Bildung

Keine Hygienevorgaben: Risiko Klassenfahrten

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Susanne Leinemann
Schülerfahrten können eine Klasse zusammenschweißen und sind oft ein großes Abenteuer. Aber ist in Zeiten von Corona das Risiko zu groß?

Schülerfahrten können eine Klasse zusammenschweißen und sind oft ein großes Abenteuer. Aber ist in Zeiten von Corona das Risiko zu groß?

Foto: picture alliance / Zoonar

Schülerreisen sind ab kommenden Unterrichtsjahr in Berlin wieder möglich – ins In- und Ausland.

Berlin. Wenn kommende Woche die Schule wieder in Berlin beginnt, sind noch viele Fragen ungeklärt. Aber bei einem Thema fiel bereits eine bindende Entscheidungen: bei den Klassenreisen oder Schülerfahrten, wie man sie in der modernen Pädagogik nennt. „Schülerfahrten innerhalb Deutschlands und auch ins Ausland dürfen wieder gebucht und durchgeführt werden“, heißt es von der Senatsverwaltung für Bildung. Allerdings nicht in vom Robert-Koch-Institut (RKI) benannte Risikogebiete, die dann mit einer Covid-19-Reisewarnung auf der Seite des Auswärtigen Amts stehen. Demnach sind Klassenfahrten in alle EU-Länder, in die Schweiz und nach Großbritannien wieder machbar, in die Türkei dagegen bis mindestens 31. August nicht.

Keine Berliner Hygienevorgaben für Klassenfahrten in Coronazeiten

Allerdings gibt es keinerlei Berliner Hygienevorgaben, unter welchen Bedingungen diese Schülerfahrten durchgeführt werden sollen. „Es gelten die Regelungen der Eindämmungsverordnungen der jeweiligen Bundesländer beziehungsweise der Länder, in welche die Klassenfahrten stattfinden sollen“, heißt es auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Adrian Grasse zu dem Thema. Sprich: Es gilt, was vor Ort vorgegeben wird. So ist in vielen europäischen Ländern die Maske nur im öffentlichen Nahverkehr vorgeschrieben, in Geschäften dagegen gar nicht. Dänemark verzichtet ganz auf Masken. Auch die Abstandsregeln sind von Land zu Land sehr unterschiedlich.

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„Es ist absolut verantwortungslos, dass der Senat ab dem kommenden Schuljahr Klassenreisen sowohl innerhalb Deutschlands als auch ins Ausland wieder gestattet, ohne ein einheitliches Konzept für die Durchführung und konkrete Handlungsanweisungen vorzulegen“, sagt nun Grasse und klagt darüber, dass in Berlin die Verantwortung „wie so häufig auf Eltern und Lehrer“ abgeschoben werde. Tatsächlich betont die Bildungsverwaltung ausdrücklich, dass eine Teilnahme an den Schülerfahrten „stets die Zustimmung der Erziehungsberechtigten“ voraussetzt – außer die Schüler sind volljährig, dann entscheiden sie selbst.

Gibt es keine Reisewarnung, tragen Eltern die Stornokosten

Sollten allerdings Eltern, die womöglich bei einer herbstlichen Klassenfahrt nach England, Italien oder Frankreich Bauchschmerzen haben, kurzfristig ihren Nachwuchs von dieser Reise abmelden, müssen sie die Stornogebühren tragen. Solche Kosten werden ab kommendem Schuljahr vom Land nur noch übernommen, „wenn die Schülerfahrt in Folge einer Reisewarnung des RKI beziehungsweise des Auswärtigen Amts storniert werden muss“, heißt von der Senatsverwaltung für Bildung.

Denn die Stornierungskosten, die sich Ende des vergangenen Schuljahres 2019/20 aufgrund des Corona-Lockdowns ansammelten und nun vom Land getragen werden müssen, sind beachtlich. Bereits Mitte Juni sprach Christian Blume, der in der Senatsverwaltung für Bildung führend für die Schulen zuständig ist, im parlamentarischen Schulausschuss von „in der Tat erheblichen Stornokosten“, die aufgelaufen seien. 999.300 Euro wurden im zweiten Nachtragshaushalt im Juli nachträglich gebilligt, rund 16.000 Euro waren eh eingeplant. So erhöhte man diesen Posten kurzfristig auf eine Million Euro. Inzwischen heißt es aber aus der Senatsverwaltung, dass die Stornogebühren, die das Land im Nachgang des Lockdowns tragen müsse, wohl eine Million Euro übersteigen werden. Verbietet man nun Klassenreisen für das kommende Schuljahr, die bereits gebucht waren, könnte diese Summe weiter anwachsen.

Schülerfahrten sind keine „Erholungsfahrten“, sondern von „pädagogischem Nutzen“

Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses, meint, dass die Entscheidung für eine Klassenfahrt immer gemeinschaftlich falle – genauso wie die Frage, wohin die Reise geht. „Es ist ja niemand gezwungen mitzufahren.“ Und er betont, dass solche Schülerreisen einen großen pädagogischen Nutzen hätten. „Es sind ja keine Erholungsfahrten“, sagt er, sondern sie seien eine wichtige Ergänzung zum Unterricht im Klassenzimmer. Grundsätzlich ist er also auch im kommenden Halbjahr dafür; vorausgesetzt, das Gebiet ist sicher.

Allerdings waren es gerade die Ski-Fahrten der Schüler nach Südtirol, die Anfang März zu den ersten Schulschließungen in Berlin führten. Schüler und Lehrer hatten das Coronavirus aus den Skigebieten in die Hauptstadt geschleppt. Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Sachsen lassen deshalb Klassenfahrten nur innerhalb Deutschlands zu – und das oft auch erst nach den Herbstferien.

Bayern, Niedersachsen und Hessen verbieten für das nächste Halbjahr die Fahrten

Andere Bundesländer verbieten dagegen Fahrten im ersten Schulhalbjahr gänzlich, darunter Niedersachsen, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Argumentiert wird aber nicht mit einer möglichen Infektionsgefahr, sondern mit dem Lernrückstand. „Der Fokus im ersten Halbjahr des neuen Schuljahres 2020/21 soll und muss auf der Erteilung von Unterricht liegen“, heißt es beispielsweise aus dem bayerischen Kultusministerium; nur so könne man die unterschiedlichen Lernrückstände, die durch die Schulschließungen entstanden sind, ausgleichen. Jede Woche zähle.

Besonders hart treffen diese Klassenfahrtsverbote die Jugendherbergen. Mit den fehlenden Schülergruppen fällt ein tragendes Gästeklientel weg. Bestimmte Jugendherbergen, glaubt Justin Blum, Sprecher des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH), müssten nach diesem Sommer wieder „temporär schließen“, weil die Schülergäste fehlen. Von rund 450 Jugendherbergen haben sowieso nur 288 momentan geöffnet. Dabei hat man beim DJH ein Hygienekonzept erarbeitet, das die strikte Trennung verschiedener Schülergruppen ermöglicht. Trotzdem könnte es für einige Jugendherbergen knapp werden, sie überleben womöglich die Corona-Krise nicht, weil die Klassenfahrten fehlen. „Das müssen wir Ende des Jahres sehen“, so Blum.

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