Wohnungsmarkt

Deutsche Wohnen begrüßt Aufstieg in die erste Börsen-Liga

Der umstrittene Immobilienkonzern Deutsche Wohnen rückt in den Dax auf. Es ist das erste Berliner Unternehmen im Leitindex seit 2006.

Das Logo des Immobilienkonzerns Deutsche Wohnen ist zu sehen. (Archivbild)

Das Logo des Immobilienkonzerns Deutsche Wohnen ist zu sehen. (Archivbild)

Foto: dpa

Berlin. Jetzt ist es offiziell: Der Berliner Immobilienkonzern Deutsche Wohnen rückt in den Deutschen Aktienindex DAX auf. Er ersetzt die Deutsche Lufthansa. Deutschlands größte Fluggesellschaft steigt zum 22. Juni in den MDax der mittelgroßen Werte ab, wie die Deutsche Börse am Donnerstagabend mitteilte. Grund ist der Kursabsturz des Unternehmens aufgrund der Corona-Krise.

„Wir freuen uns sehr über den Aufstieg in den Leitindex des deutschen Aktienmarktes. Dies belegt unsere erfolgreiche Entwicklung in den vergangenen Jahren", sagte Michael Zahn, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Wohnen SE, anlässlich der Aufnahme in den DAX. "Wir bedanken uns bei unseren Mitarbeitern für ihre großartige Arbeit und bei den Investoren für ihr Vertrauen. Wir nehmen unsere Verantwortung ernst und werden auch weiterhin unseren Beitrag zur Bewältigung der großen Herausforderungen im Wohnungssektor leisten. Die Entwicklung von bezahlbarem und lebenswertem Wohnraum bleibt unsere oberste Priorität. Damit verbunden ist auch das klare Bekenntnis zu Investitionen in den Klimaschutz und Neubau.“

Es war Mitte September 2006, als der vorerst letzte Berliner Konzern aus Deutschlands wichtigstem Aktienindex, dem Dax, herausfiel: Das Pharma-Unternehmen Schering, zuvor übernommen vom Konkurrenten Bayer, musste damals das Feld in der ersten Börsenliga räumen. Seitdem kehrte kein Unternehmen, das seinen Sitz in der deutschen Hauptstadt hat, in den Dax zurück.

Deutsche Wohnen war seit 2010 im MDax notiert

Analysten hatten den Wechsel erwartet. „Die Eingliederung in die Aktienindices durch die Deutsche Börse fußt auf einem regelbasierten System. Demnach besteht eine sehr, sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Deutsche Wohnen in den Dax aufrückt“, sagte Finanzexperte Achim Matzke, Leiter Technische Analyse und Index Research bei der Commerzbank.

Die Aktien der Deutsche Wohnen, seit 2010 am kleineren MDax notiert, erfüllen demnach mit Blick auf die Marktkapitalisierung im Streubesitz an den zurückliegenden Handelstagen im Mai und den Börsenumsatz in den letzten zwölf Monaten alle Voraussetzungen, um in der ersten Börsen-Liga mitzuspielen. Die neue Zusammensetzung des Leitindex wird am 22. Juni wirksam.

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Deutsche Wohnen hat zwei Drittel seiner Bestände in Berlin

Man blicke auch mit Demut auf den Dax-Aufstieg, sagte eine Quelle innerhalb des Konzerns. Denn gerade in Berlin habe Deutsche Wohnen zuletzt in der Kritik gestanden.

Im Großraum Berlin, wo der Konzern mit 116.000 Wohneinheiten etwa zwei Drittel seiner Bestände besitzt, gab es vor allem im vergangenen Jahr Proteste von Mieterinitiativen. Angesichts des angespannten Wohnungsmarkts in der Hauptstadt beschloss der Senat den Mietendeckel.

Die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ sammelte darüber hinaus mehr als 77.000 Unterschriften und nahm so die erste Hürde für ein Volksbegehren. Der Mann hinter der Initiative, Rouzbeh Taheri, sagte am Mittwoch, er habe den Aufstieg der Deutsche Wohnen in den Dax erwartet. „Wir stehen weiter für eine Vergesellschaftung der Immobilienbestände. Es macht uns keine Angst, uns jetzt mit einem Dax-Konzern anlegen zu müssen“, erklärte er.

