Wohnungsbau

Die Kräne drehen sich: Berlins Baubranche trotzt Corona

Die Pandemie hat viele Branchen hart getroffen. Berlins Bauwirtschaft trotzt der Krise bislang, wie ein Baustellenbesuch zeigt.

Auf der Degewo-Baustelle an der Dessauer Straße in Lankwitz ist genug Raum, um die Abstandsregeln einzuhalten. Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services 

Auf der Degewo-Baustelle an der Dessauer Straße in Lankwitz ist genug Raum, um die Abstandsregeln einzuhalten. Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services 

Berlin.  Wenn es stimmt, was die Virologen sagen, hat das Coronavirus auf der Baustelle an der Dessauer Straße in Lankwitz keine Chance auf Verbreitung. Erbarmungslos brennt die Sonne auf die wüste Landschaft aus Baugruben, Containern und Betonfertigteilen. Der aufgewühlte märkische Sand ist unter den schweren Reifen der Baufahrzeuge zu einem feinen Pulver zermahlen, der sich wie ein Nebel über Menschen und Material legt.

„Bis jetzt ist auch noch niemand auf unserer Baustelle erkrankt“, sagt Bauleiter Henrik Weber. Er setzt nicht nur auf das schöne Wetter, damit das auch weiterhin so bleibt.

„Wir mussten einiges umorganisieren, aber im Wesentlichen läuft alles planmäßig“, so der Bauingenieur von der Firma Johann Bunte. Das Unternehmen ist seit Oktober 2019 dabei, an der Dessauer Straße im Auftrag der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Degewo neun Wohnhäuser hochzuziehen.

Baubranche und Corona: Lieferengpässe behoben

In den drei- bis achtgeschossigen Gebäuden sollen insgesamt 259 Wohnungen entstehen. Die Hälfte der Wohnungen sollen als sozialgeförderter Wohnraum an WBS-Berechtigte zu durchschnittlich 6,50 Euro je Quadratmeter nettokalt vermietet werden. Der frei finanzierte Teil kostet durchschnittlich unter zehn Euro je Quadratmeter, informiert Kerstin Anke, die als Architektin der Degewo das Projekt begleitet.

„Natürlich bekommen auch wir die Corona-Krise zu spüren“, berichtet Bauleiter Weber bei einem Rundgang über die Baustelle. So sei es zu Lieferengpässen etwa bei den Balkonen und Betonfertigteilen gekommen, die in Polen hergestellt würden. „Da kam es anfangs zu langen Wartezeiten, als die Lkw an der Grenze zu Polen im Stau standen, die Bilder sind ja um die ganze Welt gegangen“, so der Bauleiter weiter. Inzwischen habe sich die Situation aber zum Glück wieder normalisiert.

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Weniger Probleme bereitet auf der mehr als 17.000 Quadratmeter großen Baustelle die Einhaltung der Abstandsregeln. „Platz genug haben wir ja“, sagt Sebastian Schönfelder, der wie sein Kollege Weber als Bauleiter an der Dessauer Straße im Einsatz ist. „Außerdem arbeiten ja immer mehrere Kolonnen getrennt voneinander, verteilt auf die unterschiedlichsten Gewerke“, ergänzt Weber. Da wären etwa die Maurer, die Eisenflechter, die Einschaler, die Erdbauer und die Kranführer. Hinzu käme, dass derzeit weniger Mitarbeiter als üblich auf der Baustelle seien.

Warten auf die Maurerkolonne aus Polen

„Wir warten noch auf eine Maurerkolonne aus Polen“, berichtet Weber. Die sechs Bauarbeiter seien über Ostern in ihre Heimat nach Polen gefahren und hätten dort die vorgeschriebene Quarantäne abwarten müssen. „Eigentlich sollten sie seit Montag wieder hier sein, sind sie aber noch nicht“, sagt Weber. Nun erwarte er sie in der kommenden Woche zurück. Trotzdem: Immerhin 43 Menschen sind derzeit auf der Baustelle im Einsatz, da käme es auch auf die Einhaltung der Corona-Hygieneregeln an.

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Einer von denen, die über Ostern in Berlin geblieben und auf Heimaturlaub verzichtet haben, stammt aus Rumänien. „Ich arbeite seit 20 Jahren auf Baustellen überall in Deutschland“, berichtet Bogdan auf Englisch; Deutsch spreche er leider nicht. Auf dem Dach des im Rohbau bereits schon bis zur dritten Etage emporgewachsenen Hauses Nummer Sieben mauert er gemeinsam mit einem Landsmann die tragenden Wände für die nächste Etage. Bevor er Anfang dieses Jahres zur Baustelle an der Dessauer Straße gekommen sei, sei er in Stuttgart gewesen, berichtet der Maurer. „Zuhause war ich nun schon sechs Monate nicht mehr, aber das bin ich gewohnt“, sagt Bogdan. Angst vor dem Coronavirus habe er keine: „Wir arbeiten ja seit Wochen immer mit den gleichen Leuten zusammen, von uns ist keiner krank“, sagt er.

