Radverkehr

Warum es in Berlin immer noch kein Fahrradparkhaus gibt

Wetterfeste Abstellanlagen sind ein sinnvoller Beitrag zur Verkehrswende. 2015 sollten die ersten in Berlin entstehen. Wo es hakt.

Bisher stehen Fahrräder auf Berlins Straßen – und nicht in extra für sie gebauten Garagen. Das soll sich eigentlich ändern.

Bisher stehen Fahrräder auf Berlins Straßen – und nicht in extra für sie gebauten Garagen. Das soll sich eigentlich ändern.

Foto: Reto Klar

Berlin. Es war ein Sonnabend im September 2014, als Berlins Senat die Nachricht zum ersten Mal publik machte: Berlin bekommt Fahrradparkhäuser, kündigte der damalige Verkehrsstaatssekretär und heutige Senatskanzleichef Christian Gaebler (SPD) bei einer Veranstaltung an. Noch im Jahr 2015 sollten wetterfeste Abstellanlagen für Räder am S-Bahnhof Mexikoplatz und am U-Bahnhof Krumme Lanke entstehen. Mittelfristig sollten Fahrradparkhäuser am S-Bahnhof Zehlendorf und in Pankow entstehen.

Am Stand von damals hat sich nicht viel getan: Fünfeinhalb Jahre später steht berlinweit keine der Anlagen. Auch mit dem Bau wurde noch nirgends begonnen. Die Fahrradparkhäuser, Bestandteil der von Senat und Bezirken geförderten Radpolitik, drohen zur unendlichen Geschichte zu werden.

Unklar ist der Planungsstand an mehreren, immer wieder genannten zentralen Standorten. Neben dem Bahnhof Zehlendorf sollen unter anderem am Hauptbahnhof und am Gesundbrunnen Fahrradparkhäuser entstehen. Das Vorbild bei alledem sind die Niederlande.

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Fahrradparkhäuser in Berlin: Vorbild Niederlande

Schon seit Jahren stehen in vielen niederländischen Städten mehrstöckige Anlagen mit Platz für tausende Räder. Das größte Fahrradparkhaus der Welt gibt es seit 2018 in Utrecht. Auf drei Etagen finden hier 12.500 Fahrräder Platz.

Deutlich kleiner dürften die Pläne in Berlin ausfallen. Wer aktuell mit seinem Fahrrad am Hauptbahnhof ankommt und händeringend einen Platz für sein Rad sucht, wäre jedoch auch damit zufrieden, solange es nur endlich einen Ort gäbe, um sein Fortbewegungsmittel geschützt abzustellen. Doch wann und in welchem Umfang am Hauptbahnhof und am Bahnhof Gesundbrunnen endlich Radparkhäuser entstehen, kann die Senatsverkehrsverwaltung auf Anfrage nicht mitteilen.

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Planungen für neue Stationen wurden offenbar gestoppt

Handfeste Fortschritte sind bei dem Thema aktuell nicht zu erkennen. Der Grund ist nach Informationen der Berliner Morgenpost auch ein Planungsstopp. Zuständig für die neuen Fahrradparkhäuser ist die landeseigene Gesellschaft Infravelo, die für das Land Berlin unter anderem die künftigen Radschnellwege konzipiert. Doch die Pläne für die Fahrradparkhäuser stehen offenbar auf Pause. Die Senatsverkehrsverwaltung habe die Infravelo angewiesen, die Planungen für die Fahrradparkhäuser auszusetzen und sich zunächst auf die Radschnellwege zu konzentrieren, heißt es aus Senatskreisen und Infravelo übereinstimmend. Konkret weiterverfolgt würde aktuell lediglich die neue Abstellanlage am Ostkreuz.

Die von Senatorin Regine Günther (Grüne) geführte Verkehrsverwaltung weist dies auf Anfrage zurück. „Die Infravelo und die Bezirke arbeiten weiter an der Planung der Fahrradparkhäuser“, teilt eine Sprecherin mit. Tatsächlich plant die Gesellschaft außer am Ostkreuz aktuell aber keine Anlage. Es gebe jedoch Überlegungen, so die Sprecherin, „dass die Infravelo die Planung für ein weiteres Fahrradparkhaus übernimmt“.

