Krankenhausgesellschaft

Kliniken: „Beschäftigte sind empört über Nicht-Beachtung“

Marc Schreiner, Chef der Berliner Krankenhausgesellschaft, fordert eine Helden-Prämie für alle Klinik-Angestellten.

Für eine Verlängerung des Rettungsschirms: Marc Schreiner, Chef der Krankenhausgesellschaft Berlin.  

Für eine Verlängerung des Rettungsschirms: Marc Schreiner, Chef der Krankenhausgesellschaft Berlin.  

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Berlin. In kürzester Zeit haben sich die Berliner Krankenhäuser auf die Bedrohungen durch das Coronavirus eingestellt – und dafür den Regelbetrieb heruntergefahren. Im Interview mit der Berliner Morgenpost erklärt der Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft, Marc Schreiner, wie sich die aktuelle Situation in den Kliniken darstellt.

Herr Schreiner, seit vier Monaten hält das Coronavirus die Welt in Atem, das Gesundheitssystem steht vor großen Herausforderungen – wie steht es um die Berliner Krankenhäuser?

Marc Schreiner Die Krankenhäuser haben in den letzten vier Monaten irre viel geleistet. Wir haben innerhalb weniger Tage ein hochgradig durchreguliertes, hoch komplexes Versorgungssystem auf die Pandemiesituation ausgerichtet. Das gesamte Leistungsgeschehen wurde eingestellt, sofern das medizinisch zu rechtfertigen war, dadurch wurden freie Kapazitäten für die Behandlung von Covid-Patienten geschaffen. Wir haben jede Menge Geld in die Anschaffung neuer Intensivbetten und Beatmungsgeräte investiert und das Personal geschult. Das ging bis zur Frage, wie viel Bestattungskapazitäten wir in der Stadt haben. Gleich zu Beginn haben wir an acht Krankenhäusern die Abklärungsstellen eingerichtet und einen Aufruf an die Bevölkerung gerichtet, dass diejenigen sich bitte melden, die über eine pflegerische oder medizinische Ausbildung verfügen.

Gibt es Lehren, die Sie aus den Erfahrungen der ersten Monate gezogen haben?

Jede Menge. Eine lautet: Die Krankenhausversorgung ist reif für Weiterentwicklung. Krankenhäuser haben ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Nun gilt es, die Rahmenbedingungen an moderne Bedarfe anzupassen. Diese Umstellung ging nicht ohne Einschränkungen in anderen Bereichen.

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Wie stellt sich die finanzielle Situation dar?

Das sind schon erhebliche Erlöseinbußen, die wir zu verkraften haben. Die Auslastung lag zwischenzeitlich bei 55 Prozent, normalerweise beträgt sie 85 Prozent. Das betrifft nur den stationären Aufenthalt. Nicht dabei berücksichtigt sind ambulante Angebote und weitere Einnahmequellen, wie zum Beispiel Caféterias. Für Abhilfe soll das Krankenhausentlastungsgesetz, der Rettungsschirm der Bundesregierung, sorgen. Wir bekommen für jedes frei gehaltene Bett eine Pauschale in Höhe zwischen 360 bis 760 Euro. Dazu kommen noch 50 Euro für die Schutzausrüstung und 185 Euro Pflegeentgelt. Das funktioniert zurzeit und schafft Liquidität. Wir wissen aber noch nicht, wie stark die Bilanzen der Krankenhäuser tatsächlich eingebrochen sind. Außerdem bekommen wir noch 50.000 Euro je neu geschaffenem Bett auf der Intensivstation. Das Land hat zudem zugesagt, die Beatmungsgeräte zu bezahlen.

Reicht das denn aus, um die Verluste auszugleichen?

Das müssen wir beobachten. Der Rettungsschirm läuft im September aus. Wir sagen jetzt schon, dass wir danach nicht zum Normalbetrieb zurückkehren können, weil wir mit den Hygieneanforderungen und den Abstandsregelungen die Betten nicht voll belegen können. Vier-Bett-Zimmer wird es bis auf Weiteres nicht geben.

Dennoch öffnen die Krankenhäuser sich zunehmend wieder für Normalpatienten?

