Urlaub zu Hause

Mitten in der Stadt: Traumstrand am Rand vom Flughafen Tegel

Die Jungfernheide ist Berlins zweitgrößter Park – und dennoch für viele ein Geheimtipp.

Strandbad im Volkspark Jungfernheide, Charlottenburg: Nina (l.) mit Tochter Charleen und Mutter Sabine genießen die Sonne – und die Ruhe.

Strandbad im Volkspark Jungfernheide, Charlottenburg: Nina (l.) mit Tochter Charleen und Mutter Sabine genießen die Sonne – und die Ruhe.

Foto: Sergej Glanze

Berlin. Ein Traum: Berlin am Meer. Morgens aufstehen, mit der U-Bahn eben zum Strand fahren, dann ein kleiner Strandspaziergang. Barfuß durch den noch frischen, weißen Sand laufen - und dann abtauchen. Ins kühles Wasser, das sich sanft in einer Brise kräuselt. Über einem sind dann da nur noch nur Himmel und Horizont, ein paar Vögel und das leise Rauschen der Stadt.

Die Vögel sind in diesem Fall Schwalben. Sie fallen kreischend in steilen Bögen vom Himmel, um Insekten von der Wasseroberfläche des Jungfernheideteichs zu jagen. Ansonsten ist es still in dem kleinen Strandbad, das wohl zu den unbekannteren Berlins zählen dürfte – und neuerdings zu den beschaulicheren. Wo in der Nähe bis vor wenigen Monaten ein Flugzeug nach dem anderen donnernd vom Flughafen Tegel aufstieg, ruft jetzt nur noch ein Kuckuck.

Die Jungfernheide: Mit 146 Hektar ist der Volkspark Jungfernheide nach dem Großen Tiergarten der zweitgrößte Park Berlins, doch wer nicht in Charlottenburg oder Siemensstadt lebt, kennt den die Jungfernheide wahrscheinlich nur als U- und S-Bahnstation. Oder auch als unfrisiertes Stück Grün, das man auf dem Weg zum Flughafen Tegel passiert. Tatsächlich liegt der Park, entstanden in den 1920er-Jahren, heute zwischen Flughafen, Stadtautobahn A111 und vielbefahrenen Straßen wie Kurt-Schumacher-, Siemens- und Saatwinkler Damm. Doch im Innern bietet der Park nicht nur ein Strandbad, sondern eine Jugendstilwelt mit Pavillons, Sichtachsen und vielen Angeboten für Sport und Spiel.

Nach außen hin präsentiert die Jungfernheide sich zunächst tatsächlich als Stadtbrache: Wucherndes Grün am Straßenrand, dazwischen Müll – die schönen Eingangsportale aus dunkelrot geklinkerten Kolonnaden und Sitzbänken gehen darin fast unter. Hat man einen Eingang gefunden, muss man sich entscheiden. Das Strandbad liegt direkt am Eingang Saatwinkler Damm und empfängt den Besucher mit 500 Metern frisch geharktem Sandstrand, gemähten Liegewiesen, sauberen Umkleiden und Duschen, die trotz Corona-Beschränkungen geöffnet sind. Wer will, kann auch mit Latte Macchiato unterm Sonnenschirm auf der Terrasse mit Seeblick in den Tag starten.

Der Park ist ein sorgfältig gepflegtes Gartendenkmal

Doch schon im Parkeingang weisen Tafeln mit historischen Fotos darauf hin, was man verpasst, wenn man nicht wenigstens eine Runde läuft. Der Park ist im Innern ein sorgfältig gepflegtes Gartendenkmal, angelegt nach Plänen des Charlottenburger Gartendirektors Erwin Barth. Es erzählt von „Volksparkbewegung” der 1920er-Jahre: Nicht mehr nur besinnliche Flanieren stand im Vordergrund, sondern Sport, Spiel und Bildung an der frischen Luft für alle Berliner.

So wurden neben dem Freibad Sportanlagen angelegt, der Landesruderverband Berlin hat hier seinen Sitz, es gibt eine Tennisanlage und einen Bolzplatz. Das Zentrum des Parks ist aber eine langgestreckte Spiel- und Liegewiese. Am südlichen Rand entstand damals sogar eine Freilichtbühne für bis zu 2000 Zuschauer. Das „Gartentheater“, im Krieg zerstört, wurde zwar in den 1950er-Jahren wieder aufgebaut, wird allerdings derzeit nicht bespielt und wuchert zu. Wer sich am Heckerdamm über Schilder zur Gustav-Böß-Freilichtbühne und zum „Kulturbiergarten“ im wilden Grün wundert – ja: Im Eingang zur Freilichtbühne gibt es tatsächlich einen bodenständigen Biergarten.