Warum es an weiteren Standorten derzeit nicht weitergehe, bleibt unklar. Womöglich liegt es daran, wie das Thema Fahrradparkhäuser insgesamt bei Infravelo angegangen wird. Statt einzelne, dringende Standorte herauszupicken und zu entwickeln, untersucht die Gesellschaft alle 280 S- und U-Bahnhöfe im Berliner Stadtgebiet auf ihr Potenzial für neue Fahrradabstellanlagen. Zum jetzigen Zeitpunkt könnten dazu „keine Zwischenstände mitgeteilt werden, da die Auswertung erster Analysen noch läuft“, teilte die Sprecherin der Senatsverkehrsverwaltung mit.

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Weiter keine Fahrradparkhäuser in Berlin: Kritik vom ADFC

Kritik an den langen Planungszeitläufen kommt vom Fahrradfahrerclub ADFC Berlin. „Zu unserer Unzufriedenheit müssen wir feststellen, dass Berlin diese Chance in den letzten fünf Jahren verpasst hat“, teilte Sprecherin Carolina Mazza mit. Wer weite Pendlerwege zurücklegen müsse, könnte von solchen Angeboten profitieren. Insbesondere in der Nähe von Bahnhöfe fordere der ADFC bewachte Radstationen, die außerdem mit persönlicher Betreuung und Services ausgestattet werden sollten.

„Erfolgreiche Beispiele kennen wir nicht nur aus den Niederlanden, wo immer mehr Fahrradparkhäuser gebaut oder erweitert werden, sondern auch aus dem nahen Potsdamer Hauptbahnhof“, so Mazza. In der Brandenburger Landeshauptstadt gibt es bereits seit 2015 ein Fahrradparkhaus mit 557 Stellplätzen. Schon seit 2013 können sich Radfahrer in Bernau über eine wetterfeste Station mit Platz für 500 Räder freuen.

In Steglitz-Zehlendorf gibt es Fortschritte - immerhin

Immerhin geht es im Bezirk Steglitz-Zehlendorf langsam voran. Die Bauarbeiten für die Anlage am U-Bahnhof Krumme Lanke soll in diesem Jahr beginnen, teilte das Bezirksamt mit. Geplant ist eine Box mit 16 Stellplätzen sowie eine Sammelschließanlage mit Platz für 48 Räder. Erwartete Fertigstellung sei 2021. Auch am S-Bahnhof Mexikoplatz geht der Bezirk davon aus, 24 Stellplätze in Boxen sowie Doppelstockparker für 64 Räder im Jahr 2021 eröffnen zu können. Am Bahnhof Wannsee sollen künftig 36 Fahrräder in doppelstöckigen Boxen parken können. Zeitplanung aktuell: 2022.

Beim einzigen wirklichen Fahrradparkhaus, der geplanten Anlage am S-Bahnhof Zehlendorf, geht der Bezirk auch erst von einer Errichtung bis zum Jahr 2022 aus. Zunächst müssten auf dem Gebiet Bauarbeiten der Wasserbetriebe abgewartet werden, heißt es.

Gespannt auf die Zukunft können auch Radfahrer sein, die am Bahnhof Charlottenburg und in Lichterfelde-Süd in die Bahn umsteigen. An diesen Standorten planen die Bezirke Fahrradparkhäuser. Konkreter werden die Pläne auch am Bahnhof Ostkreuz. Dort soll die Station im Zuge der Neugestaltung des Vorplatzes entstehen. Geplant sind „1000 Stellplätze oder mehr“, teilte die Sprecherin der Verkehrsverwaltung mit.

Bis es soweit sein wird, dürfte es jedoch noch einige Zeit dauern. In diesem Jahr soll das Regelverfahren für den Bau beginnen. „Die entsprechenden Planungsleistungen werden dann von der Infravelo ausgeschrieben“, hieß es. Einen genauen Zeitplan nannte die Sprecherin jedoch nicht. Nur soviel: „Das Projekt steht noch am Anfang.“

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