Erfahrungsbericht

Erst kam das Fieber ins Homeoffice - dann Corona

Unerwartet trifft es die Familie und einen selbst – Corona-positiv. Doch vieles läuft dann anders als man glaubt. Ein Protokoll.

Bund und Länder empfehlen "dringend" Maskennutzung in der Öffentlichkeit

Bund und Länder empfehlen "dringend" die Nutzung von Gesichtsmasken in der Öffentlichkeit. Wegen der Coronavirus-Pandemie gelten noch mindestens bis 3. Mai strenge Kontaktbeschränkungen. Schrittweise Lockerungen sind mittelfristig geplant.

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Berlin. Am siebten Tag, an dem mein Mann fieberte, kam das Ergebnis aus dem Labor: Corona positiv. Wir hatten es allein unserem Hausarzt zu verdanken, dass wir nun endlich Bescheid wussten. Tagelang dachte die Familie, auch mein Mann selbst, es sei eine etwas heftige Grippe.

Seit einer Woche arbeiteten wir beide im Homeoffice, und unsere Wohnung entpuppte sich nun als ziemlich fußkalt. An einem Sonnabend hatte bei meinem Mann das Fieber eingesetzt und ging nicht mehr weg. Immer zwischen 38 und 39 Grad, nie höher, aber auch nie weg.

Am fünften Fiebertag wurde es uns unheimlich, mein Mann war nun aller Hausmittelchen wie heiße Zitrone oder Bronchialtee überdrüssig, er aß kaum und schlief nur noch stundenweise, seine Tage und die Nächte verschwammen. Nein, das war keine normale Grippe.

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Unser Hausarzt machte ein paar Tage Pause, um seine Sprechstundenhilfen zu schonen und weil die Schutzkleidung langsam ausging, und so rief mein zunehmend verzweifelter Mann die Corona-Hotline an. Die Frau von der Hotline stellte ihm zwei knappe Fragen: Kennen Sie jemanden, der auf Corona positiv getestet wurde? Und: Waren sie vor kurzem in einem Corona-Gebiet im Ausland? Zweimal sagte mein Mann nein. „Dann sind Sie kein Fall für uns“, beschied die Hotline-Dame. Sprich: Wir testen Sie nicht. Ende des Gesprächs.

Die Covid-19-Erkrankung nimmt ihren Lauf

Unser Hausarzt sieht das anders. Er merkt, da stimmt etwas nicht. Also öffnet er kurzfristig seine Praxis, allein, ohne Sprechstundenhilfen. Er horcht ihn ab, nimmt Blut ab, testet ihn auf Corona und Influenza. Als zwei Tage später das Ergebnis da ist, ein Freitagabend, ruft er uns gleich an. Eine leichte Lungenentzündung rechts, höhere Entzündungswerte im Blut, dazu die lange Fieberzeit. Und der Corona-Test – positiv. „Ich schlage vor, er geht ins Krankenhaus.“ Eine Covid-19-Erkrankung, nun nahm sie ihren Lauf.

Wir packen eine kleine Tasche, ich versuche unsere Kinder auf das einzustellen, was nun kommen würde. Womöglich Sanitäter in Schutzanzügen wie in den TV-Nachrichten. Anruf bei der Berliner Feuerwehr, 112. Es meldet sich ein netter Kerl, ich erkläre unseren Fall. Sein Vorschlag: „Haben Sie ein Auto? Können Sie nicht selbst Ihren Mann ins Krankenhaus fahren?“ Klar kann ich fahren, sage ich, aber wie gesagt, er sei Corona positiv getestet, und wir in der Familie zeigten auch Symptome. „Meinen Sie, es ist wirklich eine gute Idee, wenn ich selbst fahre?“ Nee, nee, dann lieber doch nicht. „Ich schicke einen Krankenwagen. Haustiere bitte wegsperren.“ – „Wir haben keine Tiere im Haus, nur Kinder.“ – „Die müssen sie nicht wegsperren.“ Wir müssen beide lachen.

Auf einmal sind wir in Quarantäne

Dann die nächste Überraschung. Statt Männern in Schutzkleidung wie bei „Outbreak“ kommt ein sehr gelassener Sanitäter, der nicht mal Mundschutz trägt. Aber zumindest reicht er meinem Mann an der Tür einen Mundschutz rein. „Ist ja mehr oder weniger eine Grippe“, sagt er. Auf der Straße steigt mein Mann in den Rettungswagen, weg ist er.

