City-S-Bahn

Bahn verlegt S21-Tunnel wegen Sinti-und-Roma-Denkmal

Um das Sinti-und-Roma-Denkmal im Regierungsviertel zu schützen, prüft der Konzern für den S-Bahntunnel am Reichstag andere Strecken.

Das schwarze Becken, des Mahnmal für die Sinti und Roma, das der Architekt Dani Karavan, wäre zwar nicht bedroht - das Ensemble aber schon

Das schwarze Becken, des Mahnmal für die Sinti und Roma, das der Architekt Dani Karavan, wäre zwar nicht bedroht - das Ensemble aber schon

Foto: Michael Kappeler / dpa

Berlin. Die Diskussion um die Auswirkung der S21-Baustelle auf das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma führt wohl zur Änderung der Trassenpläne bei dem Megaprojekt. Darauf sollen sich die Deutsche Bahn und Vertreter von Bund und Land Berlin mit dem Zentralrat der Sinti und Roma nach Informationen der Berliner Morgenpost bei einem Treffen verständigt haben.

„Es gab am Freitag erneut ein intensives und konstruktives Gespräch zum Thema“, erklärte ein Sprecher der Senatsverkehrsverwaltung auf Anfrage. „Dabei haben sich die Beteiligten darauf geeinigt, dass noch einmal genau überprüft wird, welche Implikationen die wichtigsten technisch möglichen Varianten einer Trassenführung haben – und wie die jeweils auftauchenden Probleme überwunden werden können.“ Ziel bleibe es, die Lösung zu finden, die das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas maximal schütze, so der Sprecher. Ein Folgetreffen sei nach der Sommerpause geplant.

S21 in Berlin: Deutsche Bahn prüft alternative Routen für S-Bahn-Tunnel

Die Deutsche Bahn geht nun in die Prüfung alternativer Routen für den S-Bahn-Tunnel unter dem Regierungsviertel. Jedoch soll es bereits einen klaren Favoriten für die künftige Strecke geben: Statt eine Röhre westlich am Reichstagsgebäude vorbei in direkter Nähe des Mahnmals zu führen, könnten nun beide Tunnel weiter östlich unter dem Friedrich-Ebert-Platz zwischen Reichstag und dem Jakob-Kaiser-Haus verlaufen. Auf eine intensive Prüfung dieser Route sollen sich nach Informationen der Berliner Morgenpost Bundestagsverwaltung und Deutsche Bahn verständigt haben.

Die vor Kurzem aufgekommene Debatte um die Folgen des Baus für das Mahnmal könnte damit zu einem gütlichen Ende führen. Im Mai hatte der Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland die Pläne der Bahn erstmals öffentlich kritisiert. Danach hätte das von dem israelischen Künstler Dani Karavan gestaltete Denkmal für den Bau offenbar ganz abgebaut werden müssen. Die Bahn hatte nach einem Gespräch erklärt, das Denkmal nicht durch die Baustelle anzutasten.

Doch auch dem hatte der Zentralrat widersprochen. Zwar hätten die neuen Pläne das schwarze Becken in der Mitte des Geländes nicht betroffen. Jedoch bestehe das Denkmal aus einem Ensemble. Die geplante Baustelle werde weit über die Hälfte davon erfassen, so der Zentralrats-Vorsitzende Romani Rose. Auch Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) hatte sich unzufrieden gezeigt. Die aktuellen Pläne würden das Mahnmal „sehr schwer belasten und beeinträchtigen“, hatte sie im Abgeordnetenhaus gesagt. Dieses Problem würden Politik und Bahn mit einer Doppelröhre östlich des Parlaments umschiffen.

Deutsche Bahn suchte mehrere Jahre nach einer Route

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Nach langem Gezerre war für die Trasse erst vor kurzem eine Lösung gefunden worden. Für den Bau eines zweiten Nord-Süd-Tunnels für die S-Bahn unter der Berliner Innenstadt suchte die Deutsche Bahn mehrere Jahre nach einer Route. Für Verzögerungen sorgte besonders die Haltung der Bundestagsverwaltung. Sie verwarf verschiedene Streckenverläufe in ihrem Umfeld. Zuletzt stellten sich die Parlamentarier gegen die Bahn-Pläne, den Tunnel zu teilen und eine Röhre westlich knapp am Reichstagsgebäude vorbei zu führen. Der Abstand zum historischen Bau sei zu knapp und gefährde die Standsicherheit hieß es.

Eine Lösung gestaltete sich nicht leicht. Denn im Boden zwischen Brandenburger Tor und Hauptbahnhof ist kaum noch Platz. Schon heute verlaufen dort die Röhren der Regional- und Fernbahn sowie der U-Bahnlinie U55. Zudem sollte die Trasse an einen noch aus den 1930er-Jahren stammenden Leertunnel vor dem Brandenburger Tor anschließen, den sogenannten „Heuboden“. Eine Lösung hatte die Bahn erst nach langen Verhandlungen finden können. Diese fiel dafür auf den ersten Blick umso simpler aus: Der Abstand der westlichen Röhre zum Parlamentsbau wurde auf mindestens 13 Meter vergrößert. Die dadurch schärfere Kurve Richtung „Heuboden“ würden die S-Bahnzüge dank der dort auf 50 km/h reduzierten Geschwindigkeit trotzdem nehmen können.

Bauzeit der Röhre könnte sich um ein Jahr verlängern

Doch nun scheinen auch diese Pläne wieder hinfällig. Der West-Tunnel, um den so lange gerungen wurde, könnte obsolet sein. Den drohenden Konflikt um das Mahnmal scheinen die Beteiligten damit zu lösen. Jedoch erwachsen mit der möglichen neuen Route andere Probleme. Schon früh während der Trassenvorplanung hatte die Bahn eine Doppelröhre östlich des Reichstags in Betracht gezogen. Jedoch hatte sich die Bundestagsverwaltung bislang gegen diese Trassenführung gesträubt. Denn auf dem Friedrich-Ebert-Platz müsste wohl über mehrere Jahre ein großes – immerhin überdachtes – Loch für die Baugrube klaffen.

Eine langjährige Riesenbaustelle so nah am Reichstag soll den Parlamentariern missfallen haben, ist von mit diesem Fall vertrauten Personen zu hören. Aber auch bautechnisch bedeutet die breitere Strecke unter der Spree eine zusätzliche Herausforderungen. Möglicherweise müsste der Fluss für die Arbeiten gesperrt werden, ist zu hören. Insgesamt könnte der kompliziertere Bau dadurch um ein Jahr später fertig werden, heißt es. Alexander Kaczmarek, Bevollmächtigter der Bahn für das Land Berlin, hatte zuletzt erklärt, die gesamte S21-Strecke von Gesundbrunnen bis zum Südkreuz schon 2030 fertig stellen zu wollen. Dieser ambitionierte Plan dürfte nun unwahrscheinlicher werden.