Urlaub zu Hause

Der Havelhöhenweg - Immer am Wasser entlang

Der zehn Kilometer lange Havelhöhenweg führt von Spandau nach Wannsee. Unterwegs gibt es viele spektakuläre Aussichtspunkte.

Der Havelhöhenweg bietet teils spektakuläre Ausblicke.  

Der Havelhöhenweg bietet teils spektakuläre Ausblicke.  

Foto: Joerg Krauthoefer

Berlin. Die Frage kommt ziemlich überraschend: „Wie wäre es, wenn wir mal eine Wanderung zusammen machen?“ Am Tisch in einem Steglitzer Pub – wo sich die Nachbarschaft gern zum Feierabendbier trifft – ist es in der Runde ganz kurz still. Nachdenken, Verwunderung. So richtig wandern in Berlin? Berg hoch, Berg runter, geht denn das? Ja, das geht. Zum Beispiel zehn Kilometer auf dem Havelhöhenweg von der Heerstraße in Spandau bis zum Strandbad Wannsee. „Ach das schaffen wir doch in zwei Stunden“, sagen die ersten und sind dabei.

Um es vorwegzunehmen: Die Truppe war am Ende knapp sechs Stunden unterwegs, schleppte sich durchnässt und mit brennenden Füßen, aber auch glücklich und ein bisschen stolz die letzten Meter ins Ziel. Die Einzel-Bilanz: 26.000 Schritte, 2800 verbrauchte Kalorien, drei Pausen, drei Regengüsse, viele fantastische Blicke über das Wasser.

Angelegt wurde der Havelhöhenweg in den 1950er-Jahren, anschließend aber nicht mehr gepflegt. Das Forstamt Grunewald übernahm die Sanierung, zahlreiche Aussichtspunkte an der Havel wurden freigelegt, Treppen ausgebaut, Geländer erneuert und Wege gekennzeichnet. Seit 2004 ist der Weg wieder geöffnet. Die Strecke führt am Steilufer der Havel entlang, bis zu 80 Meter Höhenunterschied sind zu überwinden. Feste Schuhe sind ein Muss, denn es geht über Baumwurzeln, Geröll und Sandhänge. Es gibt aber auch leichtere und anspruchsvollere Streckenabschnitte.

Urlaub zu Hause – Alle Folgen der Serie lesen Sie hier

Belohnt wird die Anstrengung mit Aussichten auf Villen, Herrenhäuser, Segelboote, auf Lindwerder, Schwanenwerder und die Altstadt Spandau. Es ist aber auch ein kulturhistorischer Spaziergang, auf dem der Wanderer erfährt, was es mit dem Mortzfeldtschen Löchern und der verwunschenen Wiese auf sich hat. Vor allem aber fühlt man sich überhaupt nicht mehr wie in Berlin, sondern ganz weit draußen.

Gegen 11 Uhr startet die Wandergruppe in Steglitz, eine knappe Stunde später ist Spandau erreicht. Auf der Stößenseebrücke beginnt der erste Wegabschnitt, der immer am Wasser entlang bis zur Landzunge Schildhorn führt. Unter der Brücke trainieren Bergsteiger, gesichert klettern sie die Brückenpfeiler hoch. „Für die Alpen reicht es noch nicht“, sagen sie lachend auf Nachfrage. Erst einmal nur für Franken. Die steile Treppe von der Brücke zum Wasser ist die einzige Schwierigkeit auf diesem Abschnitt. Es ist ein bequemer Weg entlang der Havelchaussee zwischen Havel und Grunewald, vorbei an Ruder- und Segelclubs und Ausblicken auf Pichelswerder und die Scharfe Lanke, die auch bekannt ist als „Pichelsdorfer Fenster“. Die kleine Bucht, die am Ende der Unterhavel liegt, gehört zum Bezirk Spandau.

Hinter dem Restaurantboot „Alte Liebe“ geht es in den Wald hinein

Noch läuft die Wandergruppe plaudernd vor sich hin, macht sich auf Graureiher am Wasser und Kröten auf dem Weg aufmerksam, identifiziert Schilfrohrsänger und Blesshühner. Noch scheint auch die Sonne, die dunklen Wolken sind weit weg. Hinter dem Restaurantboot „Alte Liebe“ geht es endlich in den Wald hinein direkt zum Ufer, wo kleine Badebuchten Gelegenheiten bieten, ins Wasser zu springen.