Das eigentliche Erlebnis aber ist ein Rundgang durch den Park. Etwa vier bis fünf Kilometer legt man dabei zurück. Es geht durch eine aufgeräumte, geometrische Parkwelt mit Kieswegen und Sichtachsen. An den Wegrändern verstecken sich pittoreske Pavillons im hängenden Grün, mal pilzförmig, mal im expressionistischen Spitzbogenstil oder als Pagoden, der Jugendstil lässt grüßen.

Im Westen liegt der künstlich geschaffene Jungfernheideteich mit seinem Inselchen in der Mitte, das wiederum über geschwungene Brücken mit dem Festandland verbunden ist. „Teich“ ist übrigens eine Untertreibung – der kleine See erhält frisches Wasser aus dem Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal und fließt in die tiefer gelegene Spree ab.

Wer nie von weiter her auf den Park geschaut hat, steht am östlichen Ende erstaunt an einem Hügel und guckt nach oben: Die Landmarke des Parks ist der Wasserturm, 38 Meter hoch. Er entstand er 1926/27 nach Entwürfen des Architekten Walter Helmcke zur Parkbewässerung. Mitgeplant war ein Kaffeegarten, heute heißt er „Sommergarten” und bietet unter den Vordächern des Turms und auf gepflegtem Grün bei Sonnenschein Sitzplätze und auch Liegestühle. Er gehört zum benachbarten Hochseilgarten, einer privat betriebenen Anlage für Hobby- und Profikletterer, die sich auf 16 Parcours im Hangeln und Balancieren üben wollen. Nebenan gackern und blöken die Bauernhof-Tiere im Streichelzoo der „Erlebniswelt Tier und Natur“. Das für Kita- und Schulgruppen ist auch für private Besucher offen.

Den wohl schönsten Parkblick hat man vom Turmhügel

Vom Turmhügel bietet sich der vielleicht schönste Blick über den Park, ein bisschen englischer Garten, ein bisschen Hamburger Stadtpark. Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn es nicht auch eine Hundewiese gäbe. Und Bären. Zwei 1925 von Hermann Pagels gehauene, tonnenschwere Bärenskulpturen stehen am Eingang Kurt-Schumacher-Damm. Einer war seit Zweiten Weltkrieg verschollen, erst 2010 wurde ein Teilstück wiederentdeckt und ein Ersatz-Bär geschaffen.

Der Rückweg führt vorbei an einem Spielplatz und der wilden Badestelle am östlichen Teichrand, die zwar auch schön ist, an der aber, so sieht es aus, auch gern getrunken und gefeiert wird. Zumindest lassen die Müllberge darauf schließen. Daneben lädt ein kostenloser Bewegungsparcours mit Geräten zum Training ein – Volkspark eben. Doch zwischen all den Trauerweiden, Brücken und Wegen kann man auch wandeln wie in einem Liebermannschen Gemälde. Mit Glück entdeckt man sogar die Wasserschildkröten, die sich nahe dem Ufer auf Baumstämmen im Wasser sonnen.

Typisch Berlin ist auch die Entstehungsgeschichte des Parks. Die Jungfernheide, ein Wald- und Heidegebiet östlich von Spandau, bekam ihren Namen nach den ,Jungfern’ des 1239 gegründeten Spandauer Nonnenklosters, ebenso wie die benachbarte Nonnendammallee. Bis um 1800 jagten hier Kurfürsten und Könige, ein Teil wurde später als Exerzier- und Schießplatz genutzt. Von der Idee des Volksparks im Jahr 1904 bis zur Fertigstellung 1929 dauerte es allerdings 25 Jahre. Erst kam der Krieg, dann gab es Streit. Zwar hatte Charlottenburg zehn Millionen Reichsmark für den Park-Bau bereitgestellt, doch nach der Eingemeindung 1920 sperrte Groß-Berlin das Geld wieder. Erst die Weltwirtschaftskrise brachte die Lösung. Für die vorbereitenden Erdarbeiten wurden im Oktober 1920 rund 100 Arbeitslose eingespannt.

Wer Lust auf noch mehr Stadtgeschichte hat, kann in die Ringsiedlung weiterlaufen, die sich auch historisch an den Park anschließt. Nach dessen Fertigstellung 1929 planten Hans Scharoun, Walter Gropius, Otto Bartning und andere namhafte Architekten eine Wohnsiedlung im Grünen, mitten in der Stadt. Sie ist heute Unesco-Weltkulturerbe Schautafeln erklären die Geschichte.

