Mode und Corona

Die Berliner Modebranche hängt in der Warteschleife

Corona trifft auch die Modebranche. Designer leiden vor allem an der Ungewissheit, andere werden in der Krise kreativ.

Auerbach-Geschäftsführer Jan-Henrik M. Scheper-Stuke bietet Mund-Nasen-Maske für den stilbewussten Berliner.

Auerbach-Geschäftsführer Jan-Henrik M. Scheper-Stuke bietet Mund-Nasen-Maske für den stilbewussten Berliner.

Foto: Carsten Koall / dpa

Berlin. Das It-Piece der Saison Frühjahr/Sommer 2020 ist die Mund-Nasen-Maske. Kommen sehen hat diesen Trend wohl niemand. Die Corona-Krise trifft auch die Modebranche mit voller Wucht. Ein Saisongeschäft, das von unbeschwertem Konsum lebt, nach dem vielen Menschen derzeit nicht zumute ist.

Das Jahr habe mit seiner Show auf der Berliner Fashion Week hoffnungsvoll angefangen, sagt Designerin Kilian Kerner. Kollektionen mit Kooperationspartnern seien im Gespräch gewesen – nun sei alles abgesagt. Für Kleinunternehmer wie den Modemacher und seine Linie KXXK wird die unkalkulierbare Situation bereits innerhalb von wenigen Wochen existenzbedrohlich. „Wer soll das überleben, mehrere Monate keinen Umsatz zu machen?“, sagt Kerner. Laufende Kosten blieben bestehen, einen Kredit aufnehmen bedeute, danach hoch verschuldet zu sein.

Um sich nicht ganz den äußeren Umständen zu ergeben und dabei noch einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, hat sich Kerner entschieden, in seinem Onlineshop selbst designte Mund-Nasen-Masken anzubieten. Vom Verkaufspreis in Höhe von 14,95 Euro gehen fünf Euro an die Berliner Tafel.

Als eine der ersten setzte die Berliner Krawatten- und Schleifenmanufaktur Auerbach auf Masken für Stilbewusste. 18 Euro kosten die Modelle aus Baumwolle oder Baumwoll-Gemischen, für 49 Euro gibt es auf Nachfrage auch Entwürfe mit Seidenanteil.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengetragen.

In unserem Newsblog berichten wir über die aktuellen Corona-Entwicklungen in Berlin und Brandenburg. Die deutschlandweiten und internationalen Coronavirus-News können Sie hier lesen.

Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet.

Alle weiteren wichtigen Informationen zum Coronavirus bekommen Sie hier. Die aktuelle Auslastung der Intensivstationen in Deutschland finden Sie in unserem Klinik-Monitor.

„Wir verwenden unsere regulären Stoffe für die neue Kollektion“, sagt Geschäftsführer Jan-Henrik Scheper-Stuke. „Wer weiß denn schon, ob wir im Sommer Einstecktücher brauchen werden.“ Die Nachfrage ist so hoch, dass die Lieferzeit derzeit zwischen zehn und 14 Tagen beträgt. Von ursprünglich sieben Näherinnen wurde auf 35 bis 40 erhöht. Alle arbeiten freiberuflich im Homeoffice in Berlin.

Immerhin, nach der Schockstarre der ersten Wochen sei mittlerweile auch bei regulären Kollektionsteilen eine leichte Steigerung beim Absatz im Onlineshop zu beobachten, sagt Designerin Malaika Raiss. Ein Ersatz sei das aber nicht. „Das Geschäft zwischen Valentinstag und Ostern ist normalerweise super. Gerade haben wir jedoch einen Rückgang von bis zu 70 Prozent.“ Hinzu komme, dass der Einzelhandel Zahlungen bereits vor sechs Wochen eingestellt habe. Wie es mit der neuen Kollektion weitergeht, ist für Malaika Raiss derzeit unklar.

