Urlaub zu Hause

Villenkolonie Alsen: Am Wannsee aus der Zeit fallen

Ab 1863 entstanden am Wannsee Sommerresidenzen für die betuchte Berliner Gesellschaft. Einige sind bis heute erhalten. Ein Spaziergang.

Wie gemalt: Der Garten der Villa Liebermann war Motiv für viele Werke des Künstlers. Das Original kann man besuchen – dort finden unter anderem auch Malkurse statt.

Wie gemalt: Der Garten der Villa Liebermann war Motiv für viele Werke des Künstlers. Das Original kann man besuchen – dort finden unter anderem auch Malkurse statt.

Foto: Reto Klar

Berlin. Den Gärtner der Villa Liebermann am Großen Wannsee muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen. Das Leben scheint hier ganz anachronistisch und komplett in den Fugen zu verlaufen. Rasen, Büsche und Zierpflanzen sind rund um das Haus an der Colomierstraße 3 akkurat frisiert, sogar der Efeu ist in geordnete Bahnen gelenkt. Nur ein Birkenhain, der den schmalen Weg hinunter zum Ufer erobert hat, tanzt aus der Reihe. Eine ältere Dame mit Strohhut sitzt darin auf einem Hocker und zeichnet.

Das Sommerhaus des Berliner Impressionisten Max Liebermann bietet Motive im Überfluss. Rot, Grün und Blau leuchten hier so intensiv, als hätte sich ein Instagram-Filter über die Szenerie gelegt. Ein Pavillon direkt am Wasser wird von einer Trauerweide umschmiegt, versprengte weiße Bänke laden zum Verweilen ein, am Steg, der auf den Wannsee führt, schieben sich geräuschlos Segelboote vorüber. Und auch sonst herrscht eine andächtige Stille. Nur ganz leise klappert das Geschirr des Terrassencafés. Dazu sorgt der Rasensprenger wie ein Metronom für ein taktgebendes Hintergrundrauschen. Rattatatatatat.

Am Wannsee dem Alltag entfliehen

Am Wannsee lässt sich nicht nur der Stadt und dem Alltag entfliehen. Auf einem Spaziergang entlang der Anwesen der einstigen Sommervillenkolonie Alsen, benannt nach der landschaftlichen Ähnlichkeit mit der gleichnamigen Ostseeinsel, kann man auch der Zeit abhanden kommen. 1863 vom Berliner Bankier Wilhelm Conrad an den Ufern des Kleinen und Großen Wannsees gegründet, entstanden hier in den Folgejahren prachtvolle Residenzen, in denen wohlhabende Berliner ihre Sommerfrische verbrachten.

Darunter auch Angehörige des jüdischen Großbürgertums wie Max Liebermann. Der 1847 geborene Wegbereiter der modernen Malerei und Mitbegründer der Berliner Secession ließ sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen. Sein „Schloss am See“ mit dem von Alfred Lichtwark, Direktor der Hamburger Kunsthalle, mitgestalteten Garten, verewigte Liebermann in zahlreichen Gemälden seines Spätwerks. Eine Auswahl ist im oberen Stockwerk zu sehen, kuratiert von der Max-Liebermann-Gesellschaft, die seit 1995 dafür sorgt, dass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt und renoviert, der Garten rekonstruiert wurde.

Villen am Wannsee gingen in den Besitz von NS-Organisationen

Denn zur Geschichte der „Colonie Alsen“ gehört auch, dass viele jüdische Bewohner nach 1933 zum Verkauf ihres Besitzes gezwungen wurden. Einige emigrierten, andere wurden deportiert. Max Liebermann, einst Ehrenbürger seiner Heimatstadt Berlin, wurde nach der Machtergreifung von den Nationalsozialisten verfemt und starb 1935 in seinem Haus am Pariser Platz, nachdem er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte.

Viele Villen am Wannsee gingen in den kommenden Jahren in den Besitz von NS-Organisationen und -Funktionären über. Als eindrückliches Zeugnis dieses Kapitels deutscher Geschichte steht wenige Gehminuten von der Villa Liebermann entfernt die Villa Marlier, die es als Haus der Wannseekonferenz zu trauriger Berühmtheit brachte und die deshalb kaum jemand noch unter ihrem ursprünglichen Namen kennt.