Alle Teile der Sommerserie „Urlaub zu Hause“ finden Sie hier.

Volkspark Jungfernheide: Baden oder Wakeboarden, Spazierengehen oder Klettern

Grafik vergrößern

Anfahrt

Mit der U-Bahn U7 bis Halemweg oder Siemensdamm, S-Bahn bis Siemensdamm, danach zu Fuß weiter, Buslinie 109, 123, M21 z.B. bis Weltlingerbrücke.

Mit dem Auto: A111 bis Abfahrt Heckerdamm, Parken: einige kostenfreie Parkplätze gibt es am Saatwinkler Damm oder am Strandbad Jungfernheide, allerdings sind diese gerade bei schönem Wetter schnell belegt. Tipp: Anfahrt mit BVG oder S-Bahn und Fahrrad bis Bahnhof Jungfernheide – dort gibt es einen Fahrstuhl. Zu Fuß: die meisten Park-Eingänge liegen am Heckerdamm und Jungfernheideweg.

Im Park

Strandbad Jungfernheide Jungfernheideweg 60, 13629 Berlin, Tel. 030/ 70 71 24 12, info@strandbad-jungfernheide.de, strandbad-jungfernheide.de. Angebote: abgetrennte 50-Meter-Bahn, Wakeboarden, Vermietung von Liegen, Sonnenschirmen und Wasserliegen, Stand-up-Paddeling, Restaurant-Café im Strandhaus mit großer Terrasse. Geöffnet; Täglich 10 bis 19 Uhr, Eintritt: 6 Euro/ Tageskarte (Kinder unter 1 Jahr frei), Zeitfenster gibt es nicht. Jahreskarte: 169 Euro. Das Strandbad Jungfernheide wird privat betrieben, deshalb gelten hier andere Tarife und teils andere Regeln als bei den Bäderbetrieben.

Waldhochseilgarten Jungfernheide Heckerdamm 260, 13627 Berlin, 030/ 34 09 48 18, info@waldhochseilgarten-jungfernheide.de. In den Sommerferien: Dienstag bis Freitag, 11 bis 19 Uhr, Wochenende/Feiertage: 9 bis 20 Uhr. Anmeldung/ Buchung nur online, Maskenpflicht am Boden, aber nicht auf den Parcours. Angebote: Je nach Parcours geht es zwischen 3 und 17 Meter hoch in die Bäume. Es gibt 16 TÜV-geprüfte Parcours mit unterschiedlichen Anforderungen. Entscheidend ist unter anderem die Greifhöhe der Kletterer. Alle Kletterer werden gesichert und eingewiesen. Vor einem Besuch, der auch mit Gruppen möglich ist, empfiehlt es sich, sich genauer zu informieren. Eintritt: Erwachsene 24 Euro, ermäßigt. 21 Euro, bis 14 Jahre 18 Euro für je 3 Stunden.

Essen und Trinken

Wasserturm und Sommergarten Der expressionistische, 38 Meter hohe Wasserturm im Volkspark Jungfernheide ist heute außer Betrieb und kann nicht bestiegen werden. Der Sommergarten am Fuß ist geöffnet. Auf der Karte: Pizza, Bratwurst, Linsensalat mit Ziegenkäse und mehr, Cocktails, Cola, Bier, Almdudler und vieles mehr. Kein Innenraum, aber überdachte Terrassen und bei schönem Wetter Liegestühle auf der Wiese. Geöffnet: Täglich 12 bis mindestens 20 Uhr.

Kulturbiergarten im Volkspark Jungfernheide, Heckerdamm 274 (Eingang gegenüber Nr. 273), 13627 Berlin, 01522/ 979 6454, info@kulturbiergarten.de. Bodenständige Küche vom Wiener Würstchen über Bouletten, Leberkäse und Bauernfrühstück bis zum Matjes. Neben bis zu 350 Plätzen im Außenbereich gibt es bis zu 120 Plätze im beheizten Wintergarten. Geöffnet: Montag bis Sonnabend, 12 bis etwa 21 Uhr, Sonntag, 11 bis etwa 21 Uhr.

In der Nähe

Ringsiedlung Die historische Ringsiedlung liegt zwischen Siemensstadt (Spandau) und Charlottenburg-Nord. Interessant sind unter anderem Geißlerpfad, Goebelstraße, Heckerdamm, Jungfernheideweg, Mäckeritzstraße. Tipp: Start in der Info-Station zum Weltkulturerbe in der Siemensstadt, Goebelstraße 2, 13627 Berlin. Am und im historischen Pavillon gibt es Informationen, auch Führungen sind buchbar.