Wirtschaft in Berlin

U-Bahn-Hersteller Stadler Pankow erweitert sein Werk

Das Bezirksamt gibt 70 Millionen-Euro-Projekt im Pankow Park Wilhelmsruh frei. In den neuen Hallen laufen die Züge der Zukunft vom Band.

In den heutigen Hallen von Stadler Pankow in Wilhelmsruh ist für das Abarbeiten von neuen, milliardenschweren Aufträge kein Platz.

In den heutigen Hallen von Stadler Pankow in Wilhelmsruh ist für das Abarbeiten von neuen, milliardenschweren Aufträge kein Platz.

Foto: imago stock&people / imago/Jürgen Heinrich

Berlin. Der Triumph im Rechtsstreit um die Ausschreibung des Auftrags über 1500 neue U-Bahnen für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in der vergangenen Woche war für den Fahrzeugbauer Stadler Pankow nur ein Teil der Weichenstellung für die Zukunft. Der andere Teil betrifft eine technische Voraussetzung für diese Bestellung im Wert von mehr als einer Milliarde Euro: die Erweiterung des Werkgeländes im Pankower Ortsteil Wilhelmsruh. Nach längeren Verhandlungen mit dem Bezirksamt ist nun klar: Zum April liegt die Baugenehmigung vor, am Hauptstandort von Stadler eine komplett neue Halle zu errichten und eine zweite, schon vorhandene, zu verlängern. Erst mit dieser Genehmigung ist die Produktion der neuen Großprofil-Züge gesichert. Ein wirtschaftlicher Impuls in Zeiten der drohenden Rezession.

„Die Entscheidung, bis zu 70 Millionen Euro in den Standort zu investieren, wurde bereits letztes Jahr getroffen. Das neue Betriebskonzept umfasst den Bau einer neuen Produktions- und Inbetriebsetzungshalle sowie zusätzlicher Büroflächen und einer modernen Kantine für die Mitarbeitenden“, bestätigt Unternehmenssprecherin Silja Kollner die Einigung mit dem Bezirk, die bei der Aufregung über den monatelangen Rechtsstreit mit dem Mitbewerber Alstom fast unterging. „Damit bekennt sich Stadler ganz klar zum Standort in Berlin“, heißt es von Stadler Pankow. Der Ausbau des Standorts auf dem Areal des früheren DDR-Großbetriebs Bergmann-Borsig an der Lessingstraße in Wilhelmsruh sei nötig, um die aktuellen Großaufträge abzuwickeln – dazu zählt aber nicht nur die Produktion von 1500 U-Bahnen für die Linien U5 bis U9 der BVG.

Stadler Pankow baut auch die neue Generation der Berliner S-Bahn

Dadurch, dass Stadler Pankow in Wilhelmsruh auch die neue Generation der Berliner S-Bahn produziert, liegt die Herstellung von Schienenfahrzeugen für die Hauptstadt nun künftig zu großen Teilen in den Händen eines Berliner Unternehmens. Eine Entwicklung, die sich auch bei der Zahl der Arbeitsplätze bemerkbar macht. Standen im Jahre 2000 noch 200 Mitarbeiter auf den Gehaltslisten von Stadler Pankow, so waren es zuletzt 1300. An mehr als 20 Montageständen in derzeit noch zwei Werkhallen fertigen Spezialisten Züge für verschiedene Metropolen Europas. 2019 verließen mehr als 100 Züge das Berliner Werk – so viele wie noch nie.

Wie viele zusätzliche Jobs sich durch den aktuellen Auftrag der heimischen BVG für den Bau der künftigen Großprofil-Bahn ergeben, will das Unternehmen wegen der Krisensituation am Arbeitsmarkt erst zu einem späteren Zeitpunkt bestimmen.

IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder sieht die Nachricht der Expansion bei Stadler als Signal für einen möglichen Aufschwung der Berliner Wirtschaft nach der Corona-Krise und sagt: „In dieser sehr schwierigen Situation zählen jede Nachfrage, jeder Auftrag und jeder Arbeitsplatz mehr denn je. Die Investition wird voraussichtlich wichtige Impulse in weitere Branchen und zuliefernde Unternehmen senden und so auch dort zum Erhalt wichtiger Beschäftigung und Wertschöpfung beitragen.“ Auch Pankows Wirtschaftsstadträtin Rona Tietje (SPD) begrüßt den schnellen Baubeginn auf dem Werksgelände und verweist auf die überalterte Fahrzeugflotte der BVG – „die neuen U-Bahnen von Stadler werden dringend gebraucht“.

Als erstes beginnt im Werk die Herstellung eines hölzernen Modells, dem dann in einigen Monaten die ersten schienentüchtigen Wagen des U-Bahntyps der sogenannten Baureihe J folgen sollen. Bis zur offiziellen Jungfernfahrt dürfte es allerdings noch drei Jahre dauern. Aus Sicht des Pankower Unternehmens, das dem Schweizer Konzern Stadler Rail Group angehört, gibt es derzeit noch keine Sorge, dass sich der Start der neuen U-Bahntypen durch die Corona-Krise verzögern könnte.

Auch baupolitisch dürfte sich die Pandemie nicht bremsend auswirken. „Das Bezirksamt hat das Vorhaben im Sinne des Erhalts der Arbeitsplätze unterstützt. Unsere Wirtschaftsförderung hat den Prozess begleitet“, erklärt Pankows Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) zur planerischen Vorarbeit. Die Baugenehmigung umfasse zunächst einen ersten Abschnitt neben den heutigen Produktionsstätten.

Dort läuft seit 2015 die „kleine Schwester“ des künftigen Großprofilzugs vom Band. Auf den Schmalprofil-Linien U1 bis U4 prägt der Typ IK, Spitzname „Icke“, bereits das Bild an den Bahnsteigen. Von „Icke“ erbt die große Version für die breiteren BVG-Strecken auch die Bombierung – also eine Wölbung der Wagenflanken, die Fahrgästen einige Zentimeter mehr Raum verschafft.

Bekanntester Nachbar von Stadler Pankow: die Rockband Rammstein

Mit dem neuesten Auftrag gewinnt das Wilhelmsruher Industrie- und Gewerbe-Gelände namens „Pankow Park“ nochmals an Bedeutung für die Wirtschaft der Hauptstadt. Wie weit dessen Industrie-Tradition zurückreicht, zeigt sich beim Blick in die Analen der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Ab 1907 ließ Sigmund Bergmann dort eine Elektrogerätefabrik errichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand im stark zerstörten Werk die VEB Bergmann-Borsig, der bedeutendste Hersteller von Energieanlagen in der damaligen DDR. Die Staatsführung veranlasste ab 1953 die zusätzliche fabriksfremde Herstellung von Konsumgütern zur besseren Versorgung der Bevölkerung. Bergmann-Borsig brachte 1954 erstmals den Trockenrasierer „bebo sher“ auf den Markt, der seinen Weg auch in den westdeutschen Handel fand.

Nach dem Mauerfall gelang es nur mit Mühe, den 280.000 Quadratmeter großen Wirtschaftsstandort zu sichern. Heute scheint die Krise überwunden. Im Pankow Park sind inzwischen mehr als 80 Betriebe zu Hause – und sogar eine weltberühmte Band: Rammstein. Für den vorbildlichen Umbau einer der Backsteinhallen zur Zentrale mit eigenem Fan-Shop gewannen die Deutsch-Rocker sogar die Ferdinand-von-Quast-Medaille. Während die einen also historische Fabrikhallen umnutzen, baut gleich nebenan Stadler Pankow für den Verkehr von morgen.