Virenkiller

Chemiker der HU mischen Desinfektionsmittel

Chemiker der Berliner Humboldt-Universität mischen aus den Grundstoffen dringend benötigtes Desinfektionsmittel für Krankenhäuser.

Thomas Hofmann vom Chemischen  Institut der Humboldt-Universität   in Adlershof verlädt einige Kanister mit hergestelltem Desinfektionsmittel in einen Transporter. Sie werden zur Charité gebracht.

Thomas Hofmann vom Chemischen Institut der Humboldt-Universität in Adlershof verlädt einige Kanister mit hergestelltem Desinfektionsmittel in einen Transporter. Sie werden zur Charité gebracht.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Berlin. Neben Atemmasken und Schutzanzügen ist Desinfektionsmittel in Zeiten der Corona-Krise besonders gefragt. Allein die Charité benötigt jeden Tag mehr als 500 Liter, damit sich Ärzte und Pflegekräfte regelmäßig Hände und Unterarme säubern können. An Berlins Hochschulen hat dieser Bedarf und die drohende Knappheit an Desinfektionsmittel zu einer Hilfsaktion geführt. Wissenschaftler mischen in ziemlich großem Stil die gefragte Flüssigkeit in ihrem Universitätslabor zusammen.

Das Thema Desinfektionsmittel ist deutschlandweit auf der Agenda. Deshalb hat die deutsche Chemieindustrie Anfang der Woche in einer Notvereinbarung Sonderlieferungen der benötigten Grundstoffe an die 370 Krankenhausapotheken in Deutschland zugesagt. In einem ersten Schritt haben verschiedene Mitgliedsunternehmen des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) 700 Tonnen Ethanol, 35.000 Liter Wasserstoffperoxid sowie mehr als 12.000 Liter Glyzerin als Komponenten für Händedesinfektionsmittel zur Verfügung gestellt, wie der VCI mitgeteilte. Dafür hat das Bundeskartellamt eigens die rechtlichen Beschränkungen gelockert.

Grundstoffe zum Teil kostenlos zur Verfügung gestellt

Bereits vor zwei Wochen hatte der Chemieverband in enger Abstimmung mit dem Krisenstab der Bundesregierung eine „Task Force Desinfektionsmittel“ eingesetzt. Darauf ließ sich jetzt aufbauen. „Viele unserer Mitgliedsunternehmen stehen bereit und tragen aktiv zur Notfallversorgung bei“, sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Teilweise würden Desinfektionsmittel und Rohstoffe sogar kostenlos an Krankenhäuser abgegeben.

Allerdings gab es bei der Aktion ein paar Probleme. Zum Einen ist die erste Lieferung in der Fläche eben auch nicht so groß. Pro Apotheke ergibt es zwei Tonnen Desinfektionsmittel. Das reicht in einem riesigen Krankenhaus wie der Berliner Charité gerade mal vier Tage. Zum Anderen schickten die Unternehmen ihre Lieferungen vor allem an Krankenhausapotheken in der Nähe ihrer Fabriken. So versorgt BASF in Ludwigshafen eben vor allem den Rhein-Neckar-Raum.

Berlin verfügt jedoch nicht über nennenswerte Unternehmen der Grundstoff-Chemie. Die Branche ist in der Stadt eher mit der Herstellung von pharmazeutischen Produkten vertreten. Gleichzeitig arbeiten in Berlin aber rund um das seit Jahren bestehende Chemie-Exzellenzcluster an den Hochschulen viele hochkarätige Wissenschaftler. Die fragten sich, wie sie in der Krise helfen können. „Wir können gerade sowieso nicht richtig forschen, da ist Schicht im Schacht“, sagte Michael Bojdys, Professor an der Humboldt-Universität (HU), der normalerweise an neuen Materialien arbeitet, die unter anderem zum Speichern für Energie dienen können. Aber in der Krise gehen auch Koryphäen wie Bojdys wieder zu den Grundlagen ihrer Zunft zurück.