Wirtschaftssenatorin Pop: Dax-Aufstieg bedeutet Verantwortung

Michael Kunert, Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) in Berlin erklärte, die künftige Notierung in Deutschlands wichtigstem Aktienindex komme einer Adelung für die Deutsche Wohnen gleich. „Berlin ist nach dem Schering-Aus endlich wieder zurück im Dax", sagte Kunert.

Gleichzeitig mahnte der Aktionärsschützer einen besseren Umgang des Senats mit Unternehmen in Berlin an. Der SDax-Konzern Hypoport hatte im vergangenen Jahr nach einem Streit mit dem Senat seinen Sitz von Berlin nach Lübeck verlegt.

Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) kommentierte die künftige Dax-Notierung von Deutsche Wohnen am Mittwoch verhalten: „Mit dem Aufstieg in den Dax rückt die Deutsche Wohnen stärker ins öffentliche Blickfeld. Damit verbindet sich auch die Frage der gesellschaftlichen Verantwortung von Immobilienkonzernen, nicht nur die Renditeerwartung zu betrachten“, sagte Pop.

Wenig begeistert ist Die Linke. „Die DW kauft seit Monaten eigene Aktien zurück, um den Kurs nach oben zu treiben. Das erhöht die Dividende, die Boni und befördert die Aufnahme in den Dax“, sagte Fraktionsmitglied Gaby Gottwald vom Ausschuss für Stadtentwicklung und Wohnen.

„Die Vermietung von Wohnraum ist nur Mittel zum Zweck: Gewinnausschüttung an Anleger und Management. Die Aufnahme in den Dax wird diesen Mechanismus verstärken. Die Mieter sind die Melkkuh für das Geschäftsmodell. Der Mietendeckel gibt fünf Jahre Schutz. Grundsätzlich muss die Dealerei mit Wohnraum aufhören. Der Way out ist die Vergesellschaftung solcher Unternehmen“, sagte Gottwald weiter.

Wirtschaftsforscher sieht Potenzial für weitere Dax-Unternehmen in Berlin

Berlins oberster Standortentwickler, Berlin-Partner-Chef Stefan Franzke, sagte, dass Berlin ein hervorragender Standort für Topunternehmen sei, wüssten große Namen wie Siemens, BMW, Daimler oder Bayer schon lange. Der Deutsche-Wohnen-Aufstieg in den Dax sei ein Grund zur Freude.

„Es zeigt einmal mehr, welchen entscheidenden Erfolgsfaktor die Hauptstadt für Big Player aus den unterschiedlichsten Branchen darstellt. Nachdem bereits heute viel vom Dax in Berlin steckt, wird immer mehr Berlin im Dax zu finden sein“, so Franzke.

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja nannte das neue Dax-Unternehmen eine „gute Nachricht für die Berliner Wirtschaft“. Ziel müsse es sein, dass es nicht bei einem Dax-Konzern in der Stadt bleibe.

Wirtschaftsforscher sieht Aufwärtstrend für Berlin

Für die Deutsche Wohnen selbst ändert sich durch die Zugehörigkeit in Deutschlands höchstem Aktienindex erstmal nicht viel: Die Aufmerksamkeit nehme zu, so Analyst Achim Matzke, „Das ist ein bisschen wie beim Fußball: Wenn Sie in einer höheren Liga mitspielen, haben Sie im Regelfall auch mehr Zuschauer, sprich Investoren“, sagte er.

Wirtschaftsforscher Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hält den Einzug der Deutsche Wohnen in den Dax auch für ein Signal, das den Aufwärtstrend von Berlin unterstreicht. Das Potenzial an vielen jungen und gut ausgebildeten Menschen mache es möglich, weitere Großunternehmen hervorzubringen. Als künftige Berliner Kandidaten für den Dax sieht Voigtländer den Internethändler Zalando und den Online-Bestellplattformen-Betreiber Delivery Hero.

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