für angesagten „indie boutique shopping“. Der Wochenmarkt am Boxi hingegen kommt darin nicht vor. Vielleicht ist er auch gerade deshalb vor allem bei den Anwohnern so beliebt.

„Ich wohne trotzdem total gern in dem Kiez und fühle mich sehr wohl hier“, sagt Saewe. Die Atmosphäre dort sei immer noch sehr entspannt, die Menschen freundlich. Das Viertel um den Boxhagener Platz gilt als sehr junger Kiez: Heute leben dort überwiegend Menschen zwischen 18 und 35 Jahren. Zudem ist die Gegend mittlerweile sehr international, der Anteil ausländischer Bewohner stieg seit 1999 um rund 60 Prozent. Viele unterschiedliche Lebensstile treffen hier aufeinander.

Das spiegelt sich auch auf dem Wochenmarkt wider. Bereits seit 1905, also mehr als 115 Jahren, findet der auf dem Boxhagener Platz statt, zurzeit jeden Sonnabend von 9 Uhr bis 15.30 Uhr. Neben den üblichen Dingen – wie frischem Obst und Gemüse aus der Region und Backwaren – ist der Markt bekannt für seine exotischen Spezialitäten. Insgesamt etwa 100 Händler haben ihre Stände rund um den zentralen Platz mit Wiese und Spielplatz.

„Ich finde den Markt besonders schön, weil er sehr überschaubar ist und man schnell seine Runde drehen kann – oder auch mehrere“, sagt Jenny Saewe. Sie scheint sich gut auszukennen: „Am besten man kommt gleich frühmorgens, weil es dann noch relativ leer ist.“ Gegen 11 Uhr wird es zwar voller, fühle sich aber an, „als würde hier alles etwas langsamer ablaufen als im Rest von Berlin“, sagt eine Besucherin. Allgemein herrscht eine freundschaftliche Atmosphäre auf dem Wochenmarkt: „Bis nächste Woche, Ingo“, verabschiedet sich eine Kundin von einem Gemüsehändler. Ihr Flechtkorb ist gefüllt mit frischen Salaten, Tomaten, Zucchini und weiterem Gemüse. Der Mann winkt ihr freundlich zurück.

„Der Markt ist eine Art Treffpunkt unter Freunden“

Offenbar kennen sich viele Menschen auf dem Wochenmarkt, Touristen scheinen an diesem Tag eher weniger unter ihnen zu sein. Während in den meisten Restaurants, Cafés und Bars rundum die Speisekarten auch auf Englisch angeboten werden, ist das auf dem Wochenmarkt anders. Dass hier kaum Touristen unterwegs sind, liege ausnahmsweise mal nicht an Corona, sondern sei auch vorher schon so gewesen, sagt Jenny Saewe. „Der Markt ist eine Art Treffpunkt unter Freunden.“

Das bestätigt auch Hugo Estrela, der seit mehr als elf Jahren seinen eigenen Stand mit portugiesischen Spezialitäten wie Wein, Chorizo und das typische Gebäck Pastel de Nata aus der Algarve auf dem Markt hat. „Vor allem sind es viele Stammkunden, die immer wieder kommen“, sagt der 37 Jahre alte gebürtige Portugiese. In diesem Moment kommt auch schon eine ältere Dame mit grauen Haaren und Brille zu ihm. Hugo Estrela weiß genau, dass sie etwas von der portugiesischen Wurst haben möchte – wie immer. Er erkundigt sich, wie es ihr geht, als wären sie schon Ewigkeiten miteinander befreundet. „Viele Kunden haben zu mir gesagt, dass sie, weil sie gerade wegen Corona nicht in den Urlaub fahren können, zu mir kommen und sich so ein Stück Urlaub nach Hause holen“, sagt er.

Auf dem Wochenmarkt gibt es neben viel Regionalem auch Besonderheiten von weither. Ein Stand wirbt mit exotischen Salaten und Pasten, an einem anderen bereiten drei türkische Frauen frische Gözleme, Börek und Köfte zu. Für besonderes Aufsehen sorgt eine außergewöhnlich aussehende exotische Frucht. „Guck mal, was ist das denn?“, fragt eine Frau mit kurzen braunen Haaren ihre Freundin. „Noch nie gesehen“, bekommt sie zur Antwort. Die Frucht, über die die beiden sprechen, ist gelb, ungefähr so groß wie ein kleiner Handball und hat eine sehr runzelige Schale. „Das ist eine Zitrone“, mischt sich eine fremde Frau in das Gespräch ein, und tatsächlich hat sie damit recht. „Königs-Zitrone aus Sizilien“ steht auf einem Schild neben den Früchten. „Wie exotisch“, finden die Frauen. Anscheinend zu exotisch, denn sie legen die Frucht wieder hin.

Gegen 14 Uhr leeren sich die Wege zwischen den Ständen. Während einige der Bäckerstände bereits ihre Brote ausverkauft haben und einpacken, sind die Gemüsehändler noch fleißig am Nachfüllen. Ein Mann verteilt Zimtproben an die Passanten, in der Hoffnung, dass sie daraufhin vielleicht auch an seinem Gewürzstand vorbeischauen. Um 15 Uhr packen weitere Händler langsam ihre Sachen zusammen. Auch Obst und Gemüse wird nun nicht mehr nachgefüllt, die Stände leeren sich. Verramscht wird jedoch kaum etwas, nur ein Händler preist seine letzten Himbeeren zum halben Preis an. Den Besuchern scheint das aber egal zu sein. Sie zieht es vielmehr auf die in der Mitte gelegene Wiese.