Das hängt auch damit zusammen, dass sie einen Großteil ihrer Stoffe aus Italien bezieht. Um noch planmäßig im Juli ausliefern zu können, müsse ab Mitte Mai produziert werden. Mit acht Angestellten, zwei davon fest und aktuell in Kurzarbeit, konnte die Designerin immerhin die Corona-Krise-Soforthilfe bei der Investitionsbank Berlin beantragen. Nach vier bis sechs Wochen werde die Situation dennoch schwierig. Neue Kredite wolle sie eigentlich nicht mehr aufnehmen. Dennoch: „Die Motivation im Team aufrechtzuerhalten klappt bisher gut“, sagt Raiss. „Und es ist schön zu sehen, dass in der Krise mein soziales Netzwerk funktioniert.“

Digitalisierung als Chance für die Zukunft der Modebranche

Wie in vielen anderen Bereichen könnte die aktuelle Krise auch für die Modebranche eine Chance zur Beschleunigung der Digitalisierung sein. Wer noch keinen Onlineshop hat, legt sich spätestens jetzt einen zu. Die Mercedes-Benz Fashion Week Russia fand am 4. und 5. April bereits virtuell statt. Die Designer zeigten ihre Entwürfe als Video-Präsentationen oder als Online-Lookbooks. Ähnliches halten auch Berliner Modemacher für denkbar. „Das wird die Branche für immer verändern – hin zu mehr Digitalität weg vom vielen Reisen“, glaubt Taschendesignerin Lili Radu. „Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht.“

Bei der Berliner Fashion Week und der Modemesse Premium war man lange optimistisch, dass die Sommerausgabe wie geplant stattfinden kann. Mit dem Beschluss, Großveranstaltungen frühestens ab September wieder durchführen zu lassen, dürfte das allerdings schwierig werden.

Im Austausch mit Senat, Designern und internationalen Kollegen werden nun spätere Termine oder eine komplett virtuelle Lösung diskutiert, sagt Marcus Kurz, Geschäftsführer des Fashion-Week-Veranstalters Nowadays: „Es wird in irgendeiner Form eine Fashion Week geben, so viel ist sicher.“

Auf der Webseite der Premium ist der Zeitraum 30. Juni bis 2. Juli 2020 bisher noch immer gesetzt. Denkbar sei eine Verschiebung auf einen späteren Zeitpunkt, so Initiatorin Anita Tillmann in einer Mitteilung. „Sobald wir ein Datum bestätigen können, werden wir auch ein neues Konzept vorstellen, das an die aktuelle Situation angepasst ist.“ Die Messe sei regelmäßig mit den Ausstellern in Kontakt, so Premium-Pressesprecherin Lisa Wilhelm. „Trotz Krise macht die Branche einen zuversichtlichen Eindruck. Alle freuen sich auf die Zeit danach.“

Positiv bleiben, diese Strategie verfolgt auch Designerin und Lala-Berlin-Gründerin Leyla Piedayesh. Finanzielle staatliche Unterstützung erhält die Berliner Unternehmerin mit etwa 50 Mitarbeitern bisher nicht. Dennoch ist die 50-Jährige weit davon entfernt, sich zu beschweren. „Die Regierung macht gerade viel richtig. Ich fühle mich sicher, was meine Gesundheit angeht“, sagt die gebürtige Iranerin. Piedayesh gründete Lala Berlin 2004, das Label entwickelte sich von einer selbst gestrickten Kollektion hin zum High-Fashion-Liebling von Prominenten wie Heike Makatsch, Hannah Herzsprung und Nina Hoss.

Die Marke sei organisch gewachsen, sagt Piedayesh, am Anfang sei sie auch mit weniger Ressourcen ausgekommen. „Und wenn alles den Bach runtergeht, muss ich eben die Schaufel in die Hand nehmen und wieder von vorne anfangen.“ Ihre Mitarbeiter seien aktuell alle im Homeoffice, der Fokus liege auf dem Onlineshop und der Kollektion, die schon produziert sei.

„Ich lasse den Motor laufen, alles andere könnte ich meinen Mitarbeitern gegenüber gar nicht verantworten. Trotzdem plane ich gerade nur von Tag zu Tag. Man muss flexibel bleiben, sonst nimmt man sich auch ein Stück Freiheit. Vielleicht können wir das aus der Krise lernen.“ Wünschenswert sei als Lektion zudem ein Umdenken beim Thema Fast Fashion – weniger unbedachter Konsum, mehr Wertigkeit, so Leyla Piedayesh.