Mietendeckel

Deutsche-Wohnen-Vorstand rät: Mieter sollen Geld zurücklegen

Henrik Thomsen ist neuer Vorstand der Deutschen Wohnen. Im Interview spricht er über das Thema Mietendeckel.

Henrik Thomsen ist vor 100 Tagen in den Vorstand der Deutschen Wohnen berufen worden.

Henrik Thomsen ist vor 100 Tagen in den Vorstand der Deutschen Wohnen berufen worden.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Berlin. Die Deutsche Wohnen ist mit 100.000 Wohnungen in der Hauptstadt Berlins größter und zugleich umstrittenster Vermieter. Noch immer prüft die Senatsverwaltung für Inneres, ob das Volksbegehren „Deutsche Wohnen und Co enteignen“, das im Juli 2019 mit mehr als 58.000 gültigen Unterschriften erfolgreich die erste Hürde genommen hat, rechtlich zulässig ist. Um Neubau und Sanierung voranzutreiben, wurde vor 100 Tagen Henrik Thomsen in den Vorstand der Deutschen Wohnen berufen. Der gebürtige Däne, der seit 1982 in Berlin lebt, war zuvor unter anderem für die CA Immo und die Groth Gruppe tätig.

Herr Thomsen, wir haben uns auf Ihren Wunsch im Baubüro der Deutschen Wohnen an der Onkel Tom-Straße in Zehlendorf getroffen, warum?

Henrik Thomsen: Weil hier gut zu sehen ist, wie wir bei der Sanierung vorgehen. Diese Siedlung wurde Anfang der 1930er-Jahre vom Bauunternehmer Adolf Sommerfeld zur Beseitigung des damaligen Wohnungsmangels mit modernster Technik errichtet, eine echte Pionierleistung. Wir hatten im Zuge der Sanierung zunächst vor, hier neue Fenster einzubauen, aber dann wurde der Wunsch an uns herangetragen, die alten Doppelkastenfenster zu erhalten. Da dies in diesem Fall tatsächlich möglich war, wurden die Fenster aufgearbeitet und mit Isolierglas energetisch aufgewertet. Das war sehr aufwendig, unsere Vorfahren hatten andere Umweltauflagen und hatten beispielsweise noch bleihaltige Farbe verwendet, die wir nun mühsam entfernen mussten.

Die Fassade wurde aber nicht gedämmt?

Das war schon vorher geschehen. Wir haben hier für elf Millionen Euro 383 Wohnungen saniert. Wir haben die Fenster sowie Dach- und Kellerdecken isoliert, um eine energetische Einsparung von mehr als zehn Prozent zu erzielen. Zudem haben wir uns beim Streichen der Fassade von der Farbgebung des Architekten Bruno Taut, der direkt nebenan die Waldsiedlung Onkel Tom errichtet hat, inspirieren lassen. Türen und Fensterfassungen erstrahlen in einem ausgeklügelten Farbschema, zusätzlich wurde der ursprüngliche Sichtschutz an den Balkonen wieder angebracht. Die Gebäude stehen nicht unter Denkmalschutz, aber wir fanden das Tautsche‘ Farbkonzept einfach schön.

Und wie stark sind dadurch die Mieten gestiegen?

Tatsächlich nur um 50 Cent pro Quadratmeter. Mit dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf haben wir letztes Jahr eine Rahmenvereinbarung geschlossen, um Kommunikation und Ablauf von Sanierungsmaßnahmen, wie dieser mit den Bezirken, ganz grundsätzlich zu regeln.

Sie stehen aber dennoch nicht nur wegen ausgefallener Heizungen in der Kritik, sondern auch als Miethai, der nach Modernisierungen kräftig zulangt.

Da genügt ein Blick in unseren Geschäftsbericht, um diesen Vorwurf zu widerlegen. Die Durchschnittsmiete in unseren Berliner Beständen liegt bei 6,85 Euro, bei Neuvermietung verlangen wir unter zehn Euro.

Für viele Berliner ist aber auch das zu viel Geld.

