Virus

Charité: Ansteckungsrisiko bei Corona größer als angenommen

Es gibt neue Erkenntnisse zu den Übertragungswegen. Das Robert-Koch-Institut vergleicht die Entwicklung mit schwerer Grippewelle.

Medizinisches Personal arbeitet in der Unterdruck-Isolationsstation des Jinyintan-Krankenhauses in Wuhan.

Medizinisches Personal arbeitet in der Unterdruck-Isolationsstation des Jinyintan-Krankenhauses in Wuhan.

Foto: Uncredited / dpa

Berlin. Führende Berliner Wissenschaftler vergleichen die mögliche Ausbreitung des Coronavirus’ mit den Gefahren einer schweren Grippewelle. Die aus China gemeldeten Zahlen zum Fortschreiten der Epidemie und der daraus resultierenden Todesfälle stellen die Experten infrage. Dort seien das Meldesystem und auch viele Kliniken überlastet, sagte der Charité-Virologie Christian Drosten bei einem Pressegespräch in der Akademie der Wissenschaften. Darauf deute die hohe gemeldete Sterblichkeitsrate in China hin. Dort sterben 2,2 Prozent der registrierten Infizierten an dem Virus. Unter den infizierten Menschen außerhalb Chinas überleben nur etwa 0,2 Prozent die Krankheit nicht.

Das neue Virus verbreite sich nach derzeitigen Erkenntnissen über den Rachenraum und sei deshalb ansteckender als das Sars-Virus, das sich erst in der Lunge entwickelt habe. Offenbar werde es über Tröpfcheninfektion und nicht durch die Luft übertragen. Noch wisse man aber nicht genug über den Verlauf, sagte Drosten.

Coronavirus: 60.350 Infizierte, 1370 Tote, 6260 Genesene - 503 Fälle außerhalb Chinas

Die offiziellen Zahlen zum Coronavirus – Stand Donnerstag – referierte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler. Derzeit gebe es 60.350 Fälle, 1370 Tote und 6260 von der Krankheit Genesene. Entscheidend für die Einschätzung, ob sich das Virus von einer Epidemie zu einer Pandemie ausweiten könnte, sei der Verlauf außerhalb Chinas. Bisher gebe es 503 Fälle in 24 Ländern, einen Toten auf den Philippinen und 17 schwere Krankheitsverläufe.

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Wieler sagte, man sei derzeit nicht in der Lage, die Dynamik des Ausbruchs zu prognostizieren: „Wir wissen nicht, in welche Richtung der Ausbruch läuft“, so der RKI-Chef. Alle Zahlen seien mit Vorsicht zu genießen. „Wir sind in der Eindämmungsphase.“ Es gelinge bisher, lang anhaltende Infektionsketten zu verhindern: „Man kann so das Virus in Schach halten.“

Wieler verglich die mögliche Entwicklung mit einer schweren Influenza-Welle, wie es sie 2017/18 gab. Damals habe es in Deutschland 25.000 Todesfälle und zehn Millionen Arztbesuche gegeben. Das belaste den normalen Krankenhausbetrieb, auch weil viele Ärzte und Pfleger erkrankten. Es sehe aber so aus, „als ob diese Erkrankung wie eine schwere Grippewelle läuft“, sagte Wieler. „Großes Ziel ist, diese von normaler Influenza zu entkoppeln, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten“, sagte der RKI-Präsident.

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Coronavirus: Bisher gibt es in Berlin keine Infizierten

Charité-Chef Heyo Kroemer sagte, bisher seien in Berlin keine positiven Patienten identifiziert worden. „Wir bereiten uns aber an der Charité intensiv vor.“ Der per Video zugeschaltete Münchener Infektionsmediziner Clemens Wendtner, der neun infizierte Patienten behandelt, berichtete von bis auf einen Fall „sehr milden Verläufen“. Acht Patienten hätten maximal grippeähnliche Symptome, leichtes Fieber und Husten gezeigt. Einer leide an Lungenentzündung, sei aber auf dem Weg der Besserung.

Von einem Impfstoff gegen das neue Coronavirus sind die Forscher noch weit entfernt. Entwicklung, Herstellung, Tests und Zulassung der Medikamente würden mindestens anderthalb Jahre dauern, sagte der Charité-Virologe Drosten. Sein Münchener Kollege Wendtner bestätigte diese Einschätzung. Die Mediziner empfahlen den Bürgern, sich möglichst gut über das Coronavirus zu informieren. Sollte sich das Virus weiter ausbreiten, müsste jeder entscheiden, was für ihn persönlich zu tun sei. Da könnte es etwa darum gehen, Familienmitglieder mit Vorerkrankungen zu schützen.

Denn bisher sei bekannt, dass das neue Virus Kinder fast nie und auch Schwangere sehr selten befalle. Risikogruppen seien hingegen vor allem ältere Männer. Sich durch Gesichtsmasken zu schützen, wie das Menschen in Asien versuchen, halten die Fachleute nicht für ratsam: „Maskentragen in Deutschland ist Unsinn“, sagte Wendtner. Masken sollten für das Krankenhauspersonal reserviert bleiben. Um Kontakte mit China besser kontrollieren zu können, wurde die einzige direkte Flugverbindung zwischen Berlin und Peking von Hainan Airlines bis Ende März ausgesetzt.