Fünf Publikumsrenner im Berliner Technikmuseum

Das Technikmuseum am Gleisdreieck ist so beliebt wie nie. Im vergangenen Jahr gab es einen Publikumsrekord. Und das sind die Highlights

Ein Segelschiff ganz aus Bernstein hat ein polnischer Künstler in den 50er-Jahren erschaffen.

Ein Segelschiff ganz aus Bernstein hat ein polnischer Künstler in den 50er-Jahren erschaffen.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Spätestens zur Mittagszeit ist es voll im Technikmuseum. Überall piept es, heulen Motoren auf, ständig rufen Kinder aus allen Ecken: „Guck mal!“ Das Haus am Gleisdreieckpark erfreut sich stetiger Beliebtheit – bei Kindern sowie bei Erwachsenen. So wie das Museum heute vorzufinden ist, gibt es das seit 1983. In diesem Jahr eröffnete das „Museum für Verkehr und Technik“ mit 1700 Quadratmetern Ausstellungsfläche im Eingangsgebäude an der Trebbiner Straße in Kreuzberg – in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Anhalter Bahnhof.

Der Fokus lag dabei von Beginn an auf der Verbindung zwischen Mensch und Technik. Die ersten Ausstellungen zeigten unter anderem Objekte zur Drucktechnik, zum Straßenverkehr oder Schiffsmodelle und Schiffsmotoren. Mittlerweile zählt das Technikmuseum zu einem der Berliner Freizeithits. 635.382 Besucher, viele davon Touristen, kamen 2019. Das war ein Plus zum Vorjahr von 7,02 Prozent. So viel Publikum wie nie zuvor. Ein guter Grund, die fünf beliebtesten Stationen vorzustellen – und was die Menschen im Museum dazu sagen.

Magnet in Bullaugenvitrine: das Bernsteinschiff

Das ist zu sehen: Auf dem Plateau, das in die große Schifffahrtsausstellung führt, steht dieses Werk: Bis auf die Takelage (die Masten und das Tauwerk), deren Drähte aus Kupfer sind, ist das Schiff aus Bernstein. Ein Künstler hat es in Litauen Mitte der 1950er Jahre zusammengesetzt. „Es ist ein Fantasiemodell, Vorbild war vermutlich eine Galeone aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts“, sagt Maike Priesterjahn, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sammlungsbereich Schifffahrt und Nautik. Frage man Besucher, was ihnen im Haus in Erinnerung geblieben ist, nennen sie immer auch das Werk in der magisch erleuchteten Bullaugenvitrine, so Priesterjahn. „Daran finden sich wahrscheinlich die meisten Finger- und Nasenspitzenabdrücke“, fügt sie lächelnd an (Ort: 1. OG Neubau).

Das sagen Besucher: „Ein richtig schöner Blickfang“, sagt Alexander (43), der mit seinem Sohn Friedrich (9) unterwegs ist. Mit einem gedehnten „cool“ stimmt ihm der Junge zu. Sein Favorit bisher ist ein Webstuhl in einer anderen Etage. „Was die vor vielen Jahrhunderten gebaut haben, ist beeindruckend.“

Der Wagen von Kaiser Wilhelm II.

Das ist zu sehen: Vor diesem Salonwagen steht eine gewaltige Büste von Kaiser Wilhelm II. Der Waggon gehörte zum Hofzug des Monarchen. Seit 1889 war er im Einsatz, sagt Frank Zwintzscher, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Schienenverkehr. Vom Kaiser ab 1918 nicht mehr genutzt, fuhr das edle Stück in ein Museum ein, war dann im Zweiten Weltkrieg plötzlich verschwunden und tauchte laut Zwintzscher überraschend mit neuem Verwendungszweck auf: als Teil des Zuges von UdSSR-Marschall Wassilij Sokolowski, später Oberbefehlshaber der sowjetischen Besatzungstruppen in der Ostzone. Die Reichs- und Königsadler an der Decke ließ der Rotarmist übermalen. Nach dem Mauerfall wurde der Salonwagen in einem Depot in Dresden entdeckt. „Die Reichsbahner dort hatten ihn gehütet wie ihre Augäpfel“, sagt Zwintzscher (Ort: Lokschuppen 1).