Erbaut wurde das Haus Am Großen Wannsee 56/58 1914 vom Architekten Paul Baumgarten für den Pharmazie-Unternehmer Ernst Marlier im italienischen Landhausstil, umgeben von einem Park. 1921 verkaufte Marlier an die Norddeutsche Grundstücks-AG, 1941 ging die Villa an die von Reinhard Heydrich gegründete Nordhav-Stiftung. Der Leiter des Reichssicherheitshauptamts wollte das Haus langfristig zu seiner Dienst- und Ferienwohnung umbauen.

Am 20. Januar 1942 fand dort unter seinem Vorsitz die Wannseekonferenz statt. 15 hochrangige Vertreter der nationalsozialistischen Reichsregierung und SS-Behörden, darunter Adolf Eichmann und Roland Freisler, kamen zusammen, um die so genannte Endlösung zu organisieren und koordinieren. Ausführlich nachzulesen ist die Geschichte, wie die Ausgrenzung von Juden in den Jahren 1933 bis 1945 schließlich zu Deportation und Massenmord führte, in der kostenfreien Dauerausstellung „Die Besprechung am Wannsee und der Mord an den europäischen Juden“. Mehrmals täglich gibt es eine Einführung. Die herrschaftlichen Räume mit großen Fenstern und Blick auf den Wannsee tragen dazu bei, das Grauen noch einmal zusätzlich der Vorstellungskraft zu entrücken.

Schautafeln erzählen von der Geschichte der Villenkolonie

Im Garten erzählen Schautafeln von der Historie der Villenkolonie. Viele Häuser, so auch die Villa Alsen des Gründers Wilhelm Conrad, wurden im Laufe der Jahre als Folge von Kriegsschäden abgerissen und in den 70er-Jahren durch Betonsünden ersetzt. Zu den noch erhaltenen Häusern am westlichen Ufer des Großen Wannsees gehören unter anderen die Villa Herz (Am Großen Wannsee 52/54), von Wilhelm Martens für den Fabrikanten Paul Herz als neoromanische Miniaturburg erbaut, das Haus Springer des Verlegers Ferdinand Springer (Am Großen Wannsee 39/41), 1901 von Alfred Messel erbaut als Werksteinbau mit steilem Mansarddach in Pfannendeckung und schindelverkleideten Giebeln.

Der Schwedenpavillon (Am Großen Wannsee 28) ist ein ehemaliges Ausstellungsgebäude der Wiener Weltausstellung, das damals als Restaurant, später als Rundfunkabhöranlage und heute als Wohnanlage genutzt wird. Direkt neben der Villa Liebermann befindet sich das Landhaus des Verlegers Carl Langenscheidt (Colomierstraße 1/2), erbaut 1899 als Landhaus im Fachwerkstil von Bodo Ebhardt. Zum Ensemble gehören auch ein Stallgebäude mit Kutscher- und Bedienstetenwohnung, die bis heute vorhanden und in Familienbesitz sind.

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Vorbei an diesen architektonischen Erinnerungen an das Berlin des Kaiserreichs und der Weimarer Republik lässt sich in Richtung S-Bahnhof Wannsee flanieren – damals wie heute das Tor zur Stadt. Um die Villenkolonie mit dem Berliner Zentrum zu verbinden, begann die Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn-Gesellschaft ab 1870 mit dem Bau der Wannseebahn, die ab 1874 vom Potsdamer Bahnhof in Tiergarten bis nach Potsdam führte. Als Bahnhofsgebäude der damaligen Station Wannensee diente der ausrangierte hölzerne Kaiserpavillon der Wiener Weltausstellung von 1873. Das heutige Empfangsgebäude mit seinen charakteristischen Sichtziegeln und der achteckigen Kuppelhalle entstand ab 1927 nach Plänen des Architekten Richard Brademann.

Wer noch Ausdauer hat, macht noch einen Abstecher auf die nahe gelegene Insel Schwanenwerder, die eine Brücke mit dem Ufer am Wannseebadweg verbindet. Eine beeindruckende Ansammlung von imposanten Villen und Klingelschildern ohne Namen zeugen dort von Vergangenheit und Gegenwart des wohlhabendenden West-Berlins. Joseph Goebbels und Albert Speer wohnten hier genau so wie Dwight D. Eisenhower und Lucius D. Clay. Ende der 2000er-Jahre wurde gemutmaßt, das einstige Hollywoodtraumpaar Brad Pitt und Angelina Jolie interessiere sich dort für eine Immobilie. Nicht alle der nur 40 Grundstücke sind heute bebaut, der Traum vom Eigenheim in Berlins exklusivster Lage ist also – theoretisch und mit dem nötigen Kleingeld – in die Tat umsetzbar.

