Mobilität

Berlin erlebt den Fahrradboom

Zum Weltfahrradtag am Mittwoch steht das Verkehrsmittel Fahrrad gut wie nie in Berlin da. Das Potenzial scheint nicht ausgeschöpft.

Immer mehr Menschen in Berlin nutzen das Fahrrad.

Immer mehr Menschen in Berlin nutzen das Fahrrad.

Foto: Reto Klar

Bei Fahrradläden in Berlin sind die vielen Menschen vor der Tür aktuell nicht nur eine Folge der Abstandsregeln. Sie sind auch Ausdruck von etwas Anderem: Die Geschäfte laufen richtig gut. Der Trend zum Fahrrad vollzieht sich bereits seit mehreren Jahren. Nun hat die Corona-Pandemie ihm neues Tempo verliehen. Genau das wollen auch die Vereinten Nationen mit dem Weltfahrradtag an diesem Mittwoch erreichen. In diesem Jahr findet er unter bislang nicht gekannten Bedingungen statt: Noch nie hat die Fortbewegung mit Pedalantrieb so viel Aufmerksamkeit erhalten, plötzlich steigen auch Menschen auf den Sattel, die zuvor nicht auf die Idee gekommen wären. Zugleich entstehen vielerorts in der Hauptstadt plötzlich neue, sichere Radwege. Effekte, die den Aufstieg des Fahrrads im Berliner Verkehr beschleunigen. Denn noch hat das Velo längst nicht das Potenzial ausgeschöpft, das Mobilitätsforscher in ihm sehen.

So viele Berliner wie nie steigen aufs Fahrrad

Die neue Lust am Rad zeigen nun auch Berliner Verkehrsdaten. Seit Beginn des Corona-Lockdowns am 16. März registrierten die Messstellen 4.157.322 Radfahrer. Bereinigt um die Werte der Oberbaumbrücke, an der wegen einer Baustelle aktuell nicht gezählt wird, sind das gut 430.000 Personen mehr als im Vorjahreszeitraum. Ein Wachstum von knapp zwölf Prozent.

„Trotz Arbeiten im Homeoffice, geschlossenen Schulen und Kitas wird das Rad weiterhin öfter genutzt“, sagt Lisa Feitsch, Sprecherin des Fahrradverbands ADFC Berlin. Mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen erwarte man, dass noch mehr Menschen umsteigen. „Dieser Trend“, so Feitsch, „ist eine deutliche Botschaft an die Politik, zügig das Mobilitätsgesetz umzusetzen, sichere Radwege einzurichten und dem Fahrrad mehr Platz im öffentlichen Raum zu geben.“

Mit der Forderung stößt die Radfahrlobby in der Berliner Verkehrsverwaltung auf offene Ohren. „Weltweit zeigen Metropolen, dass der Umstieg aufs Fahrrad in vollem Gange ist“, sagte Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). „Das ergibt Sinn, denn Fahrradfahren ist gesund und besonders stadtverträglich.“ Nun gehe es darum, Radfahren durch den Ausbau der Infrastruktur sicher zu machen. Berlin nehme dabei gerade jetzt Fahrt auf, so Günther.

Fahrradbranche spricht von Boom durch Corona

Über die Zahlen freuen sich die Fachgeschäfte und Werkstätten: „Wir haben wahrscheinlich nicht nur einen Nachholeffekt, sondern wir erleben einen echten Fahrradboom, der mit Corona zusammenhängt“, sagt Dirk Sexauer, Geschäftsführer des Verbundes Service und Fahrrad (VSF). Der Branchenverband vertritt bundesweit Fahrradhändler sowie Radhersteller. Die Branche ging mit breiter Brust in die Saison. Dann kam Corona.

Jäh seien die Aufträge weggebrochen, sagt der Verbands-Geschäftsführer. „Es gab schon einen erheblichen Einbruch im Umsatz zu Ende des März.“ Aber schnell habe sich die Situation gebessert. Viele ÖPNV-Nutzer meiden seit Wochen Busse und Bahnen aus Angst, sich dort infizieren zu können. Auch wer sich lange nicht mehr auf den Sattel geschwungen hatte, sieht plötzlich im Fahrrad eine Alternative auf dem Weg durch die Stadt. „Da kommen Menschen in den Laden, die sich das jetzt wegen Corona überlegen“, sagt Sexauer. Händler berichteten ihm von alten Schätzen, die wohl jahrelang im Keller gestanden hätten. Nun landeten sie plötzlich wieder in der Werkstatt.

Die Fahrradbranche blickt deshalb positiv in die nahe Zukunft. Trotz lockdownbedingten Einbruchs erwartet mehr als die Hälfte der Betriebe einen Jahresumsatz auf Vorjahresniveau oder darüber, ergab kürzlich eine Branchenumfrage vom VSF, dem Zweirad-Industrie-Verband und dem Bundesverband Zukunft Fahrrad.

Mobilitätsforscher: "Die Zahl der Radfahrer steigt stetig"

Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin hingegen kann die positiven Meldungen bislang nur bedingt teilen. „Einen Boom würde ich es noch nicht nennen.“ Dennoch ändere sich die Wahrnehmung. Dazu trügen besonders die Pop-up-Radwege bei. „Das ist eine Verkehrsrevolution, die über Nacht geschaffen wurde“, sagt Knie. „Die Bedeutung des Fahrrads wird dadurch verbessert.“ Am Kottbusser Damm und am Halleschen Ufer seien nun mehr Menschen auf ihren Rädern unterwegs. Insgesamt liefen die tatsächlichen Nutzungszahlen der neuen Aufmerksamkeit aber noch hinterher.

Das Fahrrad, so Knie, sei noch kein Massenverkehrsmittel. Es gebe jedoch einen kontinuierlichen Trend. „Die Zahl der Radfahrer steigt und ist ein stetig wachsender Faktor im Stadtverkehr.“ Aktuell sieht der Experte die zusätzlichen Radfahrer eher vom Auto als aus Bussen und Bahnen umsteigen. „Autofahren wird mit steigender Zahl der Einpendelnden nicht mehr so bequem. In der Innenstadt ist man da mit dem Fahrrad viel schneller.“

Ein Drittel aller Wege in Berlin könnten mit dem Fahrrad zurückgelegt werden

Berlin verzeichne auch langfristig eine Zunahme an Radfahrern, erklärt der Verkehrsexperte. „Wir haben einen deutlichen Anstieg der Ganzjahresfahrenden.“ Dies liege jedoch auch an den zuletzt extrem milden Wintern. Laut der bislang neuesten Daten zur Wahl der Verkehrsmittel nutzten die Berliner 2018 auf 18 Prozent aller Wege das Fahrrad. 2013 waren es noch fünf Prozent weniger. Knie sieht noch deutliches Wachstumspotenzial. „Berlin kann einen Radverkehrsanteil von rund einem Drittel aller Wege pro Jahr schaffen. Im Sommer auch deutlich über 40 Prozent.“ Notwendig sei dafür ein gute Infrastruktur. „Wenn man dem Rad mehr Platz einräumt, dann kann man auch mehr Radfahrer auf den Straßen sehen.“

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