Dort toben sich Kinder auf dem Spielplatz am Klettergerüst und auf den Schaukeln aus. Eine Menschenmenge hat sich um einen Akrobaten versammelt, der an einem Reifen turnt. „So sieht ein entspannter Sonnabend auf dem Markt bei uns aus“, sagt Hugo Estrela.

Boxhagener Platz: Anfahrt, Sehenswürdigkeiten und Gastronomie

Anfahrt

Mit Bus und Bahn Die Buslinie 240 in Richtung S Storkower Straße hält direkt an der Haltestelle Boxhagener Platz. Die S-Bahnlinien S3, S5, S7 und S9 fahren bis Haltestelle Warschauer Straße, von dort noch 1,2 Kilometer, etwa 14 Minuten, zu Fuß bis zum Markt. Oder weiter mit der Tram M10 Richtung S+U Hauptbahnhof bis Haltestelle Grünberg Straße/Warschauer Straße, dann sind es nur noch 500 Meter zu Fuß. Oder mit der U-Bahnlinie U5 bis Samariterstraße, von dort sind es noch 600 Meter.

Mit dem Auto Eher nicht zu empfehlen, da die Parkmöglichkeiten begrenzt sind.

Wochenmarkt

Öffnungszeiten Der Öko- und Wochenmarkt hat jeden Sonnabend von 9 Uhr bis 15.30 Uhr geöffnet. Die meisten Händler stehen aber schon eine halbe Stunde früher zum Verkauf bereit. Es ist zu empfehlen, eher früher den Markt zu besuchen, da es ab 11 Uhr voller wird und in den späteren Stunden einige Produkte bereits ausverkauft sein können. Sonntags findet dort ein Flohmarkt statt.

Markt-Angebot Das Sortiment reicht von frischem Obst und Gemüse über Fleisch, Käse, Gewürze, Brot und Kuchen, Seifen, Antipasti und vieles mehr. Besonderen Wert legen viele Händler auf die regionale Herkunft der Waren. So gibt es in Berlin hergestellten Tofu, Most aus Brandenburg oder auch biologisches Öl aus Charlottenburg. Neben Waren zum Mitnehmen gibt es an vielen Ständen auch Gerichte zum direkten Verzehr – darunter türkische, albanische, arabische und russische Küche.

Essen und Trinken

„li.ke“ Hausgemachtes; frische, authentische und ausschließlich vegane thailändische Küche, direkt am Boxhagener Platz. Auch für den kleinen Hunger gibt es eine große Auswahl an Tapas wie typische Sommerrollen, frittiertes Tofu oder Curry-Schälchen, alle für 3,50 Euro. Grünberger Straße 69, 10245 Berlin, täglich von 12 Uhr bis 21 Uhr geöffnet. likethaivegan.com

„Silo Coffee“ Auf der Speisekarte: ein vielfältiges Angebot an Kaffeevariationen und getoasteten Broten mit Avocado, pochierten Eiern, Feta oder Pesto. Meistens jedoch sehr voll, bei gutem Wetter kann man auch draußen sitzen. Gabriel-Max-Straße 4, 10245 Berlin, Montag bis Freitag: 9.30 Uhr bis 15.30 Uhr, Sonnabend und Sonntag bis 17 Uhr. silo-coffee.com

„Delabuu Ice Cream“ Gerollte thailändische Eisröllchen, bei denen man zur selbstgemachten Eiscreme aus mehr als 70 verschiedene Zutaten wie Früchte, Schokoladenriegel, Giotto, Erdnussbutter und allerlei Saucen und Streusel wählen kann. Krossener Str. 15, 10245 Berlin, täglich von 12 Uhr bis 22 Uhr geöffnet.

In der Nähe

FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum Das Bezirksmuseum enthält neben einer Sammlung zur Historie der beiden Stadtteile auch wechselnde Ausstellungen zur Regional- und Stadtteilgeschichte sowie eine Dauerausstellung zur Stadtentwicklung und Migrationsgeschichte. Adalbertstraße 95A, 10999 Berlin, geöffnet Dienstag bis Donnerstag von 12 Uhr bis 18 Uhr, Freitag bis Sonntag von 10 Uhr bis 20 Uhr, montags geschlossen.

Fotogalerie Friedrichshain Sie ist berlinweit die älteste kommunale Galerie für Fotografie. Seit mehr als 35 Jahren widmet sie sich der Fotografie zum Thema Mensch und Gesellschaft. Neben dem Mauerfall hat sie auch die Abwicklung des Bezirks überlebt und wird heute gemeinnützig vom Verein Kulturring in Berlin betrieben. Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin, geöffnet Dienstag bis Sonnabend, 14 Uhr bis 18 Uhr, Donnerstag 10 Uhr bis 20 Uhr, Eintritt frei. fotogalerie.berlin