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Anfahrt

Mit der S- oder Regionalbahn Mit der S1, der S7, der RB1, RB21, RB22, RB33, RE1 oder RE7 nach Wannsee, dann zu Fuß oder mit dem Fahrrad weiter in Richtung Großer Wannsee und Kronprinzessinenweg/Wannseebadweg.

Mit dem Auto Über die A100 und die A115, Ausfahrt Potsdamer Chaussee/B1 Richtung Wannsee nehmen. Über die B1 und Am Großen Wannsee bis zu Villa Liebermann und Haus der Wannseekonferenz fahren. Von dort zurück bis zum S-Bahnhof-Wannsee, über den Kronprinzessinnen- und Wannseebadweg nach Schwanenwerder.

Die Villen

Villa Liebermann, Colomierstraße 3, 14109 Berlin. Geöffnet täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr. Eintritt zehn Euro, ermäßigt sechs Euro. Kontakt: 030/ 80 58 59 00, www.liebermann-villa.de.

Haus der Wannseekonferenz ,Am Großen Wannsee 56-58, 14109 Berlin. Geöffnet Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr, Sonnabend und Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Die kostenfreie Dauerausstellung „Die Besprechung am Wannsee und der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden“ zeigt die Geschichte der Ausgrenzung, Definition und Kennzeichnung bis hin zu den systematischen Deportationen und dem Massenmord durch das Prisma der Besprechung am Wannsee. Führungen und Audioguides verfügbar. Kontakt: 030/80 50 01 0, info@ghwk.de, www.ghwk.de.

Nur von außen zu besichtigen:

Villa Herz, Am Großen Wannsee 52/54, 14109 Berlin.

Haus Springer, Am Großen Wannsee 39/41, 14109 Berlin.

Schwedenpavillon, Am Großen Wannsee 28, 14109 Berlin.

Villa Thiede, Am Großen Wannsee 40, 14109 Berlin.

Essen und Trinken

Haus Sanssouci, Am Großen Wannsee 60, 14109 Berlin. Geöffnet Mittwoch bis Sonntag von 12 bis 23 Uhr. Kontakt: 030/ 805 30 34, info@haussanssouci.de, www.haussanssouci.de. Gehobenes Ausflugslokal mit großer Sommerterrasse, mediterraner Küche und Berliner Klassikern.

Wannseeterrassen, Wannseebadweg 35, 14129 Berlin. Geöffnet Montag bis Sonntag von 12 bis 22 Uhr. Kontakt: 030/ 80 90 82 18, www.wannseeterrassen.berlin. Gehobenes Ausflugslokal mit Bar, Café, Konditorei und großer Terrasse. Internationale Küche.

Loretta am Wannsee Kronprinzessinnenweg 260, 14109 Berlin. Geöffnet Dienstag bis Sonntag ab 12 Uhr, Küche von Dienstag bis Sonnabend bis 22 Uhr, Sonntag bis 21 Uhr. Kontakt: 030/ 80 10 53 33, info@loretta-berlin.de, www.loretta-berlin.de. Einer der bekanntesten Biergärten Berlins mit moderner deutscher Küche.

In der Nähe

Strandbad Wannsee, Wannseebadweg 25, 14129 Berlin. Geöffnet Montag bis Sonntag von 9 bis 14 Uhr und von 15 bis 20 Uhr. Kassenschluss: 60 Minuten vor Ende der Öffnungszeit, Badeschluss: 30 Minuten vor Ende der Öffnungszeit. Eintritt 3,73 Euro. Zeitfenstertickets müssen aktuell aufgrund der Corona-Pandemie vorab über den Online-Ticketshop erworben werden. Kontakt: 030/ 22 19 00 11, www.berlinerbaeder.de/baeder/strandbad-wannsee. Das 1907 eröffnete Strandbad Wannsee ist bis heute das größte Binnenseebad in Europa und längst ein ikonischer Teil der Berliner Stadtgeschichte.

Literarisches Colloquium, Am Sandwerder 5, 14109 Berlin. Geöffnet Montag bis Freitag von 10 bis 23 Uhr. Kontakt: 030/ 816 9960, mail@lcb.de, www.lcb.de. Seit mehr als 50 Jahren bietet das Literarische Colloquium in einer Gründerzeitvilla am Wannsee Veranstaltungen rund zum Thema Literatur sowie Gästezimmer und Stipendienprogrammen für Autoren.