Lungenkrankheit

Coronavirus: Und wieder ein Problem mit einer Disco

Im „Tresor“ infizierte ein Mann vielleicht weitere Personen. Wie Neuköllns Amtsarzt und Gesundheitsstadtrat gegen das Virus kämpfen.

"Sphärische Stimmung" in der Nacht zu Freitag (25.05.2007) im neueröffneten Szene-Club "Tresor" in einem ehemaligen Berliner Heizkraftwerk. Die Location hat drei Ebenen, darunter auch einen Keller, der über einen 30 Meter langen Tunnel zu erreichen ist. Nach der Eröffnung soll der "Tresor" nun jeden Mittwoch, Freitag und Samstag sowie für spezielle Veranstaltungen geöffnet sein. Foto: Johannes Eisele dpa/lbn +++(c) dpa - Report+++ [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ]

"Sphärische Stimmung" in der Nacht zu Freitag (25.05.2007) im neueröffneten Szene-Club "Tresor" in einem ehemaligen Berliner Heizkraftwerk. Die Location hat drei Ebenen, darunter auch einen Keller, der über einen 30 Meter langen Tunnel zu erreichen ist. Nach der Eröffnung soll der "Tresor" nun jeden Mittwoch, Freitag und Samstag sowie für spezielle Veranstaltungen geöffnet sein. Foto: Johannes Eisele dpa/lbn +++(c) dpa - Report+++ [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ]

Foto: dpa Picture-Alliance / Johannes Eisele / picture-alliance/ dpa

Berlin. Es sind solche Überraschungen, die in diesen Tagen den Menschen in den Gesundheitsbehörden noch mehr Sorgen bereiten. Eine Frau meldete sich am Montag beim Gesundheitsamt Neukölln. Ein Bekannter aus Brasilien sei positiv auf das Coronavirus getestet worden, erfuhr Andreas Ruhnau von der Anruferin. Der Mann sei schon wieder in der Heimat, offenbar ist er mit Krankheitssymptomen in den Flieger gestiegen. Vorher hatte er aber im Techno-Club Tresor in Mitte gefeiert. Am 7. März.

Nachdem die Bestätigung für den positiven Test aus Brasilien eingetroffen ist, muss sich Ruhnau in seinem Büro im ersten Stock des Gesundheitsamtes Neukölln an der Blaschkowallee an die Arbeit machen. Denn der Südamerikaner hatte den Club genau in dem Stadium der Krankheit besucht, in der er hochinfektiös war.

Zwölf direkte Kontaktpersonen hatte die Informantin genannt, zwei davon wohnen in Neukölln, die übrigen müssen die Kollegin aus den anderen Bezirken aufspüren und unter Quarantäne stellen. Das Problem sind womöglich Hunderte weiterer Tresor-Gäste. „Es soll sehr voll gewesen sein“, sagt Ruhnau, eher er wieder zum Telefonhörer greift.

Coronavirus in Neukölln: Ziel sind 60 Test pro Tag

Es sind solche neuen Infektionsherde, die auch Amtsarzt Nicolai Savaskan besonders im Blick hat. Wenn er und seine Leute eine bestehende Infektionskette haben, wenn klar ist, wer wen wo angesteckt haben kann, ist ihre Arbeit eine reine Frage der Mengen. Wie viele Menschen schaffen sie, zu kontaktieren? Wie viele Abstriche für Tests können sie nehmen? Das Ziel sind 60 pro Tag.

Deshalb wird jetzt dem Krisenstab in der Blaschkowallee ein drittes Fahrzeug überlassen. Aber solche neuen Fälle, ohne einen Zusammenhang zu anderen, die könnten das exponentielle Wachstum der Infektionen bedeuten, vor der die Virologen warnen. „Es ist aus medizinischer Sicht absolut richtig, gerade Clubs zu schließen“, sagt der Amtsarzt.

Im Haus 1 des früheren Krankenhausgeländes in Britz sind alle Büros belegt, drei Mitarbeiter telefonieren gleichzeitig. Fünf bis sechs Anrufe pro Minute gehen bei der Hotline des Gesundheitsamtes ein, nur die wenigsten davon können Dirk Domisch und Filiz Sükür annehmen. „Die Neuköllner machen sich zwar Sorgen, sind aber sehr freundlich“, sagt Domisch. Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) sagt, man wolle das Hotline-Team von drei auf zehn Mitarbeiter aufstocken. Dazu müssen aber erstmal zusätzliche Telefonapparate besorgt und Platz gefunden werden. „Wir haben noch einen Besprechungsraum“, sagt Liecke. Stand Montag gab es im Bezirk 21 positive Fälle.