Auf der Halbinsel Schildhorn macht der Weg eine Schleife. Ziel ist das Schildhorndenkmal, auch Jaczo-Denkmal genannt. Hier teilt sich zum ersten Mal die Gruppe auf. Nicht alle steigen die Treppen zum Denkmal hinauf, das an den Wendenfürst Jaczo erinnert. Der Sage nach hat er 1157 versucht, nach seiner Niederlage bei Spandau zu Pferd durch die Havel zu fliehen. Er soll tatsächlich bis zur Landzunge gekommen sein. Weil er sein Schild und sein Horn schließlich an einen Baum hängte, erhielt die Halbinsel den Namen Schildhorn.

Von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt – immer mit Blick auf die Havel

Am Kuhhorn verteilen sich an diesem Tag etwa zehn Badegäste am Strand. Viel hat die Wasserrettungsstation nicht zu tun. Die ersten Mitstreiter der Wandergruppe fragen an dieser Stelle schon, warum es eigentlich Höhenweg heißt, wenn man doch immer gemütlich unten am Wasser entlanglaufe. Doch kurz nach dem Denkmal kommen auch sie endlich außer Atem, wenn es steil hinauf auf den Hang geht.

Von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt, immer mit Blick auf die Havel und nach Gatow, führt dieser Streckenabschnitt. Auf dem Weg liegen die „Mortzfeldschen Löcher“ – kleine Laubbauminseln, die um 1900 angepflanzt wurden, um aus dem Kiefernwald einen Mischwald zu machen. Zu diesem Zweck wurden Löcher von bis zu 30 Metern freigeschlagen und mit Roteichen und Buchen bepflanzt. Ein kurzer Abstecher führt zur „verwunschenen Wiese“ – eine Wildwiese, die ein idealer Ort für eine Rast ist. Etwas weiter entfernt kann aber auch eine Pause im Restaurant im Grunewaldturm eingelegt werden. Dafür muss der Havelhöhenweg Richtung Havelchaussee verlassen werden.

Der Weg schlängelt sich in Serpentinen den Hang entlang

Die nächsten Kilometer sind ziemlich anspruchsvoll. Der Weg schlängelt sich in Form von kleinen Serpentinen den Hang entlang. Die Wanderer werden von Regengüssen überrascht, die sich im Schutz der Bäume anfangs noch gut ertragen lassen. Der Boden aber wird schlammig und rutschig, die Steine sind glitschig. Eine kurze Regenpause wird schnell für das Picknick an einem Aussichtspunkt mit Sitzsteinen genutzt. Leider findet die Gruppe an der Strecke keinen überdachten Rastplatz mit Tischen und Bänken. Kaum sind Kartoffelsalat, Bouletten und Melone eingepackt, kommt ein Wolkenbruch. Der leistet ganze Arbeit. Am Strandbad Wannsee kommt keiner trocken an.

Zwischen der Lieper Bucht und der Großen Steinlanke geht es auf dem eiszeitlichen Relief wieder auf und ab. Buchfinken und Rotkehlchen erkennen die Vogelkundigen der Wandergruppe auf dem Weg. Hinter der Insel Lindwerder ist auf der gegenüberliegenden Seite der Havel die Villa Lemm in der Ferne zu sehen, die 1907 für den Industriellen Otto Lemm im englischen Landhausstil erbaut wurde. Kladow kommt in Sicht, und auch Schwanenwerder ist zu sehen. Das Ziel nähert sich, aber die ersten nassen Wandergesellen halten verzweifelt nach einem Bus Ausschau – der Weg verläuft gerade an der Havelchaussee zwischen zwei Haltestellen entlang. Fahrpläne werden studiert, auch andere Ausflügler stehen in den Wartehäuschen.

Im letzten Abschnitt gibt es sensationelle Blicke über das Wasser

Doch am Ende bleiben alle zusammen. Vom Laufen werden wenigstens die nassen Füße warm. Es lohnt sich durchzuhalten, denn im letzten Abschnitt bis zum Strandbad Wannsee kommen wirklich sensationelle Blicke über das Wasser. Am Großen Fenster sind die Hochhäuser von Spandau zu sehen, bei guter Sicht auch das Rathaus und der Kirchturm von St. Nicolai und der Grunewaldturm. Wer jetzt noch nicht genug gelaufen ist, kann einen Abstecher auf die Insel Schwanenwerder unternehmen.

Doch von den Steglitzern hat keiner mehr Lust dazu. Von einer warmen Dusche ist die Rede, einem Grog. Am Strandbad Wannsee geht es auf direktem Weg zum S-Bahnhof Nikolassee. An der Spinnerbrücke kommt kurz die Idee auf, einzukehren, doch dieser Vorschlag wird unter Protest abgewiesen. Erst im heimatlichen Pub wird auf den gemeinsamen Ausflug angestoßen. Wandern in Berlin? Macht doch Spaß. Eine nächste Tour? Warum nicht. Aber erst trocknen.