„Das war alles?“, kommentiert unser 14-jähriger Sohn ernüchtert. Auch unsere Tochter, drei Jahre älter, kann es kaum fassen. Ich beziehe das Bett neu, jetzt nach der Corona-Diagnose, und stelle die Waschmaschine auf 90 Grad. Wir sind ab jetzt in Quarantäne, bald wird das Gesundheitsamt hier anrufen. Im Kopf gehe ich schon mal unsere Kontaktpersonen durch.

Eine Stunde später klingelt tatsächlich das Telefon, aber es ist mein Mann: „Ich komme zurück.“ Die Sauerstoffsättigung seines Blutes sei viel zu gut. „Glauben Sie mir, Sie sind zu Hause besser aufgehoben“, hat der junge Arzt ihm gesagt. „Da gibt es keine Krankenhauskeime.“ Die Sanitäter auf der Fahrt zurück tragen wenigstens Einmalkittel und Mundschutz. Meinen kranken Mann lassen sie vorm Haus raus, er steigt alleine die Treppe hoch. Dafür desinfiziert die Mannschaft in den nächsten zwanzig Minuten gründlich den Rettungswagen. Ist ja vernünftig.

Kein Anruf vom Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf

Am nächsten Tag bleibt das Telefon still, am Tag darauf auch. Kein Anruf vom Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Keine Abfrage unserer Kontakte. Dabei soll doch Zeit ein wichtiger Faktor sein, um die Ausbreitung einzudämmen. Also nehme ich die Sache selbst in die Hand, rufe und maile unsere engsten Kontaktpersonen an.

Entscheidend sind die 48 Stunden vor Symptombeginn. Leider war ich am Tag, bevor das Fieber kam, noch beruflich unterwegs; nun muss ich drei Familien und unseren Fotografen informieren. Keine sehr angenehme Aufgabe, ich schäme mich. Aber es ist wichtig, dass sie schnell Bescheid wissen – für den Fall dass. Scham hat hier keinen Platz.

Ein Glück, alle sind wohlauf, wir waren sehr vorsichtig. Nur bei unserem Fotografen bin ich unsicher, wir saßen eine halbe Stunde zusammen im Auto. Er ist cool, möchte es aber auch lieber genau wissen und geht zu einer der offiziellen Corona-Teststellen. Nach zwei Stunden Warten wird er dort vom Arzt abgewiesen – es sei ja nur der Ehemann positiv getestet, nicht die Kollegin. Er solle wiederkommen, wenn auch ich positiv getestet werde und er einen Brief vom Gesundheitsamt erhalten habe, dass er eine „Kontaktperson 1“ sei.

Doch das Gesundheitsamt hat sich immer noch nicht bei uns gemeldet, es ist nun schon Montag. Innerhalb eines Tages müssten „80 bis 100 Prozent“ der Kontaktpersonen eines Infizierten „gefunden und getestet“ werden, verlangt der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes Gerd Landsberg. Bei uns geht es langsam auf 72 Stunden zu.

„Rufen Sie nicht uns an, wir rufen Sie an“, heißt es

Die Zeit drängt. Mittags rufe ich also die Corona-Hotline an, treffe dort auf eine etwas muffige Mitarbeiterin, beschreibe ihr unseren Fall. Sollen wir vielleicht unser Gesundheitsamt anrufen? Nein, wehrt die ab, bloß nicht. Alles gehe seinen ordnungsgemäßen Gang, wir sollten die Füße stillhalten. Ihre klare Botschaft: Rufen Sie nicht uns an, wir rufen Sie an.

Montag, spätnachmittags – endlich ist die Dame vom Gesundheitsamt dran. Sehr freundlich erkundigt sie sich bei meinem Mann, wie es ihm gehe, fragt die Symptome ab, bietet Hilfe beim Einkauf an. Wen er 48 Stunden vor seiner Erkrankung getroffen habe? „Niemanden, ich war schon im Homeoffice.“ Irgendwann kann er nicht mehr hustenfrei sprechen und übergibt mir das Telefon.

"Sie gelten als peripher Infizierte“

Sie klärt mich auf, dass wir als Familie natürlich auch in Quarantäne müssen. „Sie gelten als peripher Infizierte.“ Peripher infiziert – was bitte ist das? Klingt nach ein bisschen schwanger. Ich sage ihr, dass mein Sohn und ich auch Symptome haben, nur die Tochter sei symptomfrei. Werden wir jetzt auch getestet? „Nein, das ist nicht nötig“, erklärt sie.

