Corona in Berlin

Senatorin Günther: Pop-up-Radwege sollen dauerhaft bleiben

Die neuen Radwege seien schwach ausgelastet, bemängelt der ADAC. Verkehrssenatorin Günther will die Strecken dauerhaft behalten.

An der Zossener Straße im Bezirk Kreuzberg sind die Radwege bereits verbreitert.

An der Zossener Straße im Bezirk Kreuzberg sind die Radwege bereits verbreitert.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Am Donnerstag waren die Straßenarbeiter wieder unterwegs. Mit gelben Markierungen und Barken wiesen sie den neuen temporären Radweg am Schöneberger Ufer aus. Es ist der erste sogenannte Pop-up-Radweg im Bezirk Mitte. Er beginnt an der Potsdamer Brücke und schließt an die ebenfalls neu geschaffenen Verbindungen in Friedrichshain-Kreuzberg an. Während der Corona-Pandemie sind dort für Radfahrer in kürzester Zeit provisorische Wege beinahe durchgängig vom Kulturforum bis zur Oberbaumbrücke entstanden. Auch an anderen Straßen werden zügig neue Radwege eingeführt. Doch während viele Radfahrer jubeln, kommen auch kritische Stimmen auf, die den Nutzen der Wege hinterfragen.

Am Donnerstag meldete sich der Automobilclub ADAC zu Wort und griff das Vorgehen von Bezirken und Senatsverkehrsverwaltung scharf an. „Der Senat nutzt eine Notsituation aus, um Partikularinteressen zu verfolgen. Das ist alles andere als sachgerecht“, sagte Volker Krane, Verkehrsvorstand des ADAC Berlin-Brandenburg. Der temporäre Rückgang des Straßenverkehrs dürfe nicht dazu genutzt werden, dauerhafte Umverteilungen des Verkehrsraumes durchzusetzen. „Das würde außerhalb der aktuellen Sondersituation kaum Aussicht auf öffentliche Akzeptanz haben“, sagte er.

Vor-Ort-Untersuchung der Radwege

Seine kritische Haltung zu den Radwegen stützt der Automobilclub auf eine eigens durchgeführte Vor-Ort-Untersuchung. Am vergangenen Freitag sowie Montag und Dienstag dieser Woche beobachteten Mitarbeiter im Berufsverkehr zwischen 7 und 9 Uhr den Verkehr an den fünf zu diesem Zeitpunkt im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg eingerichteten Pop-up-Radwegen. Sie hätten in dieser Zeit ein „minimales Radverkehrsaufkommen“ registriert.

An der Gitschiner Straße in Kreuzberg zählte der ADAC demnach am Montagmorgen 116 Radfahrer auf dem neuen Weg. In der selben Zeit hätten hingegen 1194 Kraftfahrzeuge den Messpunkt passiert. Etwas weniger deutlich soll die Differenz auf der Petersburger Straße ausgefallen sein. Dort seien am Dienstagmorgen 195 Radfahrer und 987 Autos oder Lkw entlanggefahren. Der zahlenmäßige Unterschied wird jedoch auch an dieser Straße deutlich. Im Durchschnitt, so der ADAC, seien sieben Mal mehr Pkw als Radler unterwegs gewesen.

„Auch wenn der Pkw-Verkehr an den betroffenen Abschnitten aktuell noch fließt, bedeutet das nicht, dass dies auch nach Ende der pandemiebedingten Einschränkungen der Fall sein wird“, betont Krane. Laut ADAC sei davon auszugehen, dass der Kfz-Verkehr nach und nach wieder auf sein früheres Niveau ansteigen werde. Dann käme es zu Kapazitätsengpässen. „Wir erwarten deshalb ein klares Bekenntnis der Politik, dass diese Radwege zurückgebaut werden, sobald der Pkw-Verkehr wieder zunimmt“, fordert Verkehrsvorstand Krane.

Senatorin Günther: Strecken sollen dauerhaft bleiben

Ähnlich äußerte sich der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Christian Amsinck: „Die Senatsverwaltung für Verkehr baut im Handstreich den Verkehrsraum in Berlin um, ohne die Belange der Wirtschaft zu berücksichtigen.“ Dabei halte gerade in der aktuellen Zeit der Wirtschaftsverkehr die Stadt am Leben. „Das Argument, Radfahrer vor Corona-Ansteckungen schützen zu wollen, halten wir für vorgeschoben“, erklärt Amsinck. Vielmehr gehe es offenbar darum, „im Windschatten der Epidemie Fakten zu schaffen.“ Zusätzliche Staus durch reduzierte Fahrspuren seien programmiert, sobald der Verkehr wieder zunehme, warnt Amsinck und mahnt: „Beim Versuch, zur wirtschaftlichen Normalität zurückzukehren, darf die Politik den Unternehmen keine Steine in den Weg legen.“

Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) konterte die Angriffe am Donnerstag. Dass der Senat eine Notsituation ausnutze, wies sie zurück. „In der Corona-Krise kommt es darauf an, die Mobilität in der Stadt bestmöglich zu verteilen, damit das Abstandsgebot eingehalten werden kann.“ Die Verwaltung zöge daher nun längst geplante Verbesserungen der Radinfrastruktur an den Straßen vor, die dafür geeignet seien, damit die Berliner mobil bleiben könnten. Die Verkehrssenatorin bestätigte zudem die Befürchtung von ADAC und UVB, wonach es bei den neuen Radwegen nicht bei temporären Lösungen bleiben werde.

„Unser Ziel ist es, aus den vorgezogenen Maßnahmen möglichst überall dauerhafte Anordnungen zu machen“, sagte sie. Ohnehin geplante Strecken sollten möglichst schnell vom Provisorium zum Dauerzustand werden. „Insofern ist dieses Handeln nicht nur sachgerecht, sondern geboten.“ Vorwürfe, die neuen, breiten Radwege ließen den Wirtschaftsverkehr im Stau ersticken, wies Günther zurück. „Weniger Staus in der Stadt wird es durch weniger Autos und mehr Radfahrende geben. Wir wollen mit der Stärkung des ÖPNV und des Rad- und Fußverkehrs den Platz besser und gerechter verteilen.“ Dann, so die Senatorin, kämen auch jene besser durch, die auf das Auto angewiesen seien.

Auch Felix Weisbrich, Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes Friedrichshain-Kreuzberg weist die Kritik zurück. Die Zahlen des ADAc seien eine "nicht repräsentative Momentaufnahme". Der Radverkehr nehme mit den steigenden Temperaturen jeden Tag zu. Zudem würden Gewöhnungseffekte erst mit der Zeit eintreten. "Wenn das Fahren bisher nur unter erheblicher Gefährdung möglich war, haben Radfahrer diese Strecken weitestgehend gemieden. Jetzt wird er stärker genutzt werden." Zudem habe auch ein nach Ansicht des ADAC geringerer Anteil der Verkehrsteilnehmer ein Anrecht auf eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr, so Weisbrich.