Ja, die Knie-, Augen- und Krebspatienten sind genauso wichtig. Viele haben in der Krise lange gewartet, ins Krankenhaus zu gehen. Wir haben gesehen, dass die Anzahl der Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten stark zurückgegangen ist. Das hat uns alarmiert. Wir rufen die Patienten auf, sich in die Krankenhäuser zu begeben, wenn es notwendig ist. Da wir im Augenblick wenig Corona-Patienten in den Krankenhäusern haben, schrauben wir die frei gehaltenen Betten zurück. Wir haben aktuell 146 Covid-Patienten in den Krankenhäusern, davon liegen 42 auf Intensivstationen, davon werden 31 beatmet, und sieben erhalten ECMO, das heißt, ihr Blut wird maschinell mit Sauerstoff angereichert.

Was bedeutet das für die Finanzierung des Gesundheitswesens, wenn die Krankenhäuser auf absehbare Zeit nicht zum Normalbetrieb zurückkehren können?

Das bedeutet eine Ausdünnung der Versorgung, es gibt ein Raumproblem, und die Krankenhäuser haben Einnahmeausfälle. Deswegen sagen wir, dass der Rettungsschirm über September hinaus verlängert werden muss, bis die Pandemie vorbei ist.

Was heißt das denn für die Finanzierung insgesamt?

Krankenhausorganisationen machen sich derzeit Gedanken darüber, wie das Vergütungs- und Versorgungssystem nach der Krise aussehen kann. Wir brauchen eine verlässliche Finanzierung unserer Strukturen. Wie die Feuerwehr nicht nur für Einsätze bezahlt wird, sondern auch für die Vorhaltung ihrer Leistung, könnte ein solches Element auch für Krankenhäuser interessant sein. Die Länder müssen in die Krankenhausinfrastruktur investieren. Mit dem Konjunkturprogramm des Bundes stehen drei Milliarden Euro für die Krankenhäuser zur Verfügung, vor allem für die Notfallversorgung und die Digitalisierung.

Mit welchem Betrag rechnen Sie davon für Berlin?

Das werden rund 160 Millionen Euro sein, die auch noch mit 50 Millionen Euro des Landes kofinanziert werden – also insgesamt etwa 210 Millionen. Aber das Land Berlin geht bislang davon aus, dass das Konjunkturpaket auch von den Krankenhausträgern kofinanziert werden kann. Das sehen wir anders. Mit dem Konjunkturpaket soll den Krankenhäusern ja geholfen werden, aus der Krise zu kommen. Wenn wir uns trotz der erheblichen Einnahmeverluste nun daran beteiligen sollen, wäre das so, als ob wir uns am eigenen Schopf aus der Krise ziehen sollen. Das geht so nicht. Hier hat Berlin jetzt die Gelegenheit, sich hinter die Krankenhäuser der Stadt zu stellen.

Jetzt haben wir viel über große Summen gesprochen, der Regierende Bürgermeister hat zu Beginn der Krise den Helden der Corona-Krise eine Prämie versprochen. Wie ist da der Stand der Dinge?

Das ist für uns eine unglückliche Entwicklung. Der Regierende Bürgermeister hat sich zu Recht bei den Beschäftigten der kommunalen Krankenhäuser bedankt. Er vergisst dabei, dass alle anderen Krankenhäuser und deren Beschäftigten sich genauso eingebracht haben. Alle diese Beschäftigten schließt der Regierende Bürgermeister nicht in seinen Dank ein. Wir haben ihn angeschrieben, aber keine Reaktion erhalten. Er ist da leider beratungsresistent. Wir sind ja nicht alleine. Auch die Beschäftigten unserer Mitgliedsverbände Caritas, die evangelischen und privaten Krankenhäuser haben alle auch an den Regierenden geschrieben, wie auch die freien Wohlfahrtsverbände – alle sind hochgradig unzufrieden und nahezu empört über diese Nicht-Beachtung.

Ist da keine Lösung in Sicht?

Wir haben uns jetzt noch einmal in einem offenen Brief an alle Mitglieder des Abgeordnetenhauses gewandt und darum gebeten, dass der Dank, der berechtigterweise an die einen gegeben wurde, auch den anderen ausgesprochen und gegeben wird. Bei der Pflege sollen vom Bund 1000 Euro an die Pflegekräfte gehen, und das Land überlegt, wie das noch einmal aufgestockt werden könnte. Auf der Strecke bleiben allein die Beschäftigten der freien, konfessionellen und privaten Träger. Das ist auch eine Frage der Steuergerechtigkeit. Am Ende könnte man annehmen, eine Pflegekraft bei einem kirchlichen Träger finanziert die Helden-Prämie der Kollegin in einer städtischen Einrichtung mit, obwohl sie die gleiche Arbeit leistet.

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