Die Immobilienkonzerne Deutsche Wohnen und Vonovia haben eine Fusion vereinbart. Entsprechende Berichte der Nachrichtenagentur Bloomberg bestätigte Vonovia am späten Montagabend in einer Mitteilung. Vonovia will demnach ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für sämtliche ausstehende Aktien der Deutsche Wohnen unterbreiten. Vonovia biete 53 Euro je Aktie der Deutschen Wohnen; das entspricht einem Gesamtwert von 18 Milliarden Euro. Teil der Übernahme könnte auch der Rückkauf größerer Wohnungsbestände durch das Land Berlin sein.

Vorstand und Aufsichtsrat der Deutsche Wohnen begrüßten das geplante Übernahmeangebot der Vonovia und empfahlen ihren Aktionären, das Angebot anzunehmen. Durch den Zusammenschluss entstehe Europas größter Wohnimmobilienkonzern mit einer Marktkapitalisierung von voraussichtlich rund 45 Milliarden Euro und einem Immobilienportfoliowert in Höhe von knapp 90 Milliarden Euro.

Der Vollzug der Transaktion wird für Ende August 2021 erwartet, sofern die Kartellbehörden zustimmen. Das kombinierte Unternehmen soll den Namen „Vonovia SE“ führen. Der Sitz solle in Bochum bleiben, geführt werden soll es aus Bochum und Berlin. Michael Zahn, bislang Vorstandsvorsitzender der Deutschen Wohnen, soll stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Vonovia werden.

Mietendeckel in Berlin - mehr zum Thema:

Vonovia und Deutsche Wohnen fusionieren - "Keine betriebsbedingten Kündigungen"

Die Unternehmen stellten eine enge Zusammenarbeit mit der Politik und Lösungen insbesondere für den Berliner Wohnungsmarkt in Aussicht. Zudem wurden Versprechen an Mieterinnen und Mieter formuliert.

  • In der Mitteilung beider Unternehmen heißt es wörtlich: "Im Zuge des Zusammenschlusses von Deutsche Wohnen und Vonovia übernehmen die beiden Unternehmen Verantwortung für eine soziale und nachhaltige Wohnungspolitik. Als größte private Wohnungsanbieter in Berlin haben sie mit dem Land Berlin einen 'Zukunfts- und Sozialpakt Wohnen' geschlossen. Außerdem haben die Parteien vereinbart, dass sie keine betriebsbedingten Beendigungskündigungen mit Wirkung zu einem Datum vor dem 31. Dezember 2023 im Zusammenhang mit der Transaktion aussprechen werden."
  • Mietsteigerungen sollen bis 2026 begrenzt werden: In den nächsten drei Jahren sollen laut Mitteilung die Mieten in Berlin maximal um ein Prozent pro Jahr steigen, in den nächsten beiden Jahren nicht stärker als die Inflationsrate.
  • Die Unternehmen planen eigenen Angaben zufolge auch, den Neubau in Berlin anzukurbeln. Dies soll 13.000 neue Wohnungen umfassen.
  • Zudem sollen die Kosten für die Sanierung des Wohnungsbestandes nicht voll auf die Mieter umgelegt werden.
  • Im Zuge der Übernahme kann Berlin 20.000 Wohnungen übernehmen. Welche das sind, ist noch nicht klar. „Mir liegen die Bereiche am Herzen, wo es soziale Probleme gibt“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD). „Mir liegen die Groß-Siedlungen am Herzen.“

Durch den Zusammenschluss wollen Vonovia und Deutsche Wohnen ein „mieterorientiertes und gesellschaftlich verantwortungsvolles Wohnungsunternehmen“ schaffen. „Das Marktumfeld ist für Vonovia und Deutsche Wohnen in den vergangenen Jahren immer ähnlicher geworden. Jetzt ist der richtige Moment, die erwiesene Leistungsfähigkeit und Stärken beider Unternehmen zu vereinen“, erklärte Deutsche Wohnen-Chef Michael Zahn.

Deutsche Wohnen besitzt in Berlin gut 113.000 Wohneinheiten

Ein erster Übernahmeversuch der Deutschen Wohnen durch die Vonovia vor vier Jahren war gescheitert - am Widerstand der Aktionäre der Deutsche Wohnen. Der Übernahmekandidat hatte die Offerte als feindlich bezeichnet und als nicht im besten Interesse seiner Anteilseigner. Zu Beginn des vergangenen Jahres hatte Vonovia Kreisen zufolge erneut einen Kauf erwogen. Am Ende der Erwägungen habe der Konzern aber entschieden, von dem Vorhaben Abstand zu nehmen, berichtete Bloomberg damals.

Die Deutsche Wohnen gilt als größter Vermieter Berlins und besitzt in der Hauptstadt gut 113.000 Wohneinheiten. Derzeit sammelt eine Initiative Unterschriften gegen den Konzern. „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ will Immobilien von Unternehmen in Berlin gegen eine Milliardenentschädigung vergesellschaften. Zum Stichtag am 26. September 2021 geht es um Unternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen. An dem Tag soll voraussichtlich über einen entsprechenden Volksentscheid abgestimmt werden.