Die Berliner Forscher verarbeiten die Grundstoffe weiter

So nahmen die Berliner Forscher Kontakt zum amerikanischen Konzern Dow Chemicals auf, der in Deutschland in Stade südlich von Hamburg Grund- und Spezialchemikalien produziert. Gleichzeitig war Dow über den Verband gebeten worden, Berlin zu versorgen. Der Konzern hat eigens in seinem Werk eine Nebenanlage in Betrieb gesetzt, um dort zwischen zehn und 15 Tonnen Handdesinfektionsmittel pro Tag herzustellen.

Normalerweise gehört Desinfektionsmittel nicht zum Portfolio. In diesen Tagen soll aber ein Lastwagen mit dem fertigen Produkt und Grundstoffen in die Hauptstadt fahren. „Das Coronavirus ist eine bisher nie dagewesene Herausforderung, der wir uns alle gemeinsam täglich stellen müssen. Ich bin sehr stolz, dass wir einen kleinen, aber sehr wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Pandemie leisten können”, sagte Ralf Brinkmann, Präsident von Dow Deutschland.

Die Berliner Forscher nehmen die Grundstoffe ab, um sie selber im Labor des Chemischen Instituts der HU weiterzuverarbeiten und die Krankenhausapotheke zu entlasten. Aus Kanistern, die 1000 Liter Ethanol, also Alkohol, fassen, kippen sie den Hauptrohstoff zusammen mit Wasserstoffperoxid und Glycerin zusammen. „Wir sind Chemiker, wir können das mischen“, sagte der Professor.

Ein paar rechtliche Hürden waren zu überwinden, denn eigentlich darf nicht jeder in Deutschland Desinfektionsmittel für sensible Bereiche wie Krankenhäuser liefern. Der Bund habe den Wissenschaftlern aber eine Haftungsfreistellung erteilt, heißt es aus der Forscher-Initiative. Abgefüllt wird in Zehn- oder 20-Liter-Kanister, die der Fahrdienst der Universität dann in die Charité bringt. „Wir haben in den vergangenen Tagen jeweils 250 bis 350 Liter hergestellt“, sagte Bojdys. Die Hausapotheke der Charité kontrolliert die Qualität des universitären Virenkillers.

Auch die BVG ist interessiert

Es gehe darum, Engpässe gar nicht erst aufkommen zu lassen, so der Professor. Vorsorglich hätten auch das Deutsche Rote Kreuz und andere Akteure des Gesundheitswesens nach den Diensten der Wissenschaftler-Produzenten angefragt. Aber auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und andere Betreiber kritischer Infrastruktur seien interessiert.

Die gemeinsame Initiative ist auch eine Folge der engeren Kooperation der Berliner Hochschulen. Für den Exzellenzwettbewerb haben sich Freie, Technische und Humboldt-Universität sowie die Charité zur „Berlin University Alliance“ zusammengeschlossen und gemeinsam den Exzellenzstatus gewonnen. Was eigentlich zur wissenschaftlichen Netzwerkbildung und für gemeinsame Projekte gedacht war, klappt nun auch bei der Krisenbekämpfung. „Die Kontakte bewähren sich“, so Bojdys. „Wir könnten auch noch mehr machen.“ Allerdings gibt es dafür einen Flaschenhals. Und das ist ausgerechnet der benötigte Alkohol. „Beim Ethanol gibt es Engpässe, auch die Hersteller haben Schwierigkeiten, welches zu bekommen.“

Sonja Jost, die ein Berliner Chemie-Start-up führt und in der Szene bestens vernetzt ist, hat eine Erklärung dafür. Der von der Corona-Krise am schwersten getroffene Norden Italiens sei der größte Standort von Wirkstoffherstellern in Europa, sagte sie. In ein paar Monaten könnte der Ausfall dort auch die Lieferketten für andere chemische oder pharmazeutische Produkte stören.

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