Ähnlich sieht das auch Zimmermann Detlef Kahra. „Wir arbeiten ganz normal, Kurzarbeit gibt es bei uns zum Glück nicht“, so der Berliner. Vor Corona habe er ohnehin keine Angst. „Ich bin 55 Jahre alt, da habe ich eher die Sorge, ob meine Knochen noch weitere zehn Jahre mitmachen“, scherzt er. Außerdem gelinge es „fast immer“, die 1,5 Meter Abstand einzuhalten. Bisher sei auch noch keiner seiner Kollegen aus der Zimmerei erkrankt, und zu den anderen gebe es ohnehin kaum Kontakt. „Wir sind ja immer an der frischen Luft, das härtet ab“, ergänzt der Zimmermann.

Wasserspender lassen sich mit dem Knie bedienen

Während des Rundgangs über die Baustelle rollt ein Lkw an, beladen mit Dixie-Toiletten. „Die werden natürlich regelmäßig ausgetauscht“, berichtet Bauleiter Weber. Allerdings sei an die Toiletten mit Desinfektionsspender derzeit nicht heranzukommen. „Die sind leider vergriffen“, sagt Weber. Doch man habe sich zu helfen gewusst: „Wir haben extra eine mobile Station zum Desinfizieren der Hände aufgestellt“, sagt Weber.

Er führt an eine Ecke der Baucontainer, in denen die Bauarbeiter ihren Pausenraum haben. Das Wasser lässt sich per Druck mit dem Knie bedienen, der Spender mit dem Desinfektionsmittel wird per Ellenbogen betätigt.

Der Behälter mit den Papierhandtüchern jedoch war dem rauen Zugriff der Bauleute ganz offensichtlich nicht gewachsen: Als Weber die Funktionsweise vorführen will, fällt dieser prompt auseinander. „Tja, da werden wir uns wohl was einfallen lassen müssen“, seufzt der Bauleiter.

Schichtplan für den Pausenraum

Extra-Lösungen seien zudem auch für die Pausengestaltung der Bauarbeiter notwendig geworden. Statt wie bisher acht dürften in Zeiten des Abstandsgebots nun nur noch vier Arbeiter gleichzeitig hier ihre Frühstücks- und Mittagspausen verbringen. „Gegessen wird jetzt nur noch truppweise im Schichtbetrieb, das hat sich inzwischen eingespielt“, sagt Weber.

Froh darüber, dass die Baubranche, anderes als viele andere Berufsgruppen, derzeit relativ glimpflich durch die Corona-Krise gekommen ist, ist auch die Degewo-Bauwerk-Architektin Kerstin Anke. Sie schaut regelmäßig nach dem Baufortschritt. „Bisher spricht nichts dagegen, dass wir wie geplant im Januar 2022 fertig werden“, sagt sie. Auch wenn es lange gedauert habe am Standort Dessauer Straße: „Jetzt geht es zügig voran“.

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25 Jahre lang wuchs lediglich das Unkraut

Die Architektin spielt auf die lange Phase an, in der an der Dessauer Straße nichts außer Gestrüpp emporwuchs. Vor mehr als 25 Jahren war die ehemalige Bröndby-Oberschule wegen akuter Asbestgefahr geschlossen worden. Alle Pläne, das Gebäude zu sanieren oder zu verkaufen, scheiterten. Im Dezember 2013 übertrug der Berliner Senat das Grundstück schließlich an die Degewo. Doch bevor diese mit dem Bauen beginnen konnte, musste das schadstoffbelastete Gebäude abgerissen und ein langwieriges Bebauungsplanverfahren durchlaufen werden.

Im Oktober vergangenen Jahres war es dann endlich so weit: Auf dem Gelände entstehen neun Gebäude mit 259 Ein- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen. Zusätzlich werden eine betreute Wohngemeinschaft mit acht Plätzen, eine Kindertagesstätte mit 36 Plätzen, ein Kinderspielplatz sowie 99 Pkw-Stellplätze in einer Tiefgarage und im Außenbereich, außerdem 521 Fahrradabstellplätze errichtet.

Die 35 bis 109 Quadratmeter großen Wohnungen seien begehrt: „Erste Interessenten aus der Nachbarschaft haben sich bereits gemeldet“, berichtet Kerstin Anke.