Weniger Neuköllner sollen an Krisen-Besprechungen teilnehmen

Bei der Mittagsrunde des Krisenstabes hat Amtsarzt Savaskan ein paar Neuerungen zu verkünden. Künftig nehmen weniger Menschen an den Besprechungen teil, damit sie nicht so viel Zeit verlieren. Die Informationen sollen dann „top-down“, also von den Vorgesetzten nach unten, übermittelt werden. Eine Frau berichtet, eine Kollegin habe ihren Urlaub abgeblasen und könne jetzt mithelfen. Sie wollte auf eine der nun abgeriegelten Nordseeinseln.

Auch in den Osterferien würden viele Kollegen wohl weiter arbeiten. „Man kann ja eh nirgendwo hinfahren“, sagt die Frau. Stadtrat Liecke meldet, zwei Mitarbeiter aus seinem Stab würden ab Dienstag das Team verstärken. Auch eine Bürgerin mit medizinischen Kenntnissen habe Hilfe angeboten. „Vielleicht können wir auch auf diese Dame zurückgreifen.“ Der Amtsarzt hat den Krisen-Dienstplan zunächst bis zum 24. April aufgestellt. Die Corona-Epidemie kann aber auch länger dauern. Das wissen alle im Raum. Die erste Phase der Pandemie-Bekämpfung, das Eindämmen, geht allmählich über in die zweite Phase, den Schutz der besonders gefährdeten Gruppen.

Um den Tisch sitzen auch die Vertreter der anderen Abteilungen des Gesundheitsamtes, vom sozialpsychiatrischen Dienst bis zur Beratungsstelle für Behinderte, Krebs- und Aidskranke. Alle beschränken sich derzeit auf das nötigste, erfüllen nur noch die hoheitlichen Aufgaben, um den Infektionsbekämpfern zu helfen. Auf einer Tafel stehen die wichtigsten Infektionsherde. Darunter sind auch zwei Arztpraxen, eine Kita und eine Schule, ein Arzt im Krankenhaus Neukölln.

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Amtsarzt gibt sich vorsichtig optimistisch

Ein Arzt warnt, man könne bei einem weiteren massiven Anstieg der Fallzahlen in die Verlegenheit kommen, die Menschen, die sich über die Hotline gemeldet haben, nicht mehr alle zurückrufen zu können. Man könne „ahnen, wo wir nächste Woche stehen“. Der Amtsarzt ist optimistischer. Wenn die vom Senat verhängten massiven Einschränkungen greifen, könnte der Anstieg sich verlangsamen und die Behörden kämen doch noch hinterher. Bisher seien etwas mehr als 300 Fälle in einer Vier-Millionen-Stadt noch zu verkraften. Auch die Krankenhäuser seien noch gut aufgestellt. Von den Neuköllnern liegen zwei Patienten mit Symptomen im Krankenhaus. Einer habe einen leichten Verlauf. Ein zweiter Fall ist schwerer, der Mann liege auch wegen Vorerkrankungen auf der Intensivstation. Seine fünf Familienangehörigen seien alle positiv getestet worden.

Auch in Neukölln stellt sich zunehmend die Frage, wie die vielen Menschen in häuslicher Quarantäne eigentlich zurechtkommen. „Es wird viel mehr Bedarf etwa für Hilfen beim Einkauf geben“, sagt eine Frau voraus. Stadtrat Liecke berichtet, er habe ein Angebot der Schaustellerfamilie Wollenschläger bekommen, deren Geschäft jetzt komplett still steht. Wenn der Bezirk also weitere Fahrzeuge oder Personal für Botengänge oder Einkaufshilfen benötige, könne man auf die Schausteller zurückgreifen. „Das ist sehr gut“, sagt der Amtsarzt, „das können wir für unsere Bürger in Quarantäne aufnehmen.“ Aber er will auch die Kontrolle verschärfen, das Kontrollteam aufstocken. Es sei nicht Sinn der Sache, dass Jugendliche in Quarantäne am Nachmittag in den Jugendfreizeitheimen auftauchten.