Aber wir haben - anders als mein Mann - 48 Stunden vorher noch Menschen getroffen. Dürfen wir ihr jetzt zumindest deren Kontaktdaten durchgeben? „Nein“, wehrt sie ab. „Sie sind ja nur peripher Infizierte.“ Also keine offiziellen Infizierten. Im Gesundheitsamt will es offenbar keiner so genau wissen, ob wir anderen krank sind oder nicht. Hauptsache weg von der Straße.

Wir, der Rest der Familie, fallen aus allem raus – aus der Statistik, aus der Kontaktpersonensuche, aus der Betreuung. Warum? Womöglich, weil wir so das System entlasten. Abends werden in den Nachrichten die aktuellen Fallzahlen genannt, aber was sind diese Zahlen wirklich wert? Offenbar nicht viel. Mein Sohn und ich jedenfalls sind nicht mitgerechnet, und ich habe den Verdacht, da sind wir nicht die einzigen.

Covid-19 raubt einem den Atem

Die Symptome bei mir und beim Sohn nehmen zu, wir können nun beide nichts mehr riechen. Der scharfe Geruch des Desinfektionsmittels? Völlig weg. Als ich ein Stück Marmorkuchen esse, merke ich, der Geschmackssinn ist auch verschwunden. Süß, salzig? Ich schmecke nur die Konsistenz. Nachts auf dem Sofa im Wohnzimmer, wo ich seit fast zwei Wochen schlafe, beginnen die Sorgen zu kreisen. Die Brust wird eng. Ist es die Angst oder das Virus? Schwer zu sagen. Covid-19 raubt einem den Atem.

In seinem Podcast erklärt Professor Christian Drosten, wenn ein Familienmitglied erkrankt sei, seien es vermutlich alle. Das Virus sei einfach zu ansteckend. Aber den Status als Infizierte wird uns – trotz Symptombeschreibung – verweigert. Testen will man auch nicht. Eine kafkaeske Situation. Es ist nicht ganz einfach, einem Arbeitgeber zu erklären, man sei vom Hausarzt für drei Wochen krankgeschrieben, ohne dass man offiziell krank ist.

Und auf der Quarantäneanordnung meines Mannes, die einer Krankschreibung gleicht, kommt der Rest der Familie nicht vor. Dort steht nur sein Name. Absurd. Zum Glück sieht es unser Hausarzt ähnlich. Meinem Mann geht es weiterhin nicht gut, drum will er ihm bei uns zu Hause nochmal Blut abnehmen. Bei der Gelegenheit werde er uns Dreien Coronatests mitbringen, wir sollen die Testung aber selbst übernehmen. Das sei nicht schwierig. Er schickt den Link eines Youtube-Tutorials zur Vorbereitung.

Die Familie testet sich nun gegenseitig auf Corona

Wir stehen im Wohnzimmer und testen uns gegenseitig. Ich unsere Kinder, meine Tochter mich. Besonders der Nasenabstrich ist eine Herausforderung, denn der Nasenraum verläuft ganz anders als wir dachten. „Waagerecht in die Nase?!“, sagt meine Tochter überrascht. Wir hätten vermutlich den Tupfer eher nach oben geführt, eine altägyptische Foltermethode. Zum Glück hatten wir vorher das Video geschaut.

Feierlich übergeben wir alle Röhrchen mit möglichst großem Abstand unserem armen Hausarzt, der ziemlich unter seiner Maske schwitzt. Blutabnehmen ist so kein Vergnügen, doch es muss sein; das Risiko für ihn ist hoch. Einen Tag später ist klar: Auch unser Sohn und ich sind positiv, nur die Tochter ist negativ. Womöglich hatte sie das Coronavirus vor uns, hat ihn in die Familie getragen, ohne selbst Symptome zu zeigen.

Diesmal habe ich keine Erwartungen. Uns allen geht es nun viel besser, bei meinem Mann wirkt endlich das zweite Antibiotikum, seine Lungenentzündung ist zum Glück bakteriell. Das Fieber ist endlich weg. Wir genießen die Sonne auf dem Balkon, schauen die Welt von oben an.

Am Sonntag – fünf Tage nach unserem zweiten positiven Ergebnis – meldet sich das Gesundheitsamt bei uns, wieder eine nette Dame. Diesmal geht es nur um unseren Sohn und mich, wie gelten ja jetzt hochoffiziell als Infizierte. Wie es uns gehe? Nein, Kontaktdaten will sie keine mehr wissen. „Ihre Treffen sind ja schon mehr als 14 Tage her. Das hat sich inzwischen erledigt.“

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