Innovation

Berliner Firmen kommen in der Corona-Krise groß raus

Michael Müller und Wirtschaftssenatorin Pop auf Besichtigungstour: Schuhcreme-Hersteller Collonil setzt jetzt auf Desinfektionsmittel.

Michael Müller (r.) und Ramona Pop schauen sich die Desinfektionsmittel an – und zwar ganz genau.

Michael Müller (r.) und Ramona Pop schauen sich die Desinfektionsmittel an – und zwar ganz genau.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Michael Müller kennt sich als gelernter Drucker ja aus mit Farben. Wie Hasan Oturak aber den perfekten Ton für die Schuhcreme trifft, beeindruckt den Regierenden Bürgermeister dann doch. Noch ein Spritzer Braun in den Bottich, gut umrühren und dann erscheint auf der Farbtafel auch unter dem hellsten Licht der perfekte „Cognac“-Ton. „Ich sehe das mit meinen Augen“, sagt der Chemiefacharbeiter, der seit 40 Jahren beim Berliner Traditionsunternehmen Collonil die Farben für die Lederpflege-Produkte der Reinickendorfer abmischt.

Unternehmensbesuche gehören für Politiker zum Standardprogramm. Eigentlich. In Corona-Zeiten ist es aber durchaus etwas Besonderes, wenn der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) sich am Montag erstmals wieder aufmachten, um sich persönlich ein Bild von der Lage zu machen. Sie besuchten zwei Firmen, die schnell reagiert und sich erfolgreich gegen die Krise gestemmt haben.

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Corona-Zeiten: Von der Schuhcreme zum Hygieneschaum

Denn mit der Schuhcreme läuft es in der Krise nicht so gut. Die Krise im Handel schlägt auch auf die Reinickendorfer durch. Also haben sie einfach eine neue Produktlinie namens „Collonil blau“ erfunden. Unter dieser Marke stellen viele der 95 Mitarbeiter an der Hermsdorfer Straße nun verschiedene Desinfektionsmittel her: vom Schuh-Deodorant über Hygieneschaum und Waschmittelkonzentrat etwa zur Maskenreinigung bis zu Raumsprays, die auch Corona-Viren abtöten. Fast die komplette Fußball-Bundesliga habe mit Collonil während der Geisterspiele die Sitze ihrer Reservespieler virusfrei gehalten, erzählt Geschäftsführer Frank Becker.

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Den Anstoß für den Umstieg lieferten dann chinesische Kunden, die nach einem Desinfektionsmittel für Schuhsohlen gefragt hätten, berichtet der Chef. Binnen vier Wochen habe man die neuen Rezepte entwickelt und die Produktion aufgebaut. Dabei habe auch die Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner geholfen, auf kurzen Dienstweg habe man dafür gesorgt, dass ein anderer Lieferant Ethanol bereitstellte. Viele oberitalienische Geschäftspartner seien wegen der Pandemie lahmgelegt gewesen, so Becker: „Das ist eine Besonderheit“, so der Manager, „Berlin funktioniert in Krisensituationen.“ Ramona Pop lächelt, obwohl das unter der schwarzen Masken kaum zu erkennen ist: „Schön, dass Sie das sagen.“

„Sie haben es repariert“, ruft jemand. Müller lacht

Eine kleine Krise gibt es auch während des Besuchs bei Collonil. Gerade als die Politiker samt Entourage den Raum mit der voll digitalisierten Abfüllanlage besichtigen, stehen die Dosen mit dem „Sanitizer home“ aus der neuen blauen Serie still. „Der Vorführeffekt“, seufzt Technik-Chef Matthias Martin.

Der Regierende Bürgermeister bewegt sich bei solchen Gelegenheiten gern ein wenig abseits der Gruppe. Interessiert studiert er die noch weißen Dosen, die in die Produktionslinie eingefädelt werden müssen. Plötzlich springt die Anlage wieder an. „Sie haben es repariert“, ruft jemand. Müller lacht.

Während Ramona Pop direkt aus Reinickendorf zum Wirtschaftsausschuss ins Abgeordnetenhaus eilt, besucht Müller noch ein gut etabliertes Start-up in Mitte. Explizit hatte er sich als Wissenschaftssenator eine Firma aus dem Medizinbereich als Ziel gewünscht.

Müller macht noch einen Abstecher zu „Amboss“ in Mitte

In einem Dachgeschoss an der Torstraße empfängt Sievert Weiss den Gast ganz leger in kurzer Hose. Er ist Mitgründer von Amboss, der weltweit führenden Informations- und Wissensplattform für Mediziner. Vom Studenten bis zum Oberarzt finden derzeit eine Million Nutzer weltweit professionell von Ärzten kuratierte Informationen von der Prüfungsfrage bis zur Problemlösung im klinischen Alltag.

Fast alle Medizin-Studierenden und zwei Drittel der Assistenzärzte in Deutschland nutzen die Plattform. Müller wundert sich: „Warum gab es so etwas vorher noch nicht?“ Weiss beschreibt den Impuls: „Der selbst erlebte Mangel“ in ihrer Examenszeit habe die Gründer auf die Idee gebracht. Seit 2010 wuchs die Firma auf heute 330 Mitarbeiter in Berlin, Köln und New York an.

Mit der Corona-Pandemie hat Amboss sein Angebot ergänzt und die Informationen zu Covid-19 allen frei zugänglich gemacht. Die Nachfrage sei groß, berichtet Weiss dem Sozialdemokraten. So habe ein Klinikchef sich erkundigt, ob man nicht mit Hilfe der Plattform seine HNO-Ärzte für Tätigkeiten in der Intensivmedizin schulen könne, nennt der Amboss-Mitgründer ein Beispiel. Universitäten hätten sich nach Lehrkonzepten erkundigt. Die Krise sei auch ein „Katalysator“ für digitale Medizin und digitales Lernen gewesen, erläutert der Gründer dem Sozialdemokraten.

Müller schaut zufrieden. Er liebt solche Begegnungen. Eine weitere musste an diesem Tag ausfallen. Weil Müller und Pop am Morgen noch per Videoschalte mit den Vermietern der akut von der Schließung bedrohten sechs Berliner Karstadt und Kaufhof-Filialen verhandelt hatten, schafften sie es nicht zum Bahn-Hersteller Bombardier. In den Gesprächen hätten sich die Karstadt-Vermieter aufgeschlossen gezeigt, die Konditionen für den insolventen Kaufhauskonzern nachzubessern. „Wir kämpfen um jedes Haus“, sagt Müller.

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