Das sagen Besucher: „Der Wagen ist in erstaunlich gutem Zustand“, sagt die 32-jährige Brasilianerin Julia. „Nebenan haben wir uns eben einen Waggon aus der Nazi-Zeit angeschaut.“ Spanier Miguel fährt fort: „Wir sind keine Eisenbahnkenner, aber anhand solcher Ausstellungsstücke begreift man ganz ausgezeichnet und direkt deutsche Zeitverläufe und Entwicklungen.“

Wrack eines Kampfflugzeugs

Das ist zu sehen: Das Flugzeug, eine Junkers Ju 87 „Stuka“, ist Symbol des Angriffskrieges der Luftwaffe in Polen und Frankreich. Den Flugstil, sich dem Ziel entgegen in die Tiefe kippen zu lassen, und das markante Geräusch der Sirene kennt vermutlich jeder. Den Klang, der am Boden Panik ausösen sollte, griffen Filmemacher auf und benutzten ihn immer dann, wenn ein Militärflugzeug abstürzt, erklärt Dirk Schreiber, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Luftfahrtsammlung. Das Museumsstück war 1942 über Russland abgeschossen worden, die Piloten konnten flüchten. Bald benutzten Sowjet-Soldaten die deutsche Maschine als Zielscheibe, sagt Schreiber. 1992 holte sich ein Privatmann das Wrack und verkaufte es später an das Museum (Ort: 4. OG, Neubau).

Das sagen Besucher: Yoram (36) hat seinen Berlin-Gast Oren (32) mit ins Museum genommen. Er lebt in Berlin, arbeitet im Start-up. Beide Israelis sind Ingenieure und beim Anblick der zerschossenen Fliegers entfährt ihnen in ein: „Wow!“. Über die Ausstellung sagt Yoram: „Das Museum bietet so unglaublich viel, man könnte daraus vier eigenständige Häuser machen.“ Oren meint: „Man bleibt überall nur in wenig stehen, weil man Sorge hat, irgendetwas zu verpassen.“

Blitze in der Plasmakugel und Spiegelgalerie

Das ist zu sehen: Direkt neben dem Technikmuseum liegt dieses „Museum zum Anfassen“: das Science Center Spektrum. Es befindet sich im Kopfbau des Anhalter Güterbahnhofs, dort, wo einst die Verwaltung arbeitete, sagt Aram Gorgis, stellvertretender Leiter des Science Centers. Im vergangenen Jahr kamen 236.946 Besucher, 8,93 Prozent mehr als im Vorjahr. Zu den 150 Experimenten wie Hexenhaus und Spiegelgalerie zählt die Plasmakugel. Wer sie berührt, zieht grüne Blitze an, die durch das Gasteilchen-Elektronen-Gemisch darin zucken. Das Science Center zeige laut Gorgis die verschiedenen physikalischen Effekte, die den Maschinen und Erfindungen im Haupthaus zugrunde liegen. „Aber so, dass man daran Spaß hat und dabei, quasi: ganz zufällig, Wissen sammelt“, sagt Gorgis (Ort: wenige einige Schritte vom Museum an der Möckernstraße 26).

Das sagen Besucher: Doreen und Daniela aus Sachsen-Anhalt sind mit ihren 13-jährigen Söhnen auf einem Tagestripp in Berlin. „Die schwirren hier irgendwo im Haus herum“, sagt Doreen (42). „Ein sicheres Zeichen, dass es ihnen gefällt“, fügt Daniela (44) hinzu. Besonders gelungen am Science Center seien die Beschreibungen und Anleitungen an den Objekten. „Kurz und knapp. Genau so, wie es Kinder heute mögen“, findet Daniela.

Computer-Dinosaurier „Z1“ von Konrad Zuse

Das ist zu sehen: An diesem merkwürdigen Gebilde in einer niedrigen Glasvitrine kommt niemand vorbei. Die Maschine ist ein Nachbau des Originalgeräts, das Konrad Zuse 1936 bis 1938 baute. Museumssprecherin Tiziana Zugero sagt, der Bauingenieur wollte eine Maschine bauen, die ihm die immer gleichen, stupiden Berechnungen seines Fachs abnehmen würde. Sein Apparat lief dann mit einer Art Fahrradkette und hatte eine Programmsteuerung mit Lochstreifen. Nachdem das Original im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, baute Zuse dem Technikmuseum eine neue Z1. Den Erfinder hatte immer etwas genervt, dass sich die mechanischen Schaltglieder verhakten. Junge Besucher dagegen lieben die Z1, sagt Tiziana Zugaro. Weil sie so einen Bezug zu ihren eigenen Handys herstellen können (Ort: Haupthaus).

Das sagen Besucher: Natürlich bleibt Arturo (33) als angehender Programmierer vor der Z1 stehen. „Das sieht aus wie das Modell einer Stadt“, sagt der Argentinier fasziniert. Die Ausstellung liefere ihm ein weiteres Stück geschichtlichen Hintergrund zur Informatik. Seine Begleiterin Raquel (40) aus Spanien sagt: „Wie kann jemand bloß einfach so auf solch eine Erfindung kommen?“ Berlinerin Ruth (35) ergänzt: „...und inzwischen ist unser ganzes Leben auf Computer ausgerichtet.“