Aus diesem Grund haben wir im Sommer 2019 unseren Mietern das Versprechen gegeben, dass wir Mietanpassungen nach Modernisierungen und generell im Bestand reduzieren oder sogar ganz darauf verzichten, wenn die Mieter dadurch mehr als 30 Prozent ihres Haushaltseinkommens für die Miete aufbringen müssen.

Wie viele Mieter haben sich daraufhin bei Ihnen gemeldet?

In rund 700 Härtefällen haben wir Mieterhöhungen gekappt. Beantragt hatten dies 1200 Mieterhaushalte, das heißt, wir haben in fast 60 Prozent der Fälle die Mieterhöhung beziehungsweise die Modernisierungsumlage reduziert oder ganz ausgesetzt.

Am 23. Februar ist der Mietendeckel in Kraft getreten. Haben Sie den schon in Ihre Sanierungs- und Neubaupläne eingepreist?

Wir sind der Auffassung, dass der Berliner Mietendeckel nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Gut, dass es jetzt offenbar zügig eine Überprüfung des Gesetzes vor dem Bundesverfassungsgericht geben wird. Aber alle Sanierungsmaßnahmen, die wir unseren Mietern bereits angekündigt haben und die schon in der konkreten Planung sind, werden wir auch so durchführen wie angekündigt. Die Einnahmeausfälle durch den Mietendeckel können sich in fünf Jahren auf bis zu 330 Millionen Euro belaufen. Das müssen wir für die weiteren Planungen für Berlin natürlich berücksichtigen.


Werden Sie sich trotz Ihrer Zweifel an der Rechtmäßigkeit an den Mietendeckel halten?

Wir werden genau das machen, was das Gesetz vorsieht. Wie vorgeschrieben werden wir unsere Mieter schriftlich informieren.

Haben Sie schon ein Musterschreiben erarbeitet?

Die Mieter werden Briefe mit allen Informationen erhalten, die sie derzeit brauchen, um ihre Mietendeckelmiete nachvollziehen zu können. Das ist für uns ein enormer Aufwand, denn wir müssen rund 100.000 Briefe versenden. Momentan befassen sich sehr viele unser Mitarbeiter mit diesem Thema, zumal sich der Gesetzentwurf Anfang dieses Jahres noch einmal erheblich verändert hat.

Werden Sie Ihre Mieter in den Anschreiben darauf hinweisen, dass das Gesetz möglicherweise später einkassiert wird und sie die eventuelle Mietdifferenz besser zurücklegen?

Das gehört zur Fürsorge, da sind wir uns mit Senatorin Katrin Lompscher ausnahmsweise einmal einig. Wir raten allen Mietern, das Geld zurückzulegen, um nicht aufgrund von Mietrückständen später in Schwierigkeiten zu geraten.

Und was bedeutet der Mietendeckel für Ihre Neubauvorhaben?

Neubauvorhaben sind ja der Grund, warum ich zur Deutschen Wohnen gekommen bin. Ich will bauen.

Nennen Sie bitte ein paar Beispiele.

In der Daumstraße in Spandau haben wir ein Projekt, für das wir bereits einen Architekturwettbewerb durchgeführt haben – den übrigens ein dänischer Architekt gewonnen hat. Wir wollen in Abstimmung mit dem Bezirk 280 Wohnungen bauen. Allerdings müssen wir dort zunächst eine sehr aufwendige Altlastensanierung durchführen. Da es sich bei dem Areal um eine ehemalige Kampfmittelfabrik handelt, sind noch Munition und andere Altlasten im Boden. So eine Sanierung ist teuer und zeitintensiv, aber wir werden nach Abschluss dieser Arbeiten dort bauen.

Was haben Sie noch in der Pipeline?

Ein tolles Projekt auf dem Areal des alten Kabelwerks in Köpenick an der Friedrichshagener Straße. Hier wollen wir 1200 Wohnungen bauen. Die Planungen für dieses Projekt stehen aber noch ganz am Anfang. Aktuell gibt es auf dem Areal denkmalgeschützte Fabrikhallen Wir reden gerade mit den Denkmalschutzbehörden, wie wir damit umgehen sollen. Auch hier wollen wir mit dem Bezirk zu einer Vereinbarung kommen, bei der auch der Denkmalschutz eine Rolle spielen soll.