Michael Müller erläutert Auswirkungen der Fusion für Berlin

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) beantwortete Fragen zur Fusion bei einer Pressekonferenz am Dienstagvormittag. Dabei waren auch Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD), der Chef der Vonovia, Rolf Buch, und der Chef der Deutsche Wohnen, Michael Zahn.

Franziska Giffey, Spitzenkandidatin und Landesvorsitzende der SPD Berlin, erklärte: „Ein großes Unternehmen wie die neue Vonovia SE hat auch eine große Verantwortung für die Stadt. Die Vonovia will ein neues mieterorientiertes und gesellschaftlich verantwortungsvolles Unternehmen schaffen. An diesem Ziel muss sie sich messen lassen. Die Zusagen für die Begrenzung von Mietsteigerungen, für den Verkauf von 20.000 Wohnungen an das Land Berlin und auch die Neubaupläne für bezahlbare Wohnungen sind ein gutes Signal – auch für den sozialen Frieden in der Stadt." Jetzt müsse dafür gesorgt werden, dass diese Zusagen erfüllt werden. "Die Vonovia hat gerade in ihrem Umgang mit dem Bundesverfassungsgerichtsurteil zum Mietendeckel mit dem Verzicht auf Mietnachforderungen gezeigt, dass sie dem verantwortungsvollen Umgang mit ihren Mieterinnen und Mietern auch gerecht wird", so Giffey weiter.

Die Grünen-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl, Bettina Jarasch, teilte am späten Montagabend bei Twitter mit: "Wenn Vonovia die Deutsche Wohnen übernimmt, hält sie fast zehn Prozent der Berliner Wohnungen. Wer eine solch große Machtkonzentration anstrebt, muss zeigen, dass das einen Mehrwert für die Berliner*innen hat."

Sie erwarte, dass Vonovia sich als verantwortungsvolles Unternehmen erweist und "ein Konzept für eine langfristig gute, sozialverträgliche und ökologische Bewirtschaftung der Bestände in Kooperation mit den Mieter*innen vorlegt". Es brauche verbindliche Vereinbarungen zu Themen wie Mieterhöhungsstopp und bezahlbarem Neubau. Zu Gesprächen mit der Vonovia zu diesen Zielen stehe sie bereit.

Der Berliner CDU-Vorsitzende Kai Wegner erklärte: "Die Übernahme der Deutsche Wohnen durch Vonovia kann eine Chance für die Mieterstadt Berlin sein. Der in Aussicht gestellte Zukunfts- und Sozialpakt Wohnen ist ein dringend benötigter Baustein, um das faire Miteinander auf dem Berliner Mietwohnungsmarkt zu stärken. Es ist bezeichnend, dass die Initiative für eine Zusammenarbeit aller Akteure von privaten Unternehmen statt vom Senat kommt."

Die Berliner Landesvorsitzende der Linken, Katina Schubert, stellte bei Twitter klar: "Die Berliner Bestände können auch bei einem Kauf der Deutsche Wohnen vergesellschaftet werden."

Enteignungsinitiative: "Wir haben einen Dax-Konzern in die Knie gezwungen"

Die Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ schrieb am Dienstag bei Twitter: "Miethai frisst Miethai: Raider heißt jetzt Twix, aber ohne Enteignung ändert sich nix." Sprecher Rouzbeh Taheri teilte mit: „Der Druck unserer Kampagne wirkt: Deutsche Wohnen hat sich für eine Übernahme durch Vonovia entschieden in der Hoffnung, dass die Berliner:innen durch einen Namenswechsel das Volksbegehren nicht mehr unterstützen. Wir haben damit einen Dax-Konzern in die Knie gezwungen."

Er sei optimistisch, dass das Volksbegehren erfolgreich sein werde. „Auch der fusionierte Wohnungskonzern wäre von einer Vergesellschaftung aller Wohnungsunternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen in Berlin betroffen, wie sie die Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen anstrebt“, teilte die Initiative weiter mit.

Berliner Mieterverein nennt Vonovia-Sozialangebot „heiße Luft“

Die angestrebte Fusion der Immobilienkonzerne Vonovia und Deutsche Wohnen bringt den Mietern in der Hauptstadt nach Einschätzung des Berliner Mietervereins nichts. Das Gegenteil sei der Fall, erklärte Geschäftsführer Reiner Wild am Dienstag. „Durch die Refinanzierung des 18-Milliarden-Euro-Kaufpreises wächst der Druck auf Mieten“, sagte er. „Besonders leidtragend werden die Wohnungssuchenden sein. Denn bei Wiedervermietung machen beide Konzerne derzeit ein dickes Geschäft, weil sie die Ausnahmen von der Mietpreisbremse nutzen.“

Den von beiden Konzernchefs angekündigten „Zukunfts- und Sozialpakt Wohnen“ wertete Wild als „heiße Luft“. Denn es sei kein über das Mietrecht hinausgehendes Mieterschutzangebot erkennbar. Das Angebot an Berlin, rund 20 000 Wohnungen zu kaufen, sei gut, aber ebenfalls kein Geschenk. „Berlin wird pro Wohnung deutlich mehr zahlen müssen als Vonovia jetzt für die Wohnungen der Deutsche Wohnen finanziert. Mit anderen Worten: Der Verkauf an Berlin refinanziert zum Teil die Fusion.“

bee/dpa/afp