„Kiezblocks“

Berlins Kieze sollen durch Poller zu autofreien Zonen werden

Initiativen wollen zahlreiche Berliner Kieze vom Autoverkehr befreien. Unterstützung erhalten sie dabei von Rot-Rot-Grün.

Poller im Kreuzberger Wrangelkiez: Initiativen wollen in Berlin sogenannte „Kiezblocks“ oder „Superblocks“ einrichten.

Poller im Kreuzberger Wrangelkiez: Initiativen wollen in Berlin sogenannte „Kiezblocks“ oder „Superblocks“ einrichten.

Foto: Reto Klar / Reto Klar / Funke Foto Services

Berlins Kieze sollen deutlich verkehrsberuhigt werden. Dafür setzen sich Initiativen und Politiker in mehreren Innenstadtbezirken mit der Planung von „Kiezblocks“ ein – und erhalten Rückendeckung aus der rot-rot-grünen Koalition.

Auf einer Podiumsdiskussion am Donnerstagabend sprachen sich die verkehrspolitischen Sprecher Tino Schopf (SPD) und Harald Moritz (Grüne) sowie der ehemalige verkehrspolitische Sprecher der Linken, Harald Wolf, einhellig dafür aus, Wohnviertel in der Innenstadt größtenteils vom Autoverkehr zu befreien. „Wir wollen Räume schaffen, in denen Austausch stattfinden kann, und den Autoverkehr in der Stadt zurückdrängen“, sagte Wolf.

„Kiezblocks“ oder „Superblocks“ sollen Durchgangsverkehr verdrängen

Ziel der Initiativen ist die Einführung sogenannter „Kiezblocks“ oder „Superblocks“. Mit Pollern und Einbahnstraßen wird die Straßenführung in den Stadtvierteln so verändert, dass Autos fast immer wieder da herauskommen, wo sie in die Nebenstraße eingebogen sind. Ziel ist, den Durchgangsverkehr aus den Kiezen zu drängen und Autos fast ausschließlich über die Hauptstraßen zu führen. Damit sollen die Wohngebiete von Verkehrslärm und Abgasen befreit werden. Vorbild der Berliner Projekte sind „Superblocks“ in Barcelona. Dabei werden mehrere Häuserblöcke zu einem Quartier zusammengeschlossen.

Innerhalb der verkehrsberuhigten Zonen haben Fußgänger und Radfahrer Vorrang. Zwar ist auch weiterhin jedes Haus per Auto für Anwohner oder Lieferdienste erreichbar – jedoch immer nur in genau jenem Teilblock, der angesteuert wird. Das Durchfahren wird unmöglich gemacht.

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Kiez um die Bergmannstraße könnte Vorreiter sein

„Der ,Kiezblock’ kann eine hohe Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum schaffen“, sagte Moritz. Das Konzept müsse nun an praktischen Beispielen in Berlin durchgespielt werden. Dazu könnte es schon in diesem Jahr kommen. Als möglicher erster „Kiezblock“ gilt die Gegend um die Bergmannstraße in Kreuzberg. Bereits im November hat die dortige Bezirksverordnetenversammlung beschlossen, den Kiez zu einer verkehrsberuhigten Zone zu machen. Helfen sollen dabei unter anderem Poller und ein System von Einbahnstraßen. „Unser Ziel ist, das noch in diesem Jahr fertigzustellen“, sagte Stadtrat Florian Schmidt (Grüne).

Am weitreichendsten sind die Pläne der Initiativen in Pankow. Dort hatte die Bezirksverordnetenversammlung beschlossen, Machbarkeitsstudien zu erstellen, um den Durchgangsverkehr in Quartieren zu vermeiden. Organisiert von den Initiativen Changing Cities und Netzwerk Fahrradfreundliches Pankow legten Anwohner nun Konzepte für 18 „Kiezblocks“ vor. Sie machen rund ein Drittel der Bezirksfläche aus. Die Ideen würden dem Bezirksamt bei der Erstellung der Machbarkeitsstudien helfen, sagte Vollrad Kuhn (Grüne), Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung in Pankow. Nun müsse geprüft werden, wie die Vorschläge „im Rahmen von Modellprojekten“ umgesetzt werden können.

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Zunächst würden wohl drei Kieze in den Blick genommen, sagte Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke). Ein ganzes Viertel zum „Kiezblock“ zu machen, brauche womöglich etwas länger als ein paar Monate. „Aber vielleicht gehen manche Maßnahmen tatsächlich schon schneller“, so Benn. Bevor die „Kiezblocks“ kämen, müsste zunächst auch mit weniger engagierten Bürgern in den Wohngebieten gesprochen werden, sagte der Bezirksbürgermeister. „Man darf das nicht übers Knie brechen, wenn man es wirklich will.“

Verkehrsverwaltung unterstützt „autofreie Kieze“

Unterstützung kommt vom Senat. Die Verkehrsverwaltung stehe den Initiativen positiv gegenüber, wenn sie das Ziel der Verkehrswende verfolgen, teilte ein Sprecher mit. Im aktuellen Doppelhaushalt 2020/2021 stünden allen Bezirken zusammen zwei Millionen Euro auch für die Entwicklung von Verkehrskonzepten für „autofreie Kieze“ bereit.

Im Bezirk Mitte fordern die Grünen das Bezirksamt auf, Gebiete für „Superblocks“ zu identifizieren und mit den Anwohnern zu entwickeln. „Alle Kieze, die wir uns künftig anschauen, sollten unter dieser Prämisse betrachtet werden“, sagte Johannes Schneider (Grüne). Auch SPD-Verkehrsexperte Tino Schopf unterstützt das Modell, mahnt jedoch: „An den Hauptstraßen hat man dann massiven Verkehr. Die Leute da gehen auf die Barrikaden.“ Das Konzept funktioniere nur, wenn gleichzeitig auch das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs massiv ausgebaut werde.

Vor einer Verlagerung des Verkehrs auf die Hauptstraßen warnt auch Roland Stimpel, Sprecher des FUßgängerverbands FUSS e.V. "Wir wollen nicht nur kleine Inseln und ringsum tobt das Meer", sagte er. Kiezblocks müssten Teil eines Konzepts sein, bei dem negative Auswirkungen von den Hauptstraßen ferngehalten werden. Grundsätzlich jedoch unterstützt er die Idee. "Die Kieze sollen geprägt sein von dem, was die Anwohner wollen. Das ist nicht der Verkehr."

Eher negative Auswirkungen sieht der Automobilclub ADAC. Für Autos würden die Wege länger, wenn die Blocks umfahren werden müssen. „Mehr Anfahr- und Bremsvorgänge wären die Konsequenz. Daraus entsteht womöglich sogar eine höhere Umweltbelastung in den Quartieren“, hieß es.