Und was ist mit der Siedlung Westend in Charlottenburg? Davon hat man ja lange nichts mehr gehört…

Das ist ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt. Wir können hier 580 Wohnungen im schönen Westend bauen. Deshalb nehmen wir das Gespräch mit dem Bezirk wieder auf, um gemeinsam eine Lösung zu suchen. Wir brauchen Wohnungen in der Stadt und sollten deshalb Kompromisse finden.

Darf man das auch als Kritik daran verstehen, wie die Deutsche Wohnen hier bislang agiert hat?

Nein. Alle mit dem Projekt betrauten Kollegen haben mit viel Kompromissbereitschaft über Jahre hinweg den Dialog mit Politik und Mietern gesucht. Das Projekt kam auch aufgrund widersprüchlicher Ansprüche zwischen Land und Bezirk sowie den unterschiedlichen Parteien zum Erliegen. Wir wollen aber vorankommen und nun sehe ich große Chancen, den Stillstand zu beenden.

Welche konkret? Sie hatten da doch schon Bezirksvereinbarungen angeboten, etwa die, dass die Mieter in den neu errichteten Wohnungen nicht mehr zahlen, als in ihren alten, die für den Neubau abgerissen werden sollen?

Ich möchte nicht vorgreifen, ich glaube alle Seiten wollen eine Lösung. Es kann doch nicht sein, dass bei diesem Wohnungsmangel 580 Wohnungen in einem der attraktivsten Bezirke Berlins nicht gebaut werden. Wir dürfen uns nicht nur mit Regulierung beschäftigen. Wir wollen die Ärmel hochkrempeln und endlich bauen.

Könnte die mögliche Lösung sein, dass die alten Gebäude stehen bleiben und dazwischen nur nachzuverdichten?

Das wäre wegen der schlechten Qualität eine fatale Entscheidung. Wir haben da 210 Wohnungen, die Bausubstanz ist nicht so gut wie etwa hier an der Onkel-Tom-Straße. Der Abriss ist für uns Voraussetzung für das Neubauvorhaben.

Sie haben unter anderem auch die Aufgabe, dem Unternehmen, das der Enteignungskampagne ihren Namen gab, ein besseres Image zu verpassen. Wie wollen Sie das schaffen?

Zunächst einmal war ich positiv überrascht, als ich die Deutsche Wohnen von innen kennengelernt habe. Das Unternehmen ist vollkommen anders als sein momentanes, negatives Image. Die Mitarbeiter denken viel über Verbesserungen für die Mieter nach, wir diskutieren über Quartiersentwicklungen und neue Mobilitäts- und Wohnkonzepte. Auch operativ ist viel passiert. So haben wir seit 2017 die Zahl der Hausmeister nahezu verdoppelt, auf heute 300. Es gibt inzwischen einen zentralen Kundenservice, um die Anliegen unserer Kunden schneller abzuarbeiten. Das Beschwerde-Management wird umorganisiert. Ich stelle nach gut drei Monaten fest: Hier herrscht Aufbruchstimmung.

Trotz dieser Bemühungen waren Sie auch in diesem Winter wieder in den Negativschlagzeilen – etwa weil am Kottbusser Tor die Heizung ausgefallen war.

Jeder dieser Vorfälle schmerzt unsere Mieter und deshalb müssen wir sie komplett beseitigen. Wir investieren viel Geld, um stetig besser zu werden. Es gelingt uns bei rund 100.000 Wohnungen in der Stadt gut, aber leider noch nicht überall.

Bei uns melden sich aber häufig Deutsche-Wohnen-Mieter mit entsprechenden Beschwerden...

Wie gesagt, jeder Heizungsausfall schmerzt, selbst wenn wir gar nichts dafür können. Es gibt Rohrbrüche oder die Energieversorgung wird unterbrochen. Aber so etwas bleibt dann trotzdem an uns hängen, damit müssen wir als großer Vermieter leben. Fakt ist aber: Wir kümmern uns. Wir nehmen die Anliegen unser Mieter sehr ernst und wir wollen uns daran messen lassen, was wir tun, und nicht daran, was an Anekdoten über uns kursiert.