Grafik vergrößern

Havel, Murellenschlucht, Wannsee: Anfahrt, Aussichtspunkte und Gastronomie

Anfahrt

Mit der S-Bahn Da die Wanderung kein Rundweg ist, der wieder zum Ausgangsort zurückführt, ist eine Anfahrt mit dem Auto nicht sinnvoll. Die zehn Kilometer lange Strecke läuft sich am besten von Spandau nach Zehlendorf ab, sie kann aber auch in umgekehrter Richtung gemacht werden. Von Nord nach Süd ist die Anfahrt am besten mit der S3 oder S9 bis Bahnhof Pichelsberg, von Süd nach Nord müssen Ausflügler die S1 oder die S7 bis Bahnhof Nikolassee nehmen und von dort zum Strandbad Wannsee laufen, wo der Havelhöhenweg ausgeschildert ist.

Essen und Trinken

Restaurantschiff „Alte Liebe“ Havelchaussee 107, geöffnet Mittwoch bis Sonntag 13 bis 21 Uhr, Reservierung unter Tel. 030/ 304 82 58, Mail: alteliebe@t-online.de. Auf der Karte stehen viele Fischgerichte, derzeit zum Beispiel Forelle, aber auch Steak, Sülze und Suppen. Jeden Tag gibt es hausgemachten Kuchen.

Restaurant auf der Insel Lindwerder Havelchaussee 43, geöffnet Mittwoch bis Sonntag 12 bis 22 Uhr, Tel.: 030/ 2007 6949. Direkt an der Havel mit gutbürgerlicher, mediterraner und saisonale Küche und großer Terrasse. Wechselnde Tagesangebote.

„Wannseeterrassen“ Wannseebadweg 35, geöffnet Montag bis Sonntag 12 bis 22 Uhr, Tel.: 030/ 80 90 82 18. Große Terrasse mit Blick über den See, im Angebot sind Kaffee, Torten und internationale Gerichte.

Seehotel Grunewald Straße am Schildhorn 5, Tel.: 030/ 300 9700, Hotel mit 100 Betten, coronabedingt aber derzeit nur 70 Prozent belegt. Das Restaurant ist seit Donnerstag wieder geöffnet, Donnerstag bis Sonntag 13 bis 17 Uhr, mit einem Kaffeegedeck, verschiedenen Sorten Flammkuchen und einer kleinen Mittagskarte.

Sehenswürdigkeiten

Wissenspunkte Etwa 30 Informationspunkte befinden sich entlang der Wegstrecke. Dazu gehören Landschaften, Sehenswürdigkeiten und Ausblicke. Sie sind nicht alle mit Informationstafeln versehen, deshalb lohnt es sich, die Übersichtskarte und die einzelnen Streckenabschnitte vorher auszudrucken oder auf dem Handy zu verfolgen. Einige Beispiele:

Freybrücke und Stößenseebrücke Die Brücken, die über die Havel führen, wurden 1908/09 errichtet und nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut.

Murellenschlucht Nördlich der Heerstraße und der S-Bahn Pichelsberg liegt die Murellenschlucht. Seit 1840 befinden sich auf dem Gelände militärische Anlagen, daher der Name „Schanzenwald“. Eine Installation aus rund 100 Verkehrsspiegeln erinnert an die letzten Kriegsmonate 1944/45 – in der Murellenschlucht wurden Deserteure erschossen.

Halbinsel Pichelswerder Knapp 30 Hektar Fläche auf Pichelswerder sind Landschaftsschutzgebiet. Südlich breitet sich die Unterhavel – wie sie nach der Einmündung der Spree kurz nach der Spandauer Schleuse heißt – auf etwa 600 Meter Breite aus.

Die mächtige alte Eiche Dieser mehrere 100 Jahre alte Baum neben der DLRG-Station „Großes Fenster“ gehört zu den „Urwald-Bäumen“ aus der Zeit vor der intensiven forstlichen Nutzung des Grunewaldes. Er ist ein geschütztes Naturdenkmal und die stärkste Alteiche des Grunewaldes.

Strandbad Wannsee Mit seinem mehr als einen Kilometer langen Sandstrand und einer Fläche von 335.000 Quadratmetern ist das Strandbad Wannsee das größte Binnenseebad Europas. Die denkmalgeschützte Anlage wurde 1907 erbaut. Info und Tickets: berlinerbaeder.de.

Information

Pläne Info zu den Streckenabschnitten: www.berlin.de/forsten/walderlebnis/waldspaziergang